Missbrauch: Rheinische Kirche bittet um Verzeihung

Petra Bosse-Huber

Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, entschuldigt sich bei den Opfern von sexuellem Missbrauch, Gewalt und Einschüchterung im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland. Foto: dpa / Federico Gambarini

Verbrechen - Die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich bei den Opfern von sexuellem Missbrauch in ihren Einrichtungen entschuldigt. In den vergangenen Wochen hatten sich acht Betroffene gemeldet.

Die Frauen und Männer hätten von Gewalt und Erniedrigungen in Einrichtungen der rheinischen Kirche berichtet, sagte Vizepräses Petra Bosse-Huber am Montag in Düsseldorf: "Wir sind beschämt und entsetzt, dass solche Übergriffe offenbar auch in Einrichtungen unserer Landeskirche und ihrer Diakonie stattgefunden haben. Wir bitten die Opfer um Verzeihung!"

Nach Angaben der zweitgrößten evangelischen Landeskirche betreffen fünf Fälle Nordrhein-Westfalen, drei Rheinland-Pfalz, darunter auch ein Fall in einem kirchlichen Internat. Obwohl die jetzt bekanntgewordenen Fälle bereits Jahrzehnte zurückliegen, würden die Vorwürfe sehr ernst genommen, unterstrich Bosse-Huber. Sie verwies auf ein Verfahren zum Umgang mit Missbrauchsopfern, dass die Landeskirche 2003 eingeführt hatte. Es bietet Opfern Hilfe und Beratung und regelt die disziplinarische sowie strafrechtliche Verfolgung der Täter.

Vorwurf: mangelnde Unterstützung

Die bayerische evangelische Landeskirche bestätigte unterdessen einen Bericht der Magazinsendung "Mona Lisa" (ZDF), in dem eine Frau sexuelle Übergriffe eines evangelischen Pfarrers geschildert und der Kirche mangelnde Unterstützung vorgeworfen hatte. Der Pfarrer habe sich Mitte der 1980er Jahre gegenüber dem damals 14-jährigen Mädchen Grenzverletzungen zuschulde kommen lassen, sagte die Chefjuristin der Landeskirche, Oberkirchenrätin Karla Sichelschmidt, am Montag am Rande der in Weiden tagenden Landessynode. Die Aufnahme eines Disziplinarverfahrens gegen den Pfarrer werde geprüft.

Unterdessen wird in Deutschland nach der Veröffentlichung des Hirtenbriefes von Papst Benedikt XVI. zu den Missbrauchsfällen in der irischen Kirche mehr Aufklärung angemahnt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüße, dass der Papst Fragen der Wiedergutmachung und der Prävention offen angesprochen habe, sagte ein Regierungssprecher am Montag in Berlin. Die Opfer und die Gesellschaft bräuchten "Wahrheit und Klarheit" bei der Aufarbeitung. Der Papst habe das Schreiben als Hirte der Weltkirche verfasst. Was er sage, gelte universell. Benedikt XVI. habe den Missbrauch an Kindern und Jugendlichen klar verurteilt und ebenso den Umgang der Kirche mit den Fällen und den Tätern.

"Alles muss auf den Tisch"

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper sprach sich für eine konsequente Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aus. "Alles muss auf den Tisch", die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, sagte Kasper am Sonntagabend am Rande der bayerischen evangelischen Landessynode in Weiden. Der Missbrauchsskandal sei für die Kirche vor allem eine Vertrauenskrise, so Kasper weiter. Die Kirche werde lange brauchen, bis sie das Vertrauen wieder zurückgewinnen werde.

Der Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, verteidigte den Hirtenbrief des Papstes gegen Kritik. Es sei nicht nachvollziehbar, woher diese "völlig unhaltbaren Forderungen" kommen, der Papst müsse auch etwas zu Deutschland sagen, sagte Kopp am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Stefan Vesper, begrüßte den Hirtenbrief als "Rückendeckung für alle, die sich in Deutschland für Aufklärung und Klärung der ganzen Vorfälle einsetzen". Es sei "ein sehr starker Text", so Vesper im Deutschlandfunk.

