Kirchenkritiker: Warum der Papst der Ökumene dient

Schlagzeilen nach der Papstwahl

Jubel und Ironie: Titelseiten von "Bild"-Zeitung und "taz" am 20. April 2005, dem Tag nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst. Die Seiten gehören zur Ausstellung "Heimatkunde. 30 Künstler blicken auf Deutschland", die zurzeit im Jüdischen Museum in Berlin gezeigt werden. Foto: dpa / Stephanie Pilick

Interview - Papst Benedikt XVI. besucht sein Heimatland. Während die Fans jubelnd, warnen viele Kritiker vor zu hohen Erwartungen. "Spiegel"-Autor und Kirchenkritiker Peter Wensierski spricht im Interview mit evangelisch.de über Fundamentalisten in der katholischen Kirche, Reformen und warum der Papst doch für das Gelingen der Ökumene eintreten wird.

Die Fragen stellte Lena Högemann

Was erwarten Sie von der Deutschlandreise des Papstes?

Wensierski: Die deutsche katholische Kirche ist in einer kritischen Situation. Sie droht in mehrere Richtungen auseinanderzufallen. Grob gesagt in die Reformer und in die Konservativen, Fundamentalisten und Traditionalisten, die sich selbst allein als papsttreuen Flügel der Kirche, als die wahren und besseren Katholiken sehen. Beide Seiten erhoffen sich einen unterstützenden Impuls durch den Besuch des Papstes. Wahrscheinlich ist aber, dass Joseph Ratzinger das weiter macht, was er seit Jahren macht: Den rückwärts gewandten Flügel der Kirche stärken und die Reformer in ihre Schranken weisen.

Sie sprechen von Fundamentalismus, ist das eine bewusste Wortwahl?

Wensierski: Ja. Der Papst hat gemeinsam mit dem römischen System des Vatikans große Anstrengungen gemacht in den letzten Jahren, die Traditionalisten und Fundamentalisten zu stärken, man denke nur an seine Unterstützung für die sogenannte alte tridentinische Messe, bei der der Priester der Gemeinde den Rücken zukehrt. Das sind diejenigen, die Reformen wie ein Ende des Zölibats etwa, in der Kirche verabscheuen. Sie wollen eine Restauration der Kirche wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Anfang der 60er Jahre, denn sie geben der Generation der sogenannten liberalen "Konzilspriester" und ihren Reformideen die Hauptschuld am Niedergang der Kirche. Mehr beten, mehr Frömmigkeit, mehr Gehorsamkeit zum Papst ist ihr Rezept gegen die Kirchenkrise - zurück in die Zukunft. Darum spielt die Auseinandersetzung um die Liturgie so eine große Rolle derzeit.

Peter Wensierski, geboren 1954, ist Schriftsteller, Journalist und Dokumentarfilmer. Bekannt wurde er vor allem als Autor des Nachrichtenmagagzins "Der Spiegel". Er schrieb unter anderem die Bücher "Gottes heimliche Kinder. Töchter und Söhne von Priestern erzählen ihr Schicksal"sowie "Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik". Foto: privat

Richtet sich Ihre Kritik an Benedikt XVI. speziell oder geht das gegen die Institution Papst?

Wensierski: Jeder Papst ist konservativ. Das war Papst Johannes Paul II, ebenso wie Joseph Ratzinger. Aber: Man darf ja nicht vergessen, dass Ratzinger viele Jahre unter Papst Johannes Paul II die Nummer zwei war und im Grunde genommen die Politik der Kirche als Chef der Glaubenskongregation seit drei Jahrzehnten maßgeblich mitbestimmt hat. Jeder Papst war konservativ in dem Sinne, dass er echte Reformen nicht zulässt, etwa, dass Frauen Priester werden können, dass Priester Frauen heiraten und Kinder haben können. Da wird kein Papst, weder Benedikt noch der nächste, so schnell rangehen.

Finden Sie denn, dass es an der Zeit für diese Reformen wäre?

Wensierski: Das liegt ja sogar klar im Interesse der Kirche selbst, die ja nicht einmal mehr genug zölibatäre Priester bekommt, um sich selbst zu reproduzieren. Es wäre zu wünschen, dass diese Themen nicht länger tabuisiert werden, dass ein offenes Gespräch darüber stattfindet. Es treten ja ununterbrochen Katholiken aus ihrer Kirche aus. Jeden Tag fährt, um es mal als drastisches Bild auszudrücken, ein gut besetzter Zug mit enttäuschten, resignierten Katholiken aus der Kirche. Da ist es an der Zeit für die katholische Kirche, zu handeln.

Joseph Ratzinger hat im Jahr 2000 in einer Erklärung festgestellt, dass die katholische Kirche die "einzig wahre Kirche" ist. Was sagen Sie dazu?

Wensierski: Die katholische Kirche sieht sich als die einzig wahre Kirche an. Und grundsätzlich ist man in der katholischen Kirche der Auffassung, dass sich die evangelische Kirche irgendwann mal wieder zurück in die katholische Kirche bewegt, aus der sie ja gekommen ist. Der Papst hat verschiedene Signale gegeben. Er hat die Protestanten vor einigen Jahren sehr vor den Kopf geschlagen, als er betont hat, dass die Evangelischen keine richtige Kirche sind. Er hat aber auch im vergangen Jahr sehr viel positiver über Ökumene, über Zusammenarbeit der Christen, gesprochen.

Wie wird sich der Papst jetzt zur Ökumene positionieren?

