Missionsfeld Ostdeutschland: "Kirchentag zur richtigen Zeit"

Katholische Bittprozession in Thüringen

Eine katholische Bittprozession in Thüringen. Ob katholisch oder evangelisch: Der Glaube an Gott hat in Ostdeutschland einen schweren Stand, aber christliche Werte werden noch als wichtig wahrgenommen. Das ist eine Chance. Foto: Stephan Morgenstern/laif

Glaube - Nur 25 Prozent der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern glauben an einen Gott. Im Westen sind es 67 Prozent. Diesen eklatanten Unterschied hat das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap im Auftrag des MDR herausgefunden. Anlass für die Umfrage ist der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag, der Anfang Juni in Dresden stattfindet - also im Osten Deutschlands.

Von Anne Kampf und Hanno Terbuyken

Die Menschen in Sachsen können sich auf eine gigantische Missionsveranstaltung einstellen, denn Kirchentagsveranstalter und Besucher wollen - neben dem eigenen Vergnügen und Diskutieren - natürlich auch das: Ihren Glauben bezeugen. Allerdings: Das Vermitteln christlicher Werte können sie sich sparen. "Nächstenliebe" oder "Barmherzigkeit" sind laut der Umfrage für eine überwältigende Mehrheit der Menschen in Ost und West - 90 Prozent - wichtig oder sehr wichtig.

Über den Unterschied zwischen Ost und West, den diese Umfrageergebnisse zeigen, wundert sich allerdings kaum jemand in den evangelischen Kirchen. "Durch zwei Diktaturen hat die Weitergabe des Glaubens im Osten einen Bruch erlebt", analysiert Dietrich Bauer, Dezernent für Gemeindeaufbau in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens. "Die Menschen sagen, sie seien ohne christlichen Glauben glücklich und könnten Probleme lösen."

Genauso erklärt auch Albrecht Steinäuser die große Schere zwischen Werten und Glauben: "Viele Menschen verbinden nichts mehr mit christlichem Glauben und führen die Werte nicht unbedingt auf das Christentum zurück." Steinhäuser ist Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung im Lutherland Sachsen-Anhalt.

"Glaubst du an Gott?" ist keine leichte Frage

Reinhard Mawick, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland, hinterfragt das Umfrageergebnis: "Glaubst du an Gott?" sei eine schwierige Frage. "Christlicher Glaube ist mehr als eine kognitive Antwort - es ist eine Lebenseinstellung, ein Lebenszusammenhang", meint der Theologe. Also doch: "Glaube und christliche Werte sind nicht zu trennen. Wir wissen, dass ganz viele Menschen Sehnsucht haben nach den Ausdrucksformen des christlichen Glaubens, nach einem inneren Kompass", ist Mawick überzeugt. Der Kirchentag in Dresden komme zur richtigen Zeit.

Dietrich Bauer sieht das genauso: "Der Kirchentag wird eine wunderbare riesige Missionsveranstaltung. Nicht