Gedanken zur Woche: Macht Mähdrescher aus Panzern!

Mähdrescher

Schwerter zu Pflugscharen, heißt es im Alten Testament. Heute könnte das Leitwort lauten: "Macht Mähdrescher aus Panzern". Foto: dpa / Patrick Pleul

Andacht - Die geplante deutsche Panzerlieferung an Saudi-Arabien sorgt für heftige Diskussionen. Das ist gut so, findet Pfarrer Jost Mazuch in den "Gedanken zur Woche" im Deutschlandfunk. Und vielleicht lässt sich das Rüstungsgeschäft ja noch verhindern.

Von Jost Mazuch

Sie fliehen vor den Panzern, vor Granaten, Gewehren, Minen. Und oft, viel zu oft, sind es Waffen aus
Deutschland, die ihre Häuser, ihre Heimat zerstören, ihre Angehörigen töten und sie selbst an Leib und
Seele verwunden. Opfer der Kriege, der Bürgerkriege in aller Welt. Manche von ihnen kommen als
Flüchtlinge bis zu uns nach Deutschland, einige auch nach Köln.

Die Gewalt hat ihr Leben beschädigt

Wenn ich als Flüchtlingsbeauftragter meiner Kirche mit ihnen spreche, dann spüre ich auch noch nach Jahren, wie sehr die Gewalt des Krieges ihr Leben beschädigt hat. Dann sehe ich in ihren Gesichtern etwas von dem, was da in den Kriegsregionen geschieht, die sonst für mich so weit weg sind. Kosovo. Kongo. Iran. Pakistan. Afghanistan. Libyen. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Am Ende der Kriege stehen immer Opfer. Menschen, die getötet, verletzt, seelisch verwundet wurden.

Sie habe ich vor Augen, wenn ich in dieser Woche von den Panzern höre, die aus unserem Land nach Saudi-Arabien geliefert werden sollen. Diese Panzer sind nicht irgendein Exportartikel. Sie sind hocheffiziente Kriegsmaschinen, konstruiert, um Menschen zu töten, andere Panzer, Flugzeuge, Dörfer und Städte zu zerstören. Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, dass deutsche Leopard-Panzer irgendwann aufrollen gegen Menschen, die auch in Saudi-Arabien Demokratie fordern, oder in einem Krieg in dieser instabilen Region.

Deshalb bin ich froh, dass dieses geplante Geschäft nicht so geräuschlos über die Bühne geht wie so viele andere Rüstungsexporte. Vielleicht ist es ja noch zu verhindern. Viele kritische Stimmen haben sich in dieser Woche dazu zu Wort gemeldet, auch aus den Kirchen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, sagte: „Die geplante Lieferung nach Saudi-Arabien ist vor allem deshalb sehr bedenklich, weil in diesem Land eine sehr fragile und problematische Menschenrechtssituation vorliegt.“ Und er verwies auf die grundsätzliche Haltung der Evangelischen Kirche: "Rüstungsexporte tragen zur Friedensgefährdung bei."

Wie viel Hoffnung und Rückgrat haben wir?

Natürlich kenne ich auch die Gegenargumente. Da sind politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel, Milliardengeschäfte und viele Arbeitsplätze. Wenn wir nicht liefern, so heißt es, kauft Saudi-Arabien die Panzer eben in Russland. Das mag so sein. Aber ich meine, hier geht es nicht nur um eine einzelne politische Entscheidung. Es geht auch um die Frage: Wie viel Hoffnung und wie viel Rückgrat haben wir? Können wir uns überhaupt eine Welt vorstellen, in der Kriege vermeidbar sind? In der es das Ziel der Politik ist, dass immer weniger Panzer hergestellt werden – und nicht möglichst viele?

Es gibt in der Bibel eine alte, starke Vision: Eines Tages werden die Menschen ihre Schwerter zu
Pflugscharen umschmieden und aus ihren Lanzen Winzermesser machen, und sie werden nicht mehr
lernen, wie man Krieg führt (Micha 4,3). Warum? Weil Frieden, nicht Krieg, unsere menschliche
Bestimmung ist. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, erklärte die erste Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam. So haben es die Kirchen endlich verstanden, nachdem sie über Jahrhunderte selbst in Krieg und Gewalt verstrickt waren. Darum setzen sie sich auch dafür ein, die Rüstungsproduktion herunterzufahren und Waffenexporte stärker zu kontrollieren.

Schwerter zu Pflugscharen, Panzer zu Mähdreschern, Werkzeugkisten statt Karabiner – es wird viel Phantasie und Mut nötig sein, damit die milliardenschweren Rüstungsaufträge durch sinnvollere, verantwortbare Produkte ersetzt werden. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass dies möglich wird. Viele Kriegsflüchtlinge kommen in unser Land, weil sie wissen, dass hier Frieden herrscht und die Menschenrechte respektiert und geschützt werden. Es wird Zeit, dass auch über Rüstungsexporte zuerst nach diesen Kriterien entschieden wird: Was dient dem Frieden und den Menschenrechten? Ich meine: Das sind wir den Opfern der Kriege schuldig.


Diese Andacht von Pfarrer Jost Mazuch aus Köln lief am Freitagmorgen in der Rubrik "Gedanken zur Woche" im Deutschlandfunk. (Foto: rundfunk.evangelisch.de)
 

Kommentare

Verfasst von Gast am 16. Juli 2011 - 10:34.

Gedanken zur Andacht

Dies ist eine Andacht aus dem Heile-Welt-Land Deutschland. Und es wird ja auch...