Wensierski: Ich denke, er wird hier in Deutschland einen Schwerpunkt setzen auf die Begegnung, auf versöhnlichere, nicht so polarisierende Töne mit den Vertretern der evangelischen Kirche, und er wird ein kleines Zeichen geben, dass man mehr Nähe und Zusammenarbeit will. Viele hoffen, dass es mehr wird als nur ein Lächeln und ein Händedruck. 30 Minuten soll das Gespräch mit den Vertretern der Protestanten sein, das ist nicht viel, aber ursprünglich sollte es noch weniger sein und Benedikt XVI. hat eigens mehr gewünscht. Im Grunde genommen ist die Basis der evangelischen und katholischen Kirche in der Gemeindearbeit viel weiter. Es gibt gemeinsame Gottesdienste. Es ist oben an der Spitze nicht das nachvollzogen worden, was unten im Alltag der Kirchen längst Realität ist. Da kann man einen Impuls des Papstes erwarten, der Protestanten erst einmal nicht wieder enttäuscht, das wäre schon viel.

Die offizielle Leitlinie der katholischen Kirche verbietet das gemeinsame Abendmahl von Katholiken und Protestanten. Warum tut sich die katholische Kirche in der Anerkennung der Protestanten so schwer?

Wensierski: Die katholische Kirche hat einen Wahrheits- und Allmachtsanspruch. Wenn man diesen Anspruch hat, dann muss man andere ausgrenzen. Ökumene ist ein Prozess, bei dem die Obrigkeit der katholischen Kirche nur sehr langsam von ihrem hohen Ross herunter steigt. Man darf da auch nicht zu viel erwarten, vielleicht ist ja das Miteinander von evangelischen und katholischen Christen im Alltag wichtiger als Erklärungen irgendwelcher Kommissionen und Repräsentanten. Ich glaube aber, dass es ein ehrliches Anliegen ist von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt etwas für die Verständigung der Christen zu tun, als Pontifex Maximus hat er ja den Auftrag, Brücken zu bauen und nicht immer nur zu polarisieren und andere auszugrenzen und zu Christen zweiter Klasse zu erklären.

Kommentare

Verfasst von N. N. am 17. September 2011 - 15:06.

"Jeder Papst ist konservativ."

"Jeder Papst ist konservativ." - "Jeder Papst war konservativ in dem Sinne,...

"Jeder Papst ist konservativ." - "Jeder Papst war konservativ in dem Sinne, dass er echte Reformen nicht zulässt, etwa, dass Frauen Priester werden können, dass Priester Frauen heiraten und Kinder haben können. Da wird kein Papst, weder Benedikt noch der nächste, so schnell rangehen."

Unerachtet die Lösung solcher Dinge genuines Recht und Problem der rk. Kirche ist, sind die Ausführungen hierzu für einen Journalisten des "Spiegel" - vornehm gesprochen - undifferenzierte Bemerkungen. Käme Herr Wensierski in die Leitung des "Spiegel", würde und könnte er diesen auch nicht in Nanosekunden strukturell verändern. Das wäre auch unklug. Warum erwartet er so einen Aktivismus von der rk, Kirche? Wegen des "Aussteigerzugs von Katholiken"? Das wäre doch eigentlich ein Ziel liberalen "Spiegel-Journalismus", ein prächtiges spätes Resultat der Aufklärung!

Die Namen zweier Päpste, Johannes XXIII. und Johannes Paul I. fallen hier nicht. Roncalli war theologisch kein Modernist, d'accord, geschweige denn das, was man einen "Intellektuellen" nennt. Dieser bescheidene Mensch besaß aber etwas, das Legionen von Vorgängern - und Nachfolgern - nicht hatten: Tiefe menschliche Einsicht in die Notwendigkeit zur Prüfung und Revision des Glaubensfundus der rk. Kirche. Welche Motivation dieser als schlicht beschriebene Mensch zur Einberufung des II. Vaticanums hatte, ist mir nicht im Detail bekannt. Eines steht für mich jedoch fest: Dieser Papst war eine Persönlichkeit, die das Wagnis eines so gefährlichen Vorhabens riskierte. Denn es war klar, dass fundamentale Glaubensbelange zumindest zur Diskussion stehen würden. Und das ist weiß Gott alles andere als „konservativ“ gewesen, wie die folgende Dynamik im Weitergang der Kirchengeschichte beweist.

Paul VI., intellektuell bestens ausgewiesen, heute ein völlig verkannter Mann, litt bereits unter der sich auftuenden Bewegung, die durch das Konzil verursacht wurde. Dass sie zu einer abgrundtief sich darstellenden Krise der rk. Kirche führen würde, wie der Autor sie knapp und präzise darstellt, hat er wohl geahnt und darunter gelitten.

Der ob seiner scheinbaren Schlichtheit an Johannes XXIII. erinnernde Albino Luciani hat in seinem Papstnamen Johannes Paul I. ein ganzes Programm suggeriert, nämlich das einer Synthese der Vorgängerarbeit. Leider kam es durch seinen sehr frühen Tod nicht zur Ausführung. Ob und wie er der Kirche weiterführende Impulse verliehen hätte, wie er vor der Geschichte später gestanden wäre, ist daher spekulativ. Aber auch er weist sich in seinen früheren Schriften als hochinteressanter katholischer Denker aus, der für mich zum Teil atemberaubende Aussagen machte. Also auch kein „konservativer“ = "Bewahren als Selbstzweck" Papst.

Was Herr Wensierski denn unter dem Gegenteil von „konservativem Papst“ versteht, bleibt plakativ und daher offen. Ganz zu schweigen von dem „Hänsel-und-Gretel-Stil“, einen wertfreien Begriff nur negativ zu belegen. Sollte er den geistlichen Führungsanspruch der rk. Kirche als Grund für die nicht bewegliche Haltung des jetzigen Papstes annehmen, so liegt er ganz richtig. Ratzinger et. al. werden dies nicht können, weil sie damit von ihnen tatsächlich geglaubte Substanz aufgeben würden! Das ist so.

