Jesuiten erziehen die Kinder des Bildungsadels

Chemieunterricht am katholischen St. Benno-Gymnasium

Chemieunterricht am katholischen St. Benno-Gymnasium des Bistums Dresden-Meißen. Seit fast täglich neue Missbrauchsfälle an den Jesuitenschulen in Deutschland bekannt werden, droht der Mythos diesen Einrichtungen zu bröckeln. Foto: epd-bild/ Steffen Giersch

Jesuiten - Seit Jahrhunderten gelten Jesuitenschulen als Ausbildungsstätten für Eliten. Die Schulen hören das nicht unbedingt gerne, aber wo Schulgeld fällig wird, sammeln sich die Kinder der Wohlhabenden und Reichen.Das Leistungsniveau ist hoch, der Leistungsdruck auch. Aber die jüngsten Skandale um bekannt gewordene Missbrauchsfälle an Schulen wie dem Berliner Canisius-Kolleg kratzen am Image der katholischen Kollegs und Internate.

Von Jutta Wagemann

Es war der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs selbst, der er es am drastischsten formulierte. "Der Mythos CK hat etwas so Lächerliches", sagte Pater Klaus Mertes vor einigen Tagen dem "Tagesspiegel". Seit fast täglich neue Missbrauchsfälle an den Jesuitenschulen in Deutschland bekannt werden, droht der Mythos, zerstört zu werden.

Nicht nur in Berlin gehört das Jesuitenkolleg zu den begehrtesten Gymnasien der Stadt. Auch die Jesuitenschulen in Bonn-Bad Godesberg und St. Blasien im Schwarzwald haben in ihrer Region jeweils einen sehr guten Ruf. Eliteschule werden die Gymnasien, die meist in repräsentativen Gebäuden untergebracht sind, oft genannt. Ähnliches gilt selbst für das St.-Benno-Gymnasium in Dresden und die St.-Ansgar-Schule in Hamburg, die sich gar nicht mehr in der Trägerschaft des Ordens befinden.

In den Schulen fällt die Reaktion auf das Etikett Eliteschule allergisch aus. "Das wird uns von außen angehängt, aber wir unterscheiden uns von anderen Schulen allenfalls durch unser Internat in der Sozialstruktur", sagt der Öffentlichkeitsreferent des Kollegs St. Blasien, Wolfgang Mayer. Jesuiten seien durch ihr Theologie- und Philosophiestudium wissenschaftlich gut ausgebildet und legten Wert auf eine umfassende Bildung. Daher rühre sicherlich zu einem Teil der gute Ruf der Schulen.

Bessere Bildungsergebnisse an konfessionellen Schulen

Auch der Präsident der "Stellaner-Vereinigung", einem überregionalen Zusammenschluss ehemaliger Jesuiten-Schüler, reagiert distanziert auf den Begriff "Elite". Wenn mit "Elite" der "Dienst am anderen" gemeint sei, treffe der Begriff auf Jesuitenschulen zu, sagt Konstantin Knecht. Es gehe auf den Schulen nicht nur um geistige Bildung, sondern auch um Herzensbildung. "Man geht nicht auf eine solche Schule, um irgendwann das große Rad zu drehen." Jesuiten werde allerdings immer unterstellt, "dass das alles schlaue Jungs sind".

Der größte katholische Männerorden hatte wegen der exzellenten Ausbildung der Ordensbrüder stets den Ruf der intellektuellen Elite oder gar der "Elitetruppe des Papstes". Bildung und Ausbildung spielen in dem Orden seit seiner Gründung durch Ignatius von Loyola eine herausragende Rolle. Loyola gründete 1548 das erste öffentliche Kolleg mit einem - damals höchst modernen - humanistischen Bildungsideal.

Das hohe Leistungsniveau an den Jesuitenschulen ist allerdings ein Phänomen, das sich auch an anderen konfessionellen Schulen findet. Annette Scheunpflug, Pädagogik-Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat bei konfessionellen Schulen sowohl bessere Bildungsergebnisse als auch ein besseres soziales Klima ausgemacht. Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) untersuchte sie 2005 auf Basis von PISA-Ergebnissen und Einzelfallstudien evangelische Schulen und fand heraus, dass die Schüler beim Leseverständnis besser abschnitten als Schüler staatlicher Schulen. Außerdem wurden schwache Schüler besser integriert.

Leistungsdruck und privilegierte Schüler

Es ist vor allem das Bildungsbürgertum, das seine Kinder auf katholische oder evangelische Gymnasien schickt, die häufig Latein statt Englisch als erste Fremdsprache anbieten und Religion als Pflichtfach haben. "Bildungsadel, nicht Geldadel", sagt Scheunpflug mit Blick auf die Elternhäuser.

Für die beiden Jesuitenschulen mit angeschlossenem Internat, das Aloisiuskolleg in Bonn und das Kolleg St. Blasien, gilt dies jedoch nicht. Gut 14.000 Euro im Jahr müssen Eltern aufbringen, die ihr Kind im Internat unterbringen wollen. Trotz einzelner Schüler mit Stipendien bedeutet dies zwangsläufig, dass Kinder vermögender Eltern und aus Familien mit prominenten Namen die Schulen besuchen, oft über Generationen. Neben einem Leistungsdruck entsteht dadurch für Schüler aus weniger privilegierten Elternhäusern oft das Problem, bei Kleidung, Autos oder teuren Hobbys nicht mithalten zu können - die Kehrseite der Eliteschule.

Wie sehr der Ruf der Jesuitenschulen durch die Missbrauchsfälle leiden wird, ist kaum auszumachen. Knecht von der "Stellaner-Vereinigung" der Ehemaligen berichtet, wie schockiert alle seien, aber auch wie bedrückt, wenn Jesuiten jetzt unter Generalverdacht gestellt würden. Die Pädagogin Scheunpflug hat bei ihrer Studie festgestellt, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis an evangelischen Schulen oft besser ist als an katholischen. Dort hingegen erreiche das Verhältnis der Schüler untereinander bessere Werte. Aber ebenso hält sie fest: "Die Gesamtschau sagt nie etwas über die einzelne Schule aus."

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 3. März 2010 - 11:52.

Zusammenrücken des Bildungsbürgertums

Zu "Jesuiten erziehen die Kinder des Bildungsadels" möchte ich darauf hinweisen...

Zu "Jesuiten erziehen die Kinder des Bildungsadels" möchte ich darauf hinweisen, das die Selektion des Mileus vor allem durch die Eltern stattfindet, die den Schulen ihre Kinder anvertrauen. Wem es nur um Karrieaussichten geht, der schreckt davor zurück, wenn ihm ein Schulleiter erzählt, es ginge an der Schule vor allem um Werte. So zeigt sich in der Schülerschaft teurerer weltlicher Internate wie z.B. Salem oder Louisenlund zu kirchlichen Einrichtungen ein Milieuunterrschied, der augefällig ist. Das Zusammenrücken des Bildungsbürgertums an den konfessionellen Schulen ist also auch eine Folge des gesellschaftlichen Verdachts gegen solche Einrichtungen. Die aktuellen Mißbrauchsvorwürfe verstärken diesen Trend eventuell, da nun die Spaltung zwischen wohlgewognem (und natürlich dennoch an Aufklärung der Fälle interessierten) Milieu und denen, denen christliche Einrichtungen schon immer suspekt waren, verschärft.

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