Pfarramt - Wie ist das eigentlich, wenn einer frisch anfängt in seinem Beruf als Pfarrer? Muss er sich das Vertrauen erst verdienen, oder stehen ihm alle Türen offen? Hilft das Studium einem weiter, oder ist im Alltag alles ganz anders? Ein Theologe, der gerade die ersten Wochen im Pfarramt hinter sich gebracht hat, berichtet.
"Die ersten drei Jahre im Beruf sind die Hölle." Die Worte meines Lehrpfarrers klingen mir noch in den Ohren. Der Mann hatte seine Erfahrungen gemacht. Aber sollten sich meine Erfahrungen damit decken? Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn die erste Stelle im Beruf als Pfarrer darf man sich nicht selbst aussuchen. Man wird eingeteilt. Für die Kirche sind Berufsanfänger nämlich die einzige Möglichkeit, unattraktive Stellen ohne Bewerber aktiv zu besetzen.
Im Ergebnis bedeutet dies, dass Berufseinsteiger nur die Stellen bekommen, die keiner der Kollegen haben will. Keine besonders gute Voraussetzung für einen entspannten Anfang – aber muss das gleich "die Hölle" sein? Auch, wenn einen durchaus das Los mit drei eigenständigen Gemeinden und 13 Predigtstellen treffen kann, die man alleine versorgen muss: Nein, die Hölle sieht wohl noch mal anders aus.
Vertrauensvorschuss von Amts wegen
"Herr Pfarrer, Gott sei Dank, schön dass Sie endlich da sind. Ich müsste Ihnen da mal etwas sagen..." Die Menschen in den Gemeinden, die nach meistens langer Zeit endlich wieder einen neuen Pfarrer, eine neue Pfarrerin bekommen, sind diesen gegenüber sehr aufgeschlossen. Vertrauen muss man sich oft gar nicht erst verdienen. Vertrauen wird dem Amtsträger entgegengebracht, bevor er selbst etwas dafür tun kann. Das merkt man an den persönlichen Begegnungen, in denen ganz schnell sehr private Themen angesprochen werden.
Der Vorschuss an Vertrauen und Vertrautheit hat auch einen Nachteil: Man wird auf der Straße von Leuten gegrüßt, die man nach eigenem Gefühl noch nie im Leben zuvor gesehen hat. "Hallo, Herr Pfarrer! Sind sie schon gut angekommen?" Das ist schön, denn es zeigt, dass die Integration in einem völlig neuen Sozialraum doch gut und schnell gelingen kann. Aber es ist auch unangenehm, denn mit jedem Gruß erhöht sich der Druck, den Namen des anderen doch auch zu kennen und über die Straße schmettern zu können.
Lust und Last des Feierns in der Gemeinde
Dieser Druck wird von den Gemeindegliedern gezielt dadurch erhöht, dass sie einen zu allen möglichen Veranstaltungen, in Vereine, zu ihren Gruppen und Kreisen einladen. Immer verbunden mit der Erwartung, dass der Amtsträger auch wirklich auftaucht. Schon am Tag der Amtseinführung habe ich zum Beispiel einen ganzen Stapel von Handzetteln mit nach Hause bekommen: Das Konzert einer Gesangsgruppe, die Termine eines Sportvereins, eine Einladung zum Treffen der Hobbygärtner der Gemeinde, die "save-the-date"-Information über einen Polterabend.
Freilich war der Polterabend die angenehmste der Verpflichtungen. Aber eben auch eine Verpflichtung: In einem lockeren Rahmen Präsenz zu zeigen und viele Menschen aus Gemeinde und Gesellschaft kennen lernen zu können, ist am Anfang der Berufslaufbahn besonders wichtig. Sympathien über den kleinen Kern der aktiven Gemeindeglieder hinaus sind ein Kapital, von dem man später zehren kann. All dies verhält sich übrigens durchaus so, wie man es in der praktischen Ausbildung für den Pfarrberuf, im so genannten "Vikariat", gelernt haben könnte.
Taufen, trauen, beerdigen? Routine!