„Finden Sie denn, dass es an der Zeit für diese Reformen wäre? Wensierski: Das liegt ja sogar klar im Interesse der Kirche selbst, die ja nicht einmal mehr genug zölibatäre Priester bekommt, um sich selbst zu reproduzieren.“ Das war ein glatter Schuss ins eigene Gesäß. Und nicht nur stilistisch. Wie „reproduzieren“ denn die Evangelen ihren Nachwuchs? Da kommen mir Gedanken …

Kurzum: Es ist sicherlich erfreulich, dass ein von evangelisch.de als Kirchenkritiker ausgewiesener Journalist sich Gedanken über den Fortgang der rk. Kirchengeschichte macht. Angehen tut es ihn trotzdem nichts. Denn die von ihm angeführten Themen sind Sache der Katholiken und eben nicht öffentlich „diskursibel“.

A propos: Ich bin Apostat.

Verfasst von Paul Haverkamp, Lingen am 17. September 2011 - 11:40.

Die Reformunfähigkeit der kath. Kirche

Papst Benedikt verhindert die konziliar geforderte Umsetzung einer „ecclesia...

Papst Benedikt verhindert die konziliar geforderte Umsetzung einer
„ecclesia semper reformanda“

In Abwandlung des Mottos der Deutschland-Papstreise „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ kann man die für die kath. Kirche zur Zeit geltende Devise wie folgt zusammenfassen :

Wo Benedikt ist, da ist für die kath. Kirche keine Zukunft!

Denn dieser Papst verbaut wegen seiner veritablen Reformunfähigkeit und Reformunwilligkeit der kath. Kirche die Chance eines Ankommens in der der Gegenwart – von einem Ankommen in der Zukunft ganz zu schweigen!

Dieser Papst verhindert ein Ankommen in der Gegenwart deshalb, weil

• er neben dem männlich-zölibatären Priestertum nicht auch verheirateten Priestern sowie verheirateten und unverheirateten Priesterinnen eine Amtsübernahme ermöglicht

• er nicht alle kirchlichen Ämter auch für Frauen öffnen will. Die Abwertung der Frau in der Frage der Gottebenbildlichkeit, und die Ableitung der Unterordnung der Frau aus der sog. Schöpfungsordnung hat bis heute Konsequenzen: Weil die Frau zur Unterordnung bestimmt ist qua Schöpfungsordnung, kann sie nicht dazu taugen, ein Amt zu übernehmen, das explizit zu Führungsaufgaben führt. So argumentiert Thomas von Aquin. Zudem hat er mit einem biologisch vollkommen verkehrten Frauenbild gearbeitet (das ist inzwischen bekannt). Obwohl man also heute genau weiß, dass seine Prämissen nicht stimmen, leben die Folgerungen weiter. Dass Thomas mit einem Menschenbild arbeitete, das biologisch nicht stimmt, kann man ihm nicht vorwerfen. Dass man aber 800 Jahre später die Folgerungen für die Frau, die daraus gezogen wurden, noch immer nicht berichtigt hat, ist unverzeihlich! Für die Männer dominierte Klerikerkirche gilt es wohl vorrangig, die patriarchalen (Macht-) Strukturen der Kirche zu erhalten; die sowohl neutestamentlich als auch theologisch nicht nachvollziehbaren Argumentationskonstrukte zur Abwehr von Frauen in Leitungspositionen können zumindest nicht mit Jesusworten bestätigt werden; der ehemalige Wiener Kardinal König sagte 1993 : „Der Priester- und Bischofsweihe der Frau in der katholischen Kirche steht kein Glaubensgrund entgegen.“ Der Anspruch des Papstes, dass sein Nein zur Frauenordination „unumkehrbar und unfehlbar“ sei, bedarf einer entschiedenen Zurückweisung ; es wird immer offensichtlicher, dass dieser Oberhirte seine Machtkompetenzen in theologischer Hinsicht immer stärker auf die Einforderung einer strengen Arkandisziplin und unbedingten Gehorsams bei seinen Schafen fokussiert und damit in zunehmendem Maße der Gefahr eines Machtmissbrauchs seines Amtes erliegt.

• dieser Papst negiert, dass es für das Verbot der Frauenordination aus dem Munde Jesu im NT keine den Papst berechtigende Aussage zur Aktivierung seines unfehlbaren Lehramtes gibt, das dann - in Verbindung mit der kirchlichen Tradition - die Verkündigung eines quasi unfehlbaren Dogmas zuließe. In dieser theologischen Grauzone bewegt sich aber der Papst mit seiner Aussage, dass sein Nein „unfehlbar“ sei. Der Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann kritisiert diese Vorgehensweise des Papstes mit den Worten: …„In Fragen der Frauenordination kann der Papst in Verbindung mit den Bischöfen höchstens von seinem authentischen, nicht aber von seinem unfehlbaren Lehramt Gebrauch machen. Man muss jedoch wissen, dass der Papst in Verbindung mit den Bischöfen in Fragen des authentischen Lehramtes zwar die Bibel verbindlich, aber eben nicht letztverbindlich auslegen darf. Glaubensanweisungen in diesem Bereich bleiben grundsätzlich, sollte sich in späteren Jahrhunderten herausstellen, dass die Aussagen unhaltbar sind (s. Galiläi), revidierbar. Mit der jetzt von Rom benutzten Terminologie soll den Gläubigen eine Gehorsamspflicht abverlangt werden, die theologisch nicht haltbar ist. Die Autorität des kirchlichen Lehramtes erfährt auf diese Weise eine unzulässige Erweiterung, weil eine solche Ausweitung der katholischen Lehre widerspricht. So wird der Anspruch von Unfehlbarkeit erschlichen und ein weiteres Feld von Gehorsamspflicht erschlossen.“

• er den wiederverheiratet Geschiedenen den Weg zum Abendmahl versperrt. Wer Barmherzigkeit predigt, aber unbarmherzig handelt, reißt neue Gräben im Bereich der eigenen Glaubwürdigkeit auf. Was Jesus in der Form einer sprudelnden Fontäne an Liebe, Güte, Barmherzigkeit und Demut den Menschen seiner Zeit vorgelebt hat, ist zu einem kaum noch wahrnehmbaren Rinnsal verkümmert.