Dies ist eine Andacht aus dem Heile-Welt-Land Deutschland.

Und es wird ja auch richtig bemerkt, dass in Deutschland Frieden herrscht und dass in Deutschland viele Flüchtlinge -zum Glück- Aufnahme finden.

Zum einen muss aber auch letzteres bezahlt werden. Zum anderen halten Sie die Andacht bitte mal in Saudi-ARabien bzw. im Nahen Osten-hier vorausgesetzt: man lässt Sie.

Dort wird man Ihnen schnell davon erzählen, was es heißt, einem hochgerüstetem Iran gegenüber zu stehen, der sich dem Zuspruch der UN-Sicherheitsrat-Vetomacht China sicher sein kann und gern zum Hegemon des Nahen Ostens aufsteigen möchte.

Nun kann man lakonisch einwerfen,...ja was soll es? Saudi-Arabien beachtet die Menschenrechte nicht mehr als der Iran, für die Menschen ändert sich doch nichts! Mag sein, doch hier gibt es einen Unterschied: Saudi-Arabien respektiert alle Landesgrenzen im Nahen Osten. Selbstverständlich machen auch sie Einflusspolitik, selbstverständlich unterstützten sie die Regierung Bahrains gegen Aufstände, natürlich ist Saudi-Arabien kein Musterknabe im Umgang mit Menschenrechten.

Und doch: sie sind Garant für Frieden in der Region, seit die letzten offen ausgetragenen Grenzstreitigkeiten mit dem Jemen 1976 in einen Friedensvertrag mündeten, 2003 verweigerte man den USA sogar von Saudi-Arabien aus Krieg gegen den Irak zu führen. Und dazu kaufen sie Werkzeug in Deutschland, Pflugscharen wohl in den USA und nun eben auch Panzer.

Natürlich können wir in unserem heile-Welt-Land mit der Pace-Fahne wedeln und sagen: neee, Rüstungsgüter bekommt ihr nicht, stellen wir jetzt auch nicht mehr her. Wir sind jetzt die Guten!

Doch was antworten Sie auf die Fragen dieser Region: Eure europäischen Armeeen haben doch 40 Jahre den Frieden in Europa gesichert, weil für beide Seiten klar war, dass ein Angriff auf den Gegenüber so gut wie keinen Erfolg verspricht? Warum dürfen wir das nicht so machen? Warum schreibt ihr uns wie zu Kolonialzeiten schon wieder vor, was wir zu tun und zu lassen haben, obwohl unsere Zivilisationen viel älter sind als eure?

Zugegeben, das ist kein Idealzustand und andere Ideen hätten mehr Charme. Doch ist die Zeit für andere Ideen wirklich schon reif im Nahen Osten? Ist der Biss in die saure Zitrone nicht doch mitunter gesünder als der in die süße Schokolade?

Wer mag kann hier eine Darstellung der Monarchien des Nahen Ostens entnehmen: Königswege ins 21. Jahrhundert - Die arabischen Monarchien im
Vergleich, Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. vorgelegt von
Helmut Elbers: http://deposit.fernuni-hagen.de/1425/1/elbers_koenigswege.pdf

In einem Satz: Krieg muss verhindert werden, mitunter auch mit dem vorgezeigten Schwert, so berechtigt unerträglich das für uns Deutsche auch ist.

Verfasst von Gast am 15. Juli 2011 - 13:36.

Keine schlechte Idee

"...es wird viel Phantasie und Mut nötig sein, damit die milliardenschweren...

"...es wird viel Phantasie und Mut nötig sein, damit die milliardenschweren Rüstungsaufträge durch sinnvollere, verantwortbare Produkte ersetzt werden." Auch wenn die Saudis jetzt mal keine Mähdrescher gebrauchen können. Im Prinzip könnten die deutschen Christen schon etwas leisten in der Frage, wie man sich verhält, wenn andere Staaten, zu denen man gute Beziehungen hat oder künftig haben möchte nach Rüstungsgütern verlangen. Im Falle der Golfstaaten hätte Frau Merkel ja schamhaft ihre von wirtschaftlichen Motiven geprägten Staatsbesuche ausfallen lassen können. Hätte den deutschen Unternehmen, nicht nur der Rüstung ein paar Milliarden weniger Aufträge eingebracht, Aufträge von Kunden, die immer gut bei Kasse sind. Und man hätte sich die Teilnahme an der wichtigsten Waffenexport-Messe im Nahen Osten sparen können, das ist eine Prestigefrage. In beiden Fällen eine Gewissensentscheidung, die man durchaus treffen kann. Man ist aber nun einen anderen Weg gegangen, das C im Namen der regierenden Partei wurde von wirtschaftlichen Zwängen oder Verlockungen überboten. Wie es halt im Alltag des kleinen Mannes nicht anders vorkommt.

Ich möchte die Fans der SchwerterzuPflugschar-Bewegung gar nicht erst als Klugscheißer verunglimpfen, obwohl ich das bei anderer Gelegenheit gerne getan habe. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Nehmen wir mal an, von den 24 Mill. evangelischen Christen in D könnten 10 Mill. eine Summe von 1000 Euro im Jahr spenden. Das wären 10 Mr. Euro. Wenn Sie das in Aktien der Rüstungsunternehmen stecken, können sie nach einigen Jahren dort die Kontrolle übernehmen und die Produktion auf andere, friedvollere Artikel umstellen. Sie könnten die Leute natürlich auch entlassen und die Firmen schließen. Gewissensfragen. Aber sagen Sie nicht, Sie seien nicht so frei.

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