Und es schlägt sich nieder im Terminkalender: Frühmorgens ein Termin im Dekanat bei der Dienstvorgesetzten. Anschließend Besprechung mit Kollegen über die nächsten Wochen. Dann ein Treffen wegen der neuen Homepage der Gemeinde. Ein Glück, dass es Ehrenamtliche gibt, die dabei helfen wollen! Kurz vorbeischauen beim Seniorenmittagsessen im Gemeindezentrum, dann nach Hause und den nächsten Gottesdienst vorbereiten. Ein Trauergespräch am Nachmittag. Schnell den Altkleiderbasar besuchen, bevor Frau und Kind nach Hause kommen. Kurz gemeinsam zu Abend gegessen, schon geht es weiter zu einer Gruppe, die sich um die Bewahrung ökologischer Nischen im Gemeindegebiet kümmert. Der Tag ist vorbei, aber es steht immer noch viel Unerledigtes auf den Listen: Der Anruf bei der Schulverwaltung, der Besuch im Altenheim, von der persönlichen Stillen Zeit mit aufgeschlagener Bibel ganz zu schweigen.
Durch die intensive Ausbildung, die nach sieben Jahren Studium weitere zwei Jahre in der Praxis bedeutet, sind manche Felder pfarramtlichen Handelns glücklicherweise schon zur Routine geworden. Gottesdienste vorbereiten und feiern, Trauergespräche führen, Verstorbene beerdigen – das, was man landläufig als die eigentliche Arbeit der Geistlichen betrachtet, ist den Einsteigern in aller Regel schon längst in Fleisch und Blut übergegangen. "Herr Pfarrer, Bestattung am Neunundzwanzigsten – haben Sie Zeit?" – "Klar. Kein Problem. Ich schiebe mir das zurecht."
Wenn der Nachbar mit dem Kuchen klingelt
Neu ist dagegen die Herausforderung, auch als Person des öffentlichen Lebens einzusteigen und möglichst schnell Fuß zu fassen in der Gemeinde. Wer Theologie studiert und ein Vikariat absolviert hat, der weiß aber in der Regel auch hier, wie er die anstehenden Aufgaben anzugehen hat. Gewissermaßen ohne Vorbildung starten im Gegensatz dazu die Ehepartner von Berufsanfängern in ihr Amt, das einer "Pfarrfrau" oder, neuerdings an Häufigkeit zunehmend, eines "Pfarrmannes". Diese müssen sich ebenso schnell einlassen auf das Dasein als öffentliche Person, auch wenn sie es nicht in der gleichen Weise "gelernt" haben. Damit haben sie vielleicht die eigentliche Herausforderung zu tragen.
Auch die Ehepartner von Pfarrerinnen und Pfarrern leben von dem Vertrauensvorschuss und leiden unter der Verpflichtung, stets überall ansprechbar, freundlich und präsent sein zu müssen. Dabei gehen die Erwartungen an die Verhältnisse im Pfarrhaus heute in aller Regel an der Realität weit vorbei. Es gibt nicht mehr die Pfarrfrau, die selbst nicht berufstätig ist, sich der Kindererziehung widmet und in ihren freien Stunden den Kindergottesdienst vorbereitet, die Bedürftigen vor ihrer Haustür speist und ein offenes Ohr für die Senioren hat, die sie regelmäßig mit einem Stückchen Kuchen besuchen kommen.
Die Hölle sieht anders aus
In Wirklichkeit sind die Pfarrfrauen und –männer meist selbst beruflich sehr eingespannt und haben keine Kapazitäten, um ihre Ehegatten im Pfarramt zu unterstützen. Bis diese Veränderungen von der kirchlichen Basis aber wahrgenommen und akzeptiert werden, dürfte noch einige Zeit vergehen. "Frau Pfarrer, Sie könnten doch noch..." Nein, kann sie nicht – sie muss Geld verdienen, wie viele andere Menschen auch.
Die Hölle ist es nicht, als Berufseinsteiger in einer Gemeinde anzufangen, die keiner der Kollegen haben wollte. Eine prägende Herausforderung ist es aber gewiss. Und das nicht nur für die Amtsperson selbst. Allein, wie sollte eine Ausbildung aussehen, die einen auf diese Herausforderung abschließend vorbereitet? Es gibt sie nicht und kann sie nicht geben. Die harten ersten Jahre muss jeder selbst durchmachen, um wirklich davon profitieren zu können. Insofern ist es dann doch ein bisschen wie in der... Nein. Die Hölle sieht ganz gewiss noch mal anders aus.
