Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will das schwindende Wissen über christliche Glaubensinhalte mit neuen Kursangeboten bekämpfen. Foto: Photocase/secretgarden
Christliche Bildung -
Sehnsucht nach religiöser Orientierung: Die Kampagne "erwachsen glauben" der Evangelischen Kirche will Erwachsenen das Christentum nahe bringen.
Von Martina Schwager
Ursula M. ist der Glaube an Gott abhandengekommen. Sie kann nicht mehr beten: "Ich hoffe, dass ich das hier wieder lerne." Ihr Mann erwartet eine Antwort auf die Frage, warum Gott so viel Leid in der Welt zulässt. Beide sind Teilnehmer eines Glaubenskurses in Osnabrück. 250 Menschen sind der Einladung von zehn evangelischen Gemeinden gefolgt. "Immer mehr Menschen sehnen sich nach religiöser Orientierung", erklärt Regionalbischof Burghard Krause als Kursleiter die große Resonanz.
Erwachsenen das Christsein nahe bringen
Der Kurs "Reise ins Land des Glaubens" ist Teil der Kampagne "erwachsen glauben" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Glaubenskurse - je nach Zielgruppe gibt es acht verschiedene - sollen sich neben Konfirmandenunterricht oder Seniorenkreisen als neues Angebot in den Gemeinden etablieren, sagt Projektleiter Andreas Schlamm aus Berlin. Sie sollen Erwachsenen das Christsein nahe bringen.
Glaubenskurse in Osnabrück
"Erwachsen glauben" heißt die Gesprächsreihe des Osnabrücker Regionalbischofs Burghard Krause. Achtmal geht es um Kernfragen des Glaubens und um die persönlichen Wege zum Glauben. (c) ekn
Osnabrück ist derzeit die Vorzeigeregion der EKD-Kampagne. Ein Glaubenskurs dieser Größenordnung sei in Deutschland bislang einzigartig, sagt Schlamm. Auch in anderen Gemeinden und Kirchenkreisen nehme die Kampagne langsam Fahrt auf. Die hannoversche und die badische Landeskirche hätten bereits 2009 Steuerungsgruppen eingerichtet und seien deshalb besonders weit. Die Resonanz aus den übrigen Regionen sei ebenfalls sehr positiv.
Erfahrungen aus England zeigen Schlamm zufolge jedoch, dass das Projekt einen langen Atem braucht. Erst nach Jahren fühlten sich auch diejenigen angesprochen, die noch nie einen Bezug zur Kirche hatten.
"Glaube ist kein religiöser Schnellimbiss"
Der christliche Glaube werde heute nicht mehr vererbt wie ein Muttermal, sagt Burghard Krause. Der Osnabrücker Landessuperintendent ist auch Autor des von ihm geleiteten Kurses. Das Christentum müsse mit einer Vielzahl religiöser und esoterischer Angebote konkurrieren. Da sei Transparenz wichtig - und Aufklärung. Vielen seien die Grundbegriffe des Christentums nicht mehr geläufig: "Es gibt Menschen, die halten Golgatha für eine Zahncreme und das Goldene Kalb für einen Filmpreis."
Mit missionarischem Übereifer habe das nichts zu tun. Das macht Krause gleich am ersten Kursabend klar. Bedrängen will er niemanden. Fair soll es zugehen. Jeder habe die Freiheit, Nein zu sagen. Er will vielmehr Lust machen auf Gott, "werben für die Schönheit eines Lebensentwurfs". Aber er stellt auch klar: "Glaube ist kein religiöser Schnellimbiss."
Wer es ernst meint, der muss sich viel Zeit nehmen für die Reise ins Land des Glaubens. Zweieinhalb Stunden dauert ein Abend. Insgesamt wird es acht geben. Kurzreferate und Gesprächsgruppen wechseln einander ab. Doch die Atmosphäre ist locker: Man sitzt in der Marienkirche gemütlich an Tischen. Es gibt zu trinken und kleine Häppchen zu essen, zur Einstimmung auch leise Musik. Die Gesprächsgruppen treffen sich in eigens angemieteten Räumen unweit der Kirche. Ein 50-köpfiges Team hat den Kurs seit anderthalb Jahren vorbereitet.