Kritik an Müllers Medienschelte

Die Medienschelte des Regensburger katholischen Bischofs Gerhard Ludwig Müller im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche stieß bei prominenten Kirchenvertretern auf Unverständnis. Sowohl der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, als auch der Vizepräses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Günther Beckstein, distanzierten sich von Müllers Äußerungen.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bezeichnete die Kritik Müllers an der Berichterstattung über die Missbrauchsfälle als "skandalöse Polemik". Unterdessen wies das Bistum Regensburg die Vorwürfe zurück. Dies sei "eine fälschende Verzerrung der Aussagen" des Regensburger Bischofs, erklärte das Bistum. Müller hatte den Medien eine "Kampagne gegen die Kirche" vorgeworfen und die Berichterstattung in die Nähe der kirchenfeindlichen Haltung der Nationalsozialisten gerückt.

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 23. März 2010 - 12:59.

Keine Einzelfälle !

Während es sich bei der katholischen Kirche um Einzelfälle handelt, das Ganze...

Während es sich bei der katholischen Kirche um Einzelfälle handelt, das Ganze aber intakt ist,wurde die protestantische Kirche in wesentlichen Teilen seit langem von Grund auf korrumpiert. In kaum einer Institution sind in den vergangenen Jahrzehnten von offizieller Seite so viel intellektualisierte Rechtfertigungen für sexuelle Übergriffe geliefert worden und wurde abweichendes sexuelles Verhalten in solch einem Umfang propagiert wie in dieser Kirche !

Zur Illustration:

- H.Kentler, an Wilhelm Reich orientierter Professor für Pädagogik, der in den siebziger Jahren für "Jugendlager mit freier sexueller Betätigung" warb, trat jahrzehntelang in den Evangelischen Akademien auf,
- G.Becker, der Unzucht mit Schutzbefohlenen in mehrstelligem Umfang begangen hat, war auch nach seinem erzwungenen Rücktritt als Schulleiter und trotz polizeilicher, einschlägiger Ermittlungen u.a.jahrelang in der Kammer für Bildung und Erziehung der EKD tätig,
- am Frauenbildungszentrum der EKD wurde durch die Leiterin Herta Leistner die "lesbische Existenz als Widerstandsform gegen das Patriarchat" unwidersprochen als Vorbild dargestellt.
Wen wundert es da, daß auch die Anhänger der Grünen, die noch vor wenigen Jahren den strafrechtlichen Schutz Minderjähriger vor sexuellen Handlungen aufheben wollten, jetzt an den wichtigsten Schalthebeln der Macht in der evangelischen Kirche sitzen !

Peter Rietze

Verfasst von Gast am 22. März 2010 - 22:31.

Selbstentschuldigung in Bildunterschrift?

Zit.:"Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, entschuldigt sich bei...

Zit.:"Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, entschuldigt sich bei den Opfern von sexuellem Missbrauch"

Ist diese theologisch unmögliche Selbstentschuldigung tatsächlich geschehen, oder eine unverschämte Unterstellung? Der Artikel legt zweites nahe.

Gerade die Kirche/resp. kirchl. Presse sollte diese Schlampigkeit im Umgang mit den Begriffen Schuld Vergebung, Verzeihung und Entschuldigung schleunigst abstellen. Die Erklärung von Herrn Zollitzsch war schon eine Unverschämtheit.

Wer sich selbst gegenüber Opfern entschuldigt, demütigt diese ein zweites Mal. Eine Institution kann nur um Verzeihung bitten, tun müssen das die Opfer selbst und die freie Wahl dazu haben. Ob es jemals zu einer "Entschuldigung" als Beseitigung der Schuld kommt, ist noch eine viel weitere Frage.

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