• er die Ämter in der Kirche als Herrschaftsmittel versteht und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass Macht in der Kirche sich grundsätzlich nur vom Dienst am Menschen legitimieren kann. Das Thema „Macht und Herrschaft“ spielt in der katholischen Kirche für mich eine äußerst belastende, bedrückende und mich immer wieder in Verzweiflung treibende Rolle ; natürlich sind Machtstrukturen notwendig : doch diese ausgeübte Macht sollte in der katholischen Kirche nicht in einer Form von Selbstgerechtigkeit, Selbstherrlichkeit und Arroganz ausgeübt werden, sondern sollte sich stets dem Primat des Dienens verpflichtet wissen. Macht darf nur dann ausgeübt, wenn sie dazu dient, den Menschen vor Unterdrückung, Gewalt, Hunger, Ausbeutung und Ausgrenzung zu bewahren. Macht, die dazu dient, nur das eigene, autoritäre System zu untermauern, widerspricht dem jesuanischen Geist und kann nicht glaubhaft vermittelt werden.

• er seine weltfremde Sexualmoral den Menschen ihre Freiheit nimmt, sich auch außerhalb der Zeiten eines Fortpflanzungswunsches in Formen körperlicher Liebe begegnen zu können – und zwar ohne die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft

• er sein Versprechen nicht einzulösen bereit ist, nämlich den von ihm selbst diagnostizierten „Schmutz“ endlich aus dem System „Katholischer Kirche“ zu entfernen.: Vor der Wahl zum Papst hatte Kardinal Ratzinger 2005 für den Karfreitags-Kreuzweg formuliert: „ Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die IHM (Christus) im Priestertum ganz gehören sollten! Auf Deinem Acker (Herr) sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht Deiner Kirche erschüttert uns."

• er nicht bereit ist, der Organisation „Katholischer Kirche“ endlich ein Mehr an Transparenz und Demokratie zu verordnen ; ein Mehr an Transparenz ist überfällig sowohl in den Bereichen Jurisdiktion, Banken, Ämterbesetzung, u.a. Wie unglaubwürdig präsentiert sich die Amtskirche, wenn sie sich zwar einerseits in der Gesellschaft für demokratische Prinzipien einsetzt (z.B. Johannes Paul II. in Polen), andererseits jedoch von den eigenen Gläubigen verlangt, ihre demokratischen Reformforderungen an der Kirchentür abzugeben. Wenn die Kirchenhierarchie sich weigert, in ihren Ämter- und Verwaltungsstrukturen demokratische Prinzipien zuzulassen, der Papst sich weiterhin in der anachronistischen Rolle eines absolutistischen Herrschers versteht, das vatikanische Rechtssystem noch nicht einmal minimalsten demokratischen Rechtsnormen gerecht wird, bei der Besetzung von Ämtern demokratische Mitsprachemöglichkeiten verweigert und das gesamte System „Katholische Kirche“ durch ein Gespinst von Intransparenz durchwoben ist – solange trägt die katholische Kirche durch systemimmanente Reformverweigerungsfaktoren ausschließlich selbst dazu bei, ihre gesellschaftliche Akzeptanz auf Negativrekorde steigen zu lassen.

• dieser Papst einen Umgang mit innerkatholischen Kritikern und Querdenkern pflegt, der nur als inhuman zu bezeichnen ist. Amtsenthebungen und Bußschweigen haben keinerlei jesuanische Legitimation! Wie kann eine Kirche, die sich in so monopolistischer Art und Weise ihrer göttlichen Gnade rühmt, so gnadenlos sein! Was ich von Vertretern der Amtskirche meiner kath. Kirche einfordere, sind jesuanische Verhaltensweisen gegenüber den in den Augen der Amtskirchenvertreter sog. „Sündern, Heiden, Querdenkern“ der heutigen Zeit. Ich fordere diese „Alles-besser-Wisser“ und „Wahrheits-Monopolisten“ mit Nachdruck auf, sich des Anspruches Jesu zu stellen – und zwar nachhaltig und ohne jedes Wenn und Aber. Dieser von mir immer wieder angesprochene Personenkreis sollte sich des folgenden Jesus-Wortes immer wieder aufs Neue bewusst werden, wenn diese Personen glauben, andere Personen mit Sanktionen belegen zu müssen, wie z.B. Ausgrenzung, Amtsenthebung, Bußschweigen, Nihil-obstat-Verweigerung, u.a.m. : „Warum ist es bei euch, die ihr euch auf mich beruft, nicht noch viel besser.“ Die Kirche führt das Wirken Jesu Christi umso glaubwürdiger weiter, als sie ihm auch ähnlich wird in jeder Beziehung – auch in der Beziehung zu Kritikern und Querdenkern. Dieser Papst betreibt Verrat am 2. Vatikanum - er ist Gefangener eines Kirchenbildes, das als "societas perfecta" eine fröhliche Urständ feiern soll. Eine solche Kirche dient nicht mehr den Menschen, sondern nur noch sich selbst, indem sie Machtpositionen zurückzuerobern trachtet, die nur die Machtbedürfnisse der Herrschenden befriedigt, Frauen diskriminiert, Menschenrechte missachtet, Glaubensfreiheit leugnet (obwohl im Konzil beschlossen) und katholisch Andersdenkende ausgrenzt, Kadavergehorsam einfordert, Bußschweigen verhängt, Professoren mit nicht konformen Meinungen von ihren Lehrstühlen entfernt, ….

• er konsequent einer Umsetzung des vom 2. Vatikanum geforderten Communio-Prinzips sich in den Weg stellt und damit einem Grundrecht zwischenmenschlichen Zusammenlebens keine Chance geben. Der Dialog wurde das Grundprinzip des Konzils und damit auch des Kirchenbildes, das das Konzil zur Geltung bringen wollte. An zahllosen Stellen wird betont, dass der Dialog der normale Weg der Wahrheits- und Entscheidungsfindung in der Kirche sein soll. Vor allem in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ macht das Konzil deutlich – was vorher in dieser Eindeutigkeit noch nie gesagt wurde , dass die Kirche als Kirche auf dem Weg nicht auf jede Frage schon eine fertige Antwort hat (GS 43), sondern selbst danach suchen muss, und dass dies nur gelingen kann, wenn möglichst viele ihren Beitrag leisten und ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Es verlangt daher einen „offenen“ (GS 43), „aufrichtigen Dialog“, ein „immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen“ (GS 92), ob Amtsträger oder Nichtamtsträger, ob Kleriker oder Laien. Gemeinsame und dialogische Wahrheitssuche also, Problemlösung nicht durch Weisungen und Dekrete von oben, sondern durch gemeinsame Beratung, durch offene Auseinandersetzung. Wie meilenweit ist dieser Papst von den Vorgaben des Konzils entfernt. Er sieht nur seine zentralistisch und absolutistisch regierte Kirche!

• er nicht begreift, dass es in einer Kirche, die sich als Communio versteht, eine Ranghöherstellung von Priestern über Laien nicht geben darf. Wenn sowohl aus biblischer als auch aus konziliarer Perspektive die Hirten nicht die Herren, sondern die Diener der Kirche oder der Gemeinde sind, stellt sich somit die Frage, warum dann von der Hierarchie die Laien von dem Recht einer Mitbestimmung oder Mitentscheidung in der Kirche ausgeschlossen werden können. Man kann es immer wieder nur versuchen, unmissverständlich zu formulieren: Wo immer sich ein Papst oder Bischof in den Vordergrund spielt, wo immer er selbstherrlich denkt und handelt, sich selbstmächtig und autonom aufführt, verrät er die Sendung, die er empfangen hat. Da versteht er seine besondere Sendung nicht als Charisma, nicht als Berufung des Geistes, für die er nichts kann, die ihm ohne Verdienst geschenkt ist. Da vergeht er sich gegen das Evangelium, dem zu dienen er berufen ist und das von ihm Dienst an den Menschen verlangt.

• dieser Papst kein von Johannes XXIII. gefordertes „aggiornamento“ will. Er möchte zurück zu vorkonziliaren Verhältnissen und hin zu einem Kirchenverständnis (vgl. Pius-Brüder, Karfreitagsliturgie, Liturgie für den außerordentlichen Ritus, Regensburger Rede, Geschichtsverständnis in Auschwitz und Südamerika , u.a.m.), das geprägt ist von autoritären, absolutistischen Herrschaftsstrukturen. Er will eine „Papstkirche" und keine Kirche, die sich wie das Konzil formuliert hat, als das „wandernde Volk Gottes" oder als „ecclesia semper reformanda" definiert hat. Er versperrt all den Christen den Zugang, die sich zwar eine Kirche mit dem Papst, aber nicht unter einem Papst wünschen.

• er nicht versteht, dass ein ökumenischen Miteinander getragen sein muss von einem Verzicht auf Selbstgerechtigkeit, Selbstanmaßung und der Aufrechterhaltung eines Monopolbesitzanspruchsanspruchs an göttlichen Wahrheiten. Vertreter beider Konfessionen sollten einsehen, dass es nicht darum geht, dass die Evangelischen katholischer und die Katholischen evangelischer werden müssen; Ökumene kann nicht auf eine totale Einheit in allen Einzelfragen hinauslaufen, aber notwendig ist, dass keine Kirche das, was eine andere Kirche amtlich offiziell verbindlich lehrt, als Widerspruch zum Evangelium betrachtet. Ökumene will kein Verarmungsprozess sein, bei dem man sich auf den geringsten gemeinsamen Nenner einigt; Ökumene will und muss als ein Lern- und Mehrungsprozess verstanden werden, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen. Keine Konfession darf und soll ihre Identität aufgeben müssen; zu der Vorstellung von einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ gibt es, wenn alle Beteiligten wahrhaftig und ernsthaft den Gedanken der Ökumene verwirklichen möchten, keine Alternative!

• die Strategie Benedikts darauf hinausläuft, dass das Christentum ohne Wenn und Aber anderen Religionen überlegen sein soll. Es wird zur wahren Religion erklärt, deren Wahrheit allein die katholische Kirche zu interpretieren, vorzuschreiben und zu repräsentieren hat. Die katholische Kirche hat somit – in den Augen Benedikts – einen Monopolanspruch bezüglich der Beanspruchung an göttlicher Wahrheit. Damit aber ist der Theologe vollends bei den vormodernen Positionen angekommen, zu denen das kirchliche Lehramt die Gläubigen verpflichten will. Aus Theologie wird Ideologie, weil sie dann jedes Gegenargument als unangemessen abweist und sich in die Rechthaberei zurückzieht. Mit Blick auf die „heidnischen“ Religionen spricht Benedikt dann auch noch vom „Sieg des Christentums“ über sie. Denn das Christentum sei ja so viel vernünftiger und moralischer als die anderen Religionen. Damit hat Benedikt sich eigentlich um seine Rolle als ernst zu nehmender Partner in interreligiösen Dialogen gebracht.

• dieser Papst die Gründe für die Krise ausschließlich in innerweltlichen Entwicklungen sucht. Er geht davon aus, dass sich Kirche und Religion von irdischen Angelegenheiten in Distanz zu halten haben. Antimodernistische Elemente spielen ebenso mit wie die erneuerte platonische Idee, dass eine göttliche Wahrheit streng überzeitlich und von irdischen Dingen nicht zu kontaminieren ist. Rom beansprucht eine von Kulturen und Kontexten unberührte Lehre. Folgt man Benedikts Argumentation, so kann man „drei Wellen des Enthellenisierungsprogramms“ als Abfallbewegungen feststellen: die Reformation im 16. Jahrhundert, die Aufklärung und liberale Theologie im 19. und 20. Jahrhundert und die Besinnung der Neutestamentler auf die Botschaft des historischen Jesus, „die zur Zeit umgeht“. Mit der Reformation beginnt nach Ratzinger die unselige Enthellenisierung des Glaubens. Sie setzt sich in der historisch-kritischen Methode fort und findet in kontextuellen Theologien ihren Höhepunkt. Vor allem der durch die Aufklärung und Reformation sich vermehrt ausbreitende Relativismus ist für das Kirchenoberhaupt die Hauptursache für den Niedergang des röm.-kath. Einflusses in der Welt, als dessen Folge moralischer Niedergang und menschliche Dekadenzerscheinungen zu verzeichnen sind. Ein Denken in solchen Kategorien trägt jedoch dazu bei, dass Menschen sich noch intensiver von der Kirche abwenden werden, da diese sich unverstanden und bevormundet fühlen. Der kath. Kirche wird es nicht erspart bleiben, aus den Höhen einer weltabgewandten Theologie den Gang in hinunter in eine Welt anzutreten, in der sie dann aber auch nur als eine unter vielen anderen um die Gunst von Menschen werbenden Instanzen wahrgenommen werden wird.

• dieser Papst offensichtlich so große Ängste vor jeglicher Art von Reformen und Veränderungen hat, dass er im Schiff auf offener See (genau wie die Jünger Jesu) der Zusage Jesu kein Vertrauen mehr schenkt und in Verzagtheit und Kleingläubigkeit verfällt: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40) Jesus und mit ihm die Laien werden sagen: „Duc in altum!“ – „Fahre hinaus auf die See!“ Die katholische Kirche am Beginn des 3. Jahrtausends wird der Frage nicht ausweichen können, wie sie mit ihren Traditionen umzugehen gedenkt. Wollen wir diese Traditionen nicht einer veränderten Welt preisgeben, müssen wir sie mutig neu interpretieren. Bestehen wir auf bloßem Konservieren der spezifischen Lehr- und Lebensgestalt von Kirche aus einer bestimmten geschichtlichen Epoche, reduzieren wir uns selbst zur irrelevanten Sekte. Gerade angesichts der Funktion von Traditionen, nämlich Sicherheit zu geben und Identität zu stabilisieren, ist es entscheidend, die Tradition – orientiert an ihren Grundsätzen – immer wieder neu zu denken und sagen. Solche Grundsätze werden in der Jesus-Tradition deutlich, in der Barmherzigkeit und Vergebungswille Gottes die Thora-Anwendung Jesu leiten und die Gemeinschaft der Menschen so konstituieren, dass Ausgrenzungen überwunden und Spaltungen geheilt werden. Wo Traditionen in unseren Lebensbereichen Grenzen untereinander ziehen und das Miteinander erschweren, wo alte Vorbehalte Gemeinschaft zerstören und Regeln über menschlicher Not stehen, müssen wir neue Auslegungen der Tradition wagen. Wir haben uns zu fragen, welchen Stellenwert wir den Grundsätzen Jesu in unserem persönlichen Umgang miteinander und bei der Gestaltgebung von Kirche einzuräumen bereit sind. Gewiss darf Kirche ihre in der Vergangenheit gemachten Gotteserfahrungen nie in Vergessenheit geraten lassen. Doch es wäre ein grobes Missverständnis, Gottes Wirken auf eine in der Vergangenheit abgeschlossene Periode zu reduzieren und der Meinung zu verfallen, dass all das, was Gott den Menschen zu sagen hatte, ausschließlich und endgültig als ein in der Vergangenheit liegendes und nicht mehr zu erweiterndes oder ergänzendes Geschenk Gottes an die Menschen zu betrachten wäre. Wenn die katholische Kirche sich der vom Konzil beschlossenen Öffnung zur Welt verweigert (Gaudium et spes) , wird sie in der Zukunft zu einer Sekte werden. Doch was kümmert eine solche Entwicklung die hardliner? Diese wähnen sich im Besitz der angeblich "reinen" Lehre und merken nicht, dass die Lehre und der Glaube der katholischen Kirche in der Gefahr stehen, nur noch als eine Chimäre, nur noch als eine versteinerte und menschenfeindliche Ideologie wahrgenommen zu werden. Ob Jesus von Nazareth das gewollt hätte?

• dieser Papst unfähig ist, die ekklesiologisch entscheidende Frage, wie die kath. Kirche mit dem Angebot Gottes für das ‚Heute’ umgehen muss, angemessen zu beantworten. Für den Jesuiten und Befreiungstheologen Jon Sobrino steht außer Zweifel, „dass Gott heute immer noch sprechen kann, und zwar in der Weise der Neuheit Gottes, die sich nicht einfach aus dem, was wir schon von ihm wissen, deduzieren oder extrapolieren lässt. Es bedeutet demnach prinzipiell und methodologisch, sich vieler Dinge zu entledigen, auch wenn die Kirche meint, sie besäße schon viel von Gott. Es bedeutet, das Nichtwissen zu akzeptieren, um von Gott und von seinem Willen heute etwas erfahren zu können.“

• dieser Papst nicht mehr bereit ist, dem auf dem Katholikentag 1966 formulierten Erkenntnisgewinn nachhaltige und zukunftsweisende Taten für das Heute und Morgen in der Position als Benedikt XVI. folgen zu lassen, die ein Ankommen der katholischen Kirche in der Gegenwart so dringend nötig hätte. 1966 hatte Professor Joseph Ratzinger formuliert: „Der christliche Glaube ist für den Menschen aller Zeiten ein Skandal: dass der ewige Gott sich um uns Menschen annimmt und uns kennt, dass der Unfassbare in dem Menschen Jesus fassbar geworden , dass der Unsterbliche am Kreuz gelitten hat, dass uns Sterblichen Auferstehung und ewiges Leben verheißen ist: Das zu glauben ist für den Menschen eine aufregende Zumutung…. Aber wir müssen hinzufügen: dieser primäre Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum aufheben will, ist in der Geschichte oft genug überdeckt worden von den sekundäre Skandalen der Verkünder des Glaubens, der durchaus nicht wesentlich ist für das Christentum , aber sich allzu gerne mit dem Grundskandal verwechseln lässt und sich in der Pose des Martyriums gefällt, wo man in Wahrheit nur das Opfer der eigenen Engstirnigkeit ist…. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird: nicht der Glaube selbst, der längst vor jenem gestern und seinen Formen war, sondern eben die Form, die er sich einmal aus dem berechtigten Versuch heraus verschafft hat, in seiner Zeit zeitgemäß zu sein, aber nun gestrig geworden ist und keinerlei Ewigkeitsanspruch erheben darf. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es auch, wenn unter dem Vorwand, die Ganzheit der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber längst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentlich Forderung des Ursprünglichen bedürften. Wer die Geschichte der Kirche durchgeht, wird viele solche sekundärer Skandale finden – nicht jedes tapfer festgehaltene Non possumus war ein Leiden für die unabänderlichen Grenzen der Wahrheit, so manches davon war nur die Verranntheit in den Eigenwillen, der sich gerade dem Anruf Gottes widersetzte, der aus den Händen schlug, was man ohne seinen Willen in die Hand genommen hatte.“ Wortlaut der ganzen Rede in: Herderkorrespondenz 20 (1966), hier S. 351

Pater Henri Boulad , SJ, Rektor des Jesuitenkollegs von Kairo, formulierte in einem Brief (dieser Brief blieb selbstverständlich unbeantwortet!) vom Juli 2007 die Dringlichkeit einer innerkatholischen Reform mit folgenden Worten:

„Heiliger Vater, ich wage es, mich direkt an Sie zu wenden, denn mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie unsere Kirche dabei ist, im Abgrund zu versinken. Sie werden bitte meinen ganz und gar kindlichen Freimut entschuldigen, der mir sowohl von der "Freiheit der Kinder Gottes" auferlegt ist, zu der uns der hl. Paulus auffordert, wie von meiner leidenschaftlichen Liebe zur Kirche. Sie wollen bitte auch den alarmierenden Ton dieses Briefes entschuldigen, denn ich glaube, dass es "fünf vor zwölf" ist und die Situation kein Abwarten mehr erlaubt.
…..
Die religiöse Praxis ist in permanentem Niedergang. Die Kirchen Europas und Kanadas werden nur noch von einer stets geringer werdenden Zahl von Personen des dritten Lebensalters besucht, die bald ganz verschwunden sein werden. Es wird dann nichts anderes übrig bleiben, als diese Kirchen zu schließen oder sie in Museen, Moscheen, Clubs oder Stadtbibliotheken zu verwandeln, wie es schon geschieht. Was mich erstaunt, ist, dass viele von ihnen zur Zeit völlig renoviert und mit großen Kosten modernisiert werden, in der Absicht, dadurch Gläubige anzuziehen. Aber dies wird den Exodus nicht stoppen.

Die Priesterseminare und Noviziate leeren sich im selben Rhythmus und die Berufungen sind im freien Fall. Die Zukunft ist eher düster, und man fragt sich, wer die Ablösung übernehmen wird. Europäische Pfarreien werden gegenwärtig mehr und mehr von Priestern aus Asien oder Afrika übernommen.

Viele Priester verlassen ihr Amt und die kleine Zahl derer, die es noch ausübt - oft jenseits des Rentenalters -, müssen ihren Dienst in mehreren Pfarreien ausüben, in Eile und verwaltungsmäßig. Viele von ihnen, sowohl in Europa wie der Dritten Welt, leben im Konkubinat, vor den Augen ihrer Gläubigen, die das oft billigen, und ihres Bischofs, der nichts dagegen machen kann - angesichts des Priestermangels.

Die Sprache der Kirche ist überholt, anachronistisch, langweilig, sich ständig wiederholend, moralisierend und völlig unzeitgemäß. Es geht keineswegs darum, mit dem Strom zu schwimmen und in Demagogie zu machen, denn die Botschaft des Evangeliums muss in seiner ganzen herausfordernden Anstößigkeit vorgestellt werden. Was vielmehr nötig ist, ist jene "neue Evangelisierung", zu der uns Johannes Paul II. eingeladen hat. Diese besteht jedoch im Gegensatz zu dem, was viele denken, keineswegs in der Wiederholung der alten, die nicht mehr zieht, sondern in der Erneuerung, in einer neuen Sprache, die den Glauben treffend und bedeutsam für die Menschen von heute ausspricht.
…..
Wie lange werden wir noch mit der Vogel-Strauß-Politik fortfahren und unseren Kopf in den Sand stecken? Wie lange wollen wir uns noch weigern, den Fakten ins Gesicht zu schauen? Wie lange wollen wir noch versuchen, um jeden Preis die Fassade, eine Fassade, von der sich heute niemand mehr täuschen lässt, zu wahren? Wie lange noch starren wir auf und sperren wir uns gegen jede Kritik, statt darin eine Chance zur Erneuerung zu sehen? Wie lange werden wir eine Reform, die sich aufdrängt und die man schon zu lange zurückgestellt hat, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben? Nur im entschiedenen Blick nach vorn und nicht zurück wird die Kirche ihren Auftrag, Licht der Welt, Salz der Erde und Sauerteig zu sein, erfüllen können. Was wir heute aber leider feststellen müssen, ist, dass die Kirche, die Jahrhunderte lang Pionierin war, unserer Epoche hinterher bummelt.“ – Soweit die Auszüge aus der ungeschminkten Analyse zur Situation der kath. Kirche von P. Boulad.

Die kath. Kirche muss sich den veränderten Herausforderungen des 3. Jahrtausends stellen. Die gebetsmühlenartig von der päpstlichen Kurie vorgebrachten Hinweise auf die angeblich von Jesus initiierte Ämter- und Herrschaftsstruktur läuft nicht nur unter historischen Gesichtspunkten ins Leere, sondern sie trägt auch dazu bei, dass Kirche vor Ort immer weniger präsent wird und immer mehr Menschen nur noch die Abstimmung mit Füßen verbleibt.

Paul Haverkamp, Lingen

Verfasst von Gast am 17. September 2011 - 14:51.

Sie erwarten aber hoffentlich

Sie erwarten aber hoffentlich nicht das irgend jemand diese Epos liest? Oder...

Sie erwarten aber hoffentlich nicht das irgend jemand diese Epos liest? Oder etwa doch?

Verfasst von Gast am 17. September 2011 - 10:48.

Es wäre hilfreich, wenn sich

Es wäre hilfreich, wenn sich die Lutheraner daran erinnern würden, was sie sind...

Es wäre hilfreich, wenn sich die Lutheraner daran erinnern würden, was sie sind: eine Reformbewegung innerhalb der katholischen (nicht: römisch-katholischen) Kirche. Luther wollte ja bekanntlich nur die Mißstände seiner Zeit beseitigen, aber keine neue Kirche gründen. Erst durch spätere Veränderungen wie lutherische Orthodoxie, Pietismus und durch den Einfluss der Reformierten und Freikirchen sowie der Einflüsse aus den USA (Evangelikale/Charismatiker) wurde die lutherische Kirche eine eigenständige Gemeinschaft, die sich völlig aus den kirchengeschichtlichen Zusammenhängen gelöst hat.
Auch in den 1.500 Jahren vor Luther hatte es schon eine Kirche gegeben!

Verfasst von WeißeWucherblume am 17. September 2011 - 15:06.

Pole pole, langsam!

Nun mal langsam! Es ist schon in der Alten Kirche geschehen, dass u.A. die...

Nun mal langsam! Es ist schon in der Alten Kirche geschehen, dass u.A. die Arianer ausgeschlossen wurden, wie auch die Pelagianer, obwohl die heutige römische Kirche durchaus so etwas wie einen Semipelagianismus vertritt. Die Irische Kirche musste ihren Festkalender dem Römischen anpassen, die Motzarabische Liturgie in Spanien wurde unterdrückt, und das Schisma gegenüber der griechischen Kirche doch durchaus von Rom aus betrieben. Ganz zu schweigen von der Verfolgung der Katharer (Wer weiß heute noch, dass sie sich "Gutmenschen" nannten?), der Vernichtung der blühenden Kultur Occitaniens und der Zerstörung des Templer-Ordens (Was da ein Herr Breivik fabulierte, hat damit nichts, nichts zu tun. Sie praktizierten ein Bankwesen, das den Menschen diente und nicht Einzelnen). Es ist nun sicher müßig, ob Martin Luther noch seine Thesen vertreten hätte, nachdem ja die Römische Kirche sich auch gewandelt hatte nach den Ereignissen der Reformation. Aber die Kirche, die Luther vorfand, ließ sich eben nicht reformieren. Und so einheitlich und ursprünglich, wie sie im Gastbeitrag dargestellt ist, ist sie und war sie auch nicht.

Verfasst von Schwester Edith am 17. September 2011 - 14:32.

Die Lutheraner erinnern sich...

Stimmt - der Reformator wollte keine eigenständige Kirche gründen. Doch er...

Stimmt - der Reformator wollte keine eigenständige Kirche gründen. Doch er wurde quasi dazu gezwungen.
Über Martin Luther wurde die Bannbulle verhängt... Vielleicht erinnern auch Sie sich!? - Die EKD ist eine eigenständige Kirche.

Heutige katholische Kirchenkritiker, wie Küng und Drewermann u.a. wurden ebenfalls aus der katholischen Volks- oder Amtskirche hinausbefördert.

Die Charismatiker und Gemeindeerneuerer aus den USA - heute - haben sich nicht unbedingt von der EKD gelöst. Bewusst sind sie seit Jahren in die beiden Amtskirchen hineingegangen um sie zu unterwandern.
Ich verstehe nicht, warum viele religiöse Gruppen, die zwar zur Evangelischen Allianz gehören, so für die Ökumene plädieren?

Natürlich wird Papst Benedikt der Ökumene dienen, zugerne würde er sicher seine Schäfchen (Protestanten) wieder in die Kirche Roms zurückholen.
Nichts gegen den Papst persönlich! Nur nicht alle Welt ist für eine gemeinsame Ökumene.

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