Zur Auseinandersetzung anregen
Krause konfrontiert seine Zuhörer zunächst mit den eigenen Gottesbildern: Er spricht vom Wellness-Gott, der nur verwöhnen, aber nicht provozieren soll, vom Notfall-Gott, den man möglichst nicht in Anspruch nehmen will, oder dem Kontrolleur-Gott, der jeden Regelverstoß ahndet. Er fegt sie allesamt als unbrauchbar vom Tisch. Nur eines lässt er gelten: "Jesus ist die einzige Sehenswürdigkeit im Land des Glaubens."
An den weiteren Abenden wird es um Themen wie Sinnsuche, Taufe oder innere Verletzungen gehen. Krause, der schon vor 20 Jahren Glaubenskurse angeboten hat, geht mit seiner Kirche nicht immer zimperlich um: Sie sei zu sehr in Tradition und Konvention verhaftet. Das schrecke heute viele Menschen ab: "Manche sind fertig mit unserer Kirche, aber noch lange nicht mit ihrem Glauben."
Auch Ursula M. hatte fast schon mit dem Thema abgeschlossen: "Aber dieser Kurs ist endlich mal ein spannendes Angebot, das zur Auseinandersetzung anregt. Nach dem ersten Abend habe ich noch lange mit meinem Mann diskutiert."
epd
Kommentare
Kann die Kirche?
Ich möchte bezweifeln, dass die Kirche heute noch den Menschen den Glauben nahe bringen kann. Dazu müsste sie selbst erst einmal wissen, was Glaube überhaupt ist.
Christlicher Glaube wurde von Jesus als die Lösung aller menschlichen Probleme verstanden. Deshalb konnte man auch von Er - lösung sprechen.
Was heute aber unter christlichen Glauben verstanden wird, ist oft nichts als ein Luftgespinnst.
Ein Mensch, der sich als vergänglich versteht, ist dadurch von Leben getrennt (und somit in seiner Lebenshaltung tot), da das Leben an sich ewig ist. Aus diesem falschen Bewusstsein (=Sünde) entspringen die falschen Verhaltensweisen (Sünden), und damit Leid, Krankheit und physischer Tod, oder seelische Qual (Hölle).Erst wenn sich das Leben im Menschen seiner selbst als ewig bewusst werden kann und dieses Bewusstsein zur Herrschaft gelangt, kann alles eben genannte Übel der Menschheit überwunden werden. Das ist die Gnade, die uns gegeben wurde. Überwinden müssen wir selbst.
Das ist die wahre christliche Lehre.
Hier Hilfreiches zum christlichen Glauben: http://glaubeunderkenntnis.blogspot.com/
The Learning
Manche Leute gehen trotz Glauben (oder gerade deshalb) an der Realität des Lebens vorbei.
Nüchternheit ist gefragt - trotz biblischer Kenntnisse. Wir leben noch nicht im Himmel.
Grüße
Jes we can?!?
Ich habe mich sehr über den Artikel gefreut, weil ich es sehr gut finde Kurse anzubieten für erwachsene Menschen die sich religiös neu orientieren, oder die mehr von ihrem anerzogenen christlichen Glauben erfahren wollen.
Aber wieso steht das Ganze unter dem Motto "Jes we can"? Ist das ein Einfall der Autorin, oder das Motto des Kurses?
Ich muss mich bei dem Satz richtig ein bisschen fremdschämen. "Yes we can" war mal cool, als Obama, den Satz von Bob dem Baumeister geklaut hat. Das ist aber nun auch schon mindestens drei Jahre her und mittlerweile kenne ich niemanden mehr, den der Spruch vom Hocker reißt.
Muss so ein veralteter Slogan wirklich sein? Ich finde der macht das ganze Angebot, das eigentlich wirklich toll ist völlig lächerlich.
Lust auf Gott?
Ich glaube weder an einen Gott noch an einen Teufel. Ich glaube nur an mich selbst. Die Kraft dazu erhalte ich durch die Natur, denn die betrügt nicht.
Gehe in den Wald und du spürst ein wenig Erhabenheit des Göttlichen.
Der Mensch braucht die Natur, die Natur braucht aber nicht den Menschen.
Der Mensch glaubt, er braucht einen "Gott", aber wozu braucht ein Gott den ewig sündigen Menschen?
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