Christoph Bährmann ist ein Pseudonym. Der Autor des Artikels ist der Redaktion von evangelisch.de bekannt.







Kommentare
Was ist eigentlich die
Was ist eigentlich die Hölle?
Wolfgang Petry wollte doch immer dahin oder war schon drin, oder die Hells angels, oder ist es die Spielhölle? Oder sind es die Sklavenhöllen von Mandingo? Ist es die Feuerhölle bei einem schweren Autounfall? Oder die Einbeziehung in fürchterliche Naturgewalten: Vulkanausbruch, Tsunami, Erdbeben, Tornados, Epidemien. Oder sind es Kriegsschauplätze? Terrorszenarios, wie beispielsweise der Einsturz der twin-towers? Ist es die unfreiwillige Teilnahme einer Geisel bei einem Banküberfall? Oder erlebt ihn ein Vergewaltigungsopfer? Oder ist es die Hölle in einem Buschfeuer gefangen zu sein?
Oder ist das alles gleichzeitig die Hölle?
Also irgendwie habe ich diesen Begriff noch nie in Zusammenhang mit einer Pfarrstelle gehört! Vielleicht hatte der Pfarrer ja eine Wasserader unter seinem Bett, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ!
Es gibt heute nur noch sehr wenige Berufe, in denen man zum Beten kommt, Herr Pfarrer! Das ist leider ein Fakt. Wenn man sich die Muße nimmt, kann man auch gleich seine Lohnsteuerkarte abholen!!!!!! Sorry!
Routine:? Also vorweg: Ich
Routine:?
Also vorweg: Ich halte es nach wie vor für absolut wichtig, einen Pfarrer in der Gemeinde zu haben, der mit den Verwandten der Verstorbenen ein Trauergespräch führt. Natürlich kann dieser nicht die Rolle eines Psychologen ersetzten.Dafür wird er ja auch nicht bezahlt.
Aber allein die Tatsache, dass jemand noch einmal das Leben des Verstorbenen Revue passieren läßt, hilft ungemein, sich mit der Situation abzufinden, die ja nun mal leider nicht mehr rückgängig zu machen ist.
Und natürlich ist jeder Pfarrer auch nur ein Mensch, der u. U. selbst nach Worten suchen muß, weil ihn der Tod eines Kindes sehr berührt.
Allerdings kann hier ein Pfarrer auch eine Menge "Mist bauen", wenn er z. B. nicht genau über seine Gemeindemitglieder im Bilde ist. Von vorschnellen, unüberlegten Predigten rate ich ab, wenn man sich nicht unbedingt in die Nesseln setzen will!
Routine ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber eine gewisse Sicherheit in allen Handlungen kann für jeden Pfarrer sehr hilfreich sein! Und: Ein Pfarrer muß auch mal in seinem eigenen Interesse " Nein" sagen können, sonst wird er verheizt!
Aber: All die "Großmäuler", die stets und ständig über die Pfarrer schimpfen und der absoluten Meinung sind, keinen zu brauchen, sind in gewissen Situationen überaus dankbar, einen um sich zu haben!
Religion ist eben doch etwas anderes, als ein Sportverein und kann nicht durch diesen ersetzt werden! Ich bedanke mich bei allen Pfarrern, die ich kennen gelernt habe, ob alt oder jung. Ich möchte ihre Anwesenheit nicht missen, halte sie aber in der Jugendarbeit-Schule,Jugendgruppe, Konfirmandenarbeit, Freizeit- für sinnvoller eingesetzt, als in der Seniorenarbeit. Man sollte über eine pädagogische Zusatzausbildung nachdenken, wenn die Kirche auch in Zukunft noch über Kirchensteuer zahlende Gläubige verfügen möchte! Und außerdem sollte man glaubensübergreifend arbeiten- und auch das will gelernt sein! Sonst werden in Zukunft die Toten vom Schieds- oder Linienrichter zu Grabe getragen! Das würde mich -ehrlich gesagt- sehr traurig machen, denn ich sehe, das eine gewachsene christliche Kultur so langsam vollends verblasst. Und das hat die Kirche selbst zu verschulden! Kirche sollte sich nicht wie ein Waschmittel vermarkten lassen, sondern auf eigene Fähigkeiten und Stärken setzen. Glaube war schon immer etwas äußerst Intimes. Was war so schlecht daran?
Routine?
Wenn ausgerechnet Trauergespräche und Beerdigungen zur Routine werden und in Fleisch und Blut übergehen, ausgerechnet diese sensiblen und wichtigen Seelsorge-Bereiche, dann ist was schief gelaufen. Sicherlich, Termine schiebe ich mir zurecht, das ist kein Thema. Aber dann kommt jedes Mal die Spannung, weil jeder "Fall" anders ist und ich mich bei Betreten des Zimmers auf eine mir in der Regel unbekannte Situation einstellen muss. Was kann da Routine sein? Mir ist es nach über 30 Dienstjahren noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, sondern Fleisch und Blut sind jedes Mal neu aufgestellt. Wie will ich Menschen in einer tiefen Krise nahe sein, wenn ich es schon drauf habe? Trösten, manchmal getröstet werden, in einem kleinen Stübchen mit Witwe und Tochter beten, manchmal nur eine Weile schweigen, auf dem Hof von der zweiten Tochter noch den ganzen Kummer mit dem Vater anhören und mit vollem Kopf nach Hause fahren, den Gottesdienst vorbereiten, in dem ganz gewiß keiner mitsingen wird, ganz individuell Texte heraussuchen und bei der Trauerfeier in weinende, manchmal versteinerte, manchmal Hilfe suchende Gesichter schauen, Kinder und kleine Enkel einbeziehen und persönlich ansprechen, wie soll das Routine werden? Nein, die ersten Jahre sind nicht die Hölle, aber manchmal geht man mit Menschen ein Stück durch die Hölle, wenn man mit ihnen am offenen Sarg des verunglückten Sohnes steht und ihnen Mut macht, ihn noch einmal zu berühren, aber immer ist der Himmel dabei, ein offener und barmherziger Himmel.
Lieber junger Kollege, schützen Sie sich vor Routine und halten Sie Herz und Seele offen für die schönen und schweren Überraschungen dieses wunderbaren Berufes. Wenn Sie der Routine erliegen, haben Sie verspielt und machen Ihren Job. Und glauben Sie mir, die Leute spüren das.
Danke...
Danke, ich sehe das genauso.
Aber vielleicht hat sich der Kollege nur ungenau ausgedrückt und meinte, daß er sich auf diese Aufgaben - im Gegegnsatz zu vielen anderen - gut vorbereitet fühlt, was ja dann im Einzelfall Herausforderung und Überraschung nicht ausschließen muß.
Barbara
Danke, Kollege... hier läuft
Danke, Kollege...
hier läuft offenbar einiges schief!!
Die angebliche Routine bei den so intensiven Begegnungen mit Menschen wurde ja schon angesprochen.
Ich bedauere aber auch die Gemeinden, die einen Pfarrer abbekommen, der "seine" Gemeinden derart wahrnimmt. Wenn Stellen einige Zeit keine Bewerber finden, hat das ganz sicher so viele Gründe, wie es potentielle Bewerber gibt und im Zweifel noch ein paar mehr. Da kann es ja kaum angehen, dass ein junger Kollege sich von allgemeinen "die da oben wollen uns eh nur verheizen-Sprüche" dazu anstecken läßt, seine Gemeinde derart negativ konnotiert zu beschreiben. Wieder muss man fragen: warum sieht der junge Kollege nicht die Menschen, die da auf einen Pfarrer warten??
Meiner Erfahrung nach spüren die Gemeindeglieder extrem sensibel, wie ein Pfarrer seine Arbeit macht. Macht er sie, weil er gern für die Menschen da sein will und ihnen als Begleiter und Prediger dienen will oder macht er einen Job, weil die da oben dem jungen Schnösel nicht gleich die erste Stelle an der Stadtkirche in XYStadt angetragen haben.
Gut das es nicht die Hölle
Gut das es nicht die Hölle ist. Die Chancen dort wieder rauszukommen stehen schlecht, oder? Die Weisheit, Sittlichkeit und Vertiefung möchte Dich ewig begleiten.
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