Freiheit - Freiheit und Verantwortung sind seine Themen. Joachim Gauck, evangelischer Theologe und Publizist, Mitgestalter der Revolution 1989 und danach Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, hat Ende Januar in einem Gottesdienst in Stuttgart gesprochen. Die Vereinbarung war: Keine B-Frage. Keine Frage zum Amt des Bundespräsidenten. Am Ende kam sie aber doch - und Joachim Gauck, der unterlegene Kandidat von 2010, gab eine Antwort.
Gauck war zu Gast im "Nachtschicht"-Gottesdienst im Stuttgarter Stadtteil Obertürkheim, der live im Internet übertragen wurde. Statt einer Predigt gab es ein Interview, an dessen Ende Nachtschicht-Pfarrer Ralf Vogel so fragte: "Machen Sie uns doch mal das Amt des Bundespräsidenten schmackhaft. Warum hätten Sie es gern gehabt?" Darauf Gauck: "Sie wollen wohl gerne Journalist werden." Und dann erzählt er, wie das war, als die Opposition ihn im Jahr 2010 fragte, ob er bereit sei, für das Amt zu kandidieren - gegen Christian Wulff.
"Als ich angerufen wurde, hatte ich zehn Jahre lang über Verantwortung gesprochen. Und über Freiheit." Das mag ein Grund gewesen sein für die Anfrage. Man könne dann wohl nicht sagen, das Amt sei zu anstrengend, meint Gauck, der vergangene Woche 72 Jahre alt geworden ist. Er habe so geantwortet: "Wenn ihr meint, dass ich das kann, dann sag' ich dazu Ja." Als Bundespräsident sei man eine Instanz, die nicht politisch Rücksicht nehmen müsse. Man dürfe auch mal seine Meinung ändern - wie der Christ Gustav Heinemann, den er als Vorbild nennt. Außerdem - und das sei "eigentlich das Schönste": Der Bundespräsident habe die Aufgabe, den Menschen Orientierung zu geben.
Am schlimmsten war "das Fehlen einer Perspektive"
Orientierung geben, das kann der Theologe Gauck allerdings auch so, wie er es jetzt tut: Mit Vorträgen, Lesungen aus seiner Autobiografie und Interviews wie diesem in der Andreaskirche in Obertürkheim. Zwar antwortet Joachim Gauck nicht immer exakt auf die Fragen von Ralf Vogel, aber immer so, dass seine Worte die Zuhörer packen und überzeugen. Es geht um "Politik und Macht" im Nachtschicht-Gottesdienst.
Nachtschicht-Pfarrer Ralf Vogel im Interview mit Joachim Gauck am Sonntagabend in Stuttgart-Obertürkheim. Foto: Birgit-Caroline Grill
Joachim Gauck lebte in der DDR und litt unter der Diktatur. Zu Beginn berichtet er von einem Familienausflug an die Ostsee, dort stand er am Meer, mit zweien seiner vier Kinder an den Händen. Die sahen eine Fähre und wollten mitfahren. "Nein, da dürfen nur Menschen aus dem Westen mitfahren." Die Kinder begriffen das nicht. Der Vater löste die Situation mit dem Hinweis, dass das Eis in Warnemünde besser schmecke als das in Dänemark. "Wir machten uns lebensfähig und hart", sagt er heute über diese Zeit der Unfreiheit.
"Was war im Alltag das Schlimmste?", fragt Pfarrer Ralf Vogel noch einmal nach. Gaucks Antwort: "Das völlige Fehlen einer Perspektive." Freiheit habe es nur in ihrer Sehnsucht, im allerprivatesten Bereich gegeben. Seinem Bruder wurde ohne Parteimitgliedschaft eine Karriere als Seemann verwehrt, seine Söhne, die nicht zur "Freien Deutschen Jugend" gehen wollten, durften kein Abitur machen und gingen deshalb 1987 in den Westen.
"Was kann denn passieren? Du wirst in die Hände Gottes fallen"
"Unsere Liebe zur Freiheit haben wir in unserer Kirche gepflegt", erzählt Gauck und geht auf die Jahreslosung für 2012 ein: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig - das habe ich dann irgendwann politisch erlebt. Dass Schwache zu Bürgern werden und handeln können und Werte wieder ins Leben rufen können, die schon ausgestorben schienen, das haben wir erlebt in Europa!" ruft der Pfarrer und Politiker Gauck den "Westlern" zu und erinnert sie in einem Atemzug daran, welch "ungeheurer Fortschritt" es sei, dass es ein Bundesverfassungsgericht gibt, wo jeder seine Grundrechte einklagen kann. "Da denkt keiner drüber nach!" regt er sich auf. Es braucht dafür die Perspektive eines ehemals Unterdrückten, der sich zeitlebens nach Freiheit sehnte.
Ob er Aufbrüche der Ohnmächtigen erlebt habe, wird Gauck gefragt. Er bringt den Begriff Wahrheit ins Spiel. "Man muss unterscheiden zwischen innerer und politischer Freiheit. Es lohnt sich, die Wahrheit zu leben, auch wenn wir damit noch nicht die Gesellschaft umgestalten können." Seine Beispiele: Die jungen Männer, die in der DDR die Schießübungen im Wehrkundeunterricht ablehnten und daraufhin nicht studieren durfte, oder die den Militärdienst komplett verweigerten und dafür im Gefängnis landeten.
"Wir haben immer eine Wahl", ist Gauck überzeugt. "Es gibt eine abgestufte Skala von Möglichkeiten. Manche überzeugen, weil sie die Menschen oder die Wahrheit lieben - das sind praktisch kleine Aufbrüche." An Václav Havel denkt er, den sie "eingeknastet, aber nicht kaputt gekriegt" haben. "Es gibt immer diese Kraft, dass wir nicht die da oben für die letzte Instanz halten." Fast unbemerkt schwenkt Joachim Gauck von der politischen Rede zur Predigt über: "Glaube bedeutet, dass da ein Kern in dir ist, der an deinem Herzen hängt. Dass du nicht so ängstlich bist. Was kann denn passieren? Du wirst in die Hände Gottes fallen."
Wähler sollten nachfragen: "Wie meint ihr das jetzt?"
Dann geht es noch einmal konkret um die Verteilung von Macht in der Politik - bei uns heute in Deutschland. Politiker seien normale Menschen, sagt Gauck. "Wir dürfen nicht dauernd die Supermänner und Superfrauen da oben erwarten." Manche würden halt abheben: "Eben waren die noch Kronprinz, und jetzt müssen sie im Ausland nach Arbeit Ausschau halten." Mit dieser Anspielung auf Karl-Theodor zu Guttenberg erntet Gauck den größten Lacher des Abends.
Mehr Gottesdienst im Netz
- Im nächsten Feierabend-Gottesdienst am 17. Februar 2012 werden der Arzt und Autor Dr. Eckart von Hirschhausen und der zweimalige Ironman-Hawaii-Sieger Norman Stadler zu Gast sein. Das Thema lautet "Ohnmächtige Körperwelten: Der Arzt und sein Patient." Es geht um die Erfahrung der eigenen körperlichen Grenzen und den Umgang der Ärzte mit ihren Patienten. Der Gottesdienst wird live auf www.kirchenfernsehen.de übertragen.
"Was wünschen Sie sich, das die, die die Macht haben, damit machen?" lautet die nächste Frage - und es muss erstmal klargestellt werden, wer gemeint ist: Die Wähler natürlich, das Volk ist der Souverän in der Demokratie. "Dass sie fragen: Wie meint ihr das jetzt?", rät Joachim Gauck. Gerhard Schröder habe seine Agenda-Politik nicht genügend erklärt, auch die Bundeswehr-Einsätze auf dem Balkan und in Afghanistan müsse man deutlicher erklären. Die Wähler müssten das einfordern bei den Politikern: "Erzähl uns mal, wir sind deine Wähler, wie hast du das eigentlich gemeint?"
Joachim Gauck, der politische Ratgeber, der die Freiheit Liebende, der begnadete Prediger - er hätte noch Stunden weiterreden können. Warum tut es so gut, ihm zuzuhören? Weil er authentisch ist, da er die Unfreiheit selbst erlitten hat. Und weil er uns daran erinnert, wie gut es uns geht in einem freien Land mit freien Wahlen und freien Medien. Es liegt in unserer Verantwortung, wie wir mit dieser Freiheit umgehen. Das ist - typisch Gauck - Politik und reformatorische Theologie in einem. Seine Rede ist immer Predigt, und sie kommt bei den Menschen an: Habt keine Angst. Die Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Dieser Artikel erschien erstmals am 30. Januar 2012 auf evangelisch.de.
Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.







Kommentare
@Ich bin der Meinung das
@Ich bin der Meinung das Gauck nichts für das Amt ist, denn er wäre mir zu gläubig
Das Amt ist aber ein weltliches Amt, wie kann Gauck zb Besserstellung für Homosexuelle achten wenn er sich an Art 6 GG gebunden fühlt ?
Das ist genau dass Problem wir BRAUCHEN EIN GLAUBIGER BUNDESPRASIDENT DER WIRD SICH FUR DIE EINFACHE BIBLISCHE WERTE EINSETZEN, UND DASS WARE GOTTES WORT!!!!!
Gauck Bundespräsident
Danke für Eure Kommentare!
Ich bin Entsetzt über diesen Vorschlag!
Der Bundespräsident leistet bei seinem Amtsantritt vor den versammelten Mitgliedern des Bundestages und des Bundesrates folgenden Eid:
"Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe." § 56 GG
Was bitte hat dieser Herr bisher für das Deutsche Volk getan?
Aber was er sicherlich machen wird zeigen diese Zitate:
... in Berlin von SPD und Grünen offiziell vorgestellt wird, macht der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde dann auch deutlich, dass es für ihn eine Ehre ist, für das höchste Amt im Staat zu kandidieren, dass er sich aber an beide Parteien nicht gebunden fühlt. Nur einem fühlt er sich verpflichtet: der "Liebe zur Freiheit".
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-06/bundespraesident-gauck
Mit Blick auf die Proteste beim Bahnprojekt Stuttgart 21 warnte Gauck vor einer Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst nannte er „abscheulich“.
Die aktuellen Bürgerproteste gegen die Banken und das Finanzsystem würden sich nicht zu einer dauerhaften Protestbewegung entwickeln. „Das wird schnell verebben“, so Gauck.
Joachim Gauck sagte bei der ZEIT MATINEE in den Hamburger Kammerspielen, dass er die Antikapitalismusdebatte für „unsäglich albern“ halte: Der Pastor, Politiker und Publizist betonte bei der Veranstaltung der Wochenzeitung DIE ZEIT, dass der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, eine romantische Vorstellung sei. Zu glauben, dass wenn man das Kapital besiege, die Entfremdung vorbei und dann alles schön sei, sei ein Irrtum.
http://www.zeitverlag.de/pressemitteilungen/joachim-gauck-antikapitalism...
"Der Nation geht es so unglaublich gut, dass sie es nicht für normal hält, dass es ihr so gut geht."
6. Januar 2012, Dreikönigstag in Neubrandenburg
"Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten."
3. Oktober 2010 bei einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus zum Einheits-Jubiläum
"Ich würde in der Tradition all derjenigen Bundespräsidenten stehen, die sich gehütet haben, die Politik der Bundesregierungen zu zensieren. Mancher wünscht sich ja einen Bundespräsidenten wie einen Kaiser, als letzte Instanz über allem - das darf er nicht sein."
25. Juni 2010, bei seinem ersten Anlauf zur Präsidentschaft im Fernsehsender n-tv über sein Amtsverständnis
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-78861.html
Gauck is nix
Ich bin der Meinung das Gauck nichts für das Amt ist, denn er wäre mir zu gläubig
Das Amt ist aber ein weltliches Amt, wie kann Gauck zb Besserstellung für Homosexuelle achten wenn er sich an Art 6 GG gebunden fühlt ?
Billige Talkshow-Kopie?
Bully Herbig hatte es für mich in einem NW-Interview auf den Punkt gebracht: Politiker sollten nicht entertainen und Schauspieler nicht Politik machen. Wenn dieser Gottesdienst nicht mehr war, als hier berichtet, läuft das auf eine billige Talkshow-Kopie hinaus mit Predigern, die nicht bei ihren "Leisten" bleiben.
Journalistisch wär jetzt mal Pflicht: Zuschauerreaktionen, wer und wie viele lassen sich davon ansprechen, wie sieht der gottesdienstliche Rahmen für so einen Appell-Talk-Polit-Predigt-GiG aus? Und wieso hält sich der Möchtegern-Journalist-Pfarrer nicht an seine Vereinbarung?
Und wenn der Satz: "Glaube bedeutet, dass da ein Kern in dir ist, der an deinem Herzen hängt"??? (Was für ein Metaphernsalat) nach all dem Talk als Predigtinhalt qualifiziert wird, ist zumindest eins klar: ein Reformationsjubiläum der "Kirche des Wortes" brauchen wir nicht mehr zu feiern.
Lieber Max,
gerade weil mir Bilder in Erzähl- und Predigtstilen wichtig sind, war das Zitat ein "Kern des Anstoßes" für mich :)
Ich bin geprägt von Tolkiens Erzähltheorie, Bohrens Homiletik und Wolff Schneiders Stillehre und ich halte die Botschaft Jesu für die wichtigste der Welt, deshalb braucht sie auch die besten Kommunikatoren. Aber "Kommunikation ist (nur), was ankommt" und wenn Sie den Artikel über den hessischen Patchworkglauben auch gelesen haben, ist doch statistisch erwiesen, dass viel zu wenig ankommt. Deshalb müssen wir Prediger uns mehr anstrengen. Wobei ich jetzt mal nicht unterstelle, dass Herr Gauck so sackschlecht predigt, wie es in diesem Artikel rüberkommt. Daher meine Nöselei.
Herzlichst Gast
Lieber Gast, danke für die
Lieber Gast,
danke für die Kritik.
Der Gottesdienst war mehr als hier berichtet und ganz und gar nicht "billig". Es gab wunderbare literarische Beiträge von Jugendlichen, es wurden Bibeltexte zitiert, Filme eingespielt, es gab hochwertige Musik, Gebete, einen Psalm.
Der Artikel setzt eben seinen Schwerpunkt bei den Aussagen von Joachim Gauck. Dazu noch den ganzen Gottesdienst zu beschreiben plus Zuschauerreaktionen - das hätte unser Format deutlich überfordert.
Zur "Kirche des Wortes": Ist das nicht gerade eine vernünftige Auslegung des Wortes Gottes, wenn man es mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen in Verbindung bringt und den Zuhörern dadurch Orientierung gibt? Das haben Ralf Vogel, die Jugendlichen und Joachim Gauck meiner Einschätzung nach gemeinsam ganz hervorragend gemacht.
Viele Grüße
Anne Kampf
Redaktion
Genuin evangelisch...
ist, dass der mündige Christ keine Instanzen braucht, die ihm Orientierung geben. Er erhält sie selbst aus dem Wort Gottes, dem geschriebenen und dem geschehenden (Kerygma).
Deshalb wäre es -aus evangelischer Sicht- unverzichtbar gewesen, Zuschauerreaktionen in dem Artikel unterzubringen. Ansonsten suggeriert die Berichterstattung, Gauck habe "ex cathedra" gesprochen.
Also, wie viele Menschen haben sich das angehört und wie war ihre Reaktion darauf?
Und- by the way- den ehrenamtlichen Beitrag von jungen Mitchristen einfach unter den Tisch fallen zu lassen, spricht mehr als Funktionärs-Beteuerungen eine deutliche Sprache. Ehrenamt wird nur für Funktionärsselbstinszenierung genutzt und hat sonst in der EKD keinen Wert.
Gast schrieb:Ehrenamt wird
Als immer noch aktiver Pfadfinder im VCP sage ich: Es wäre sogar schön, wenn sich mehr Funktionäre mit dem Ehrenamt inszenieren würden, dann wäre die Lobby für beispielsweise vielfach ehrenamtlich geleistete kontinuierliche Kinder- und Jugendarbeit wie in der aej vielleicht ein bisschen breiter aufgestellt.
Zum Redaktionellen: Es gehört sicher zum evangelischen Sein, das scheinbar ex cathedra Gesagte selbst in Frage zu stellen. Dazu gibt Ihnen der Text offenbar genug Ansatzpunkte, also würde ich sagen: das ist gelungen. Auch das kann nämlich Sinn eines solchen Berichtes sein: zu zeigen, was dort war (und die Person Gauck stand im Mittlepunkt), damit Leser sich ein eigenes Bild machen können. Dazu braucht es nicht notwendigerweise eine Umfrage unter den Besuchern, vor allem nicht, wenn der Auftrag sinngemäß lautet: Schau dir an, was Herr Gauck sagt und wie er rüberkommt, und bringe das in Worte, die unsere Leser lesen wollen. Wenn sich dann daraus die Diskussion darüber ergibt, ist das gut.
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Hanno Terbuyken
evangelisch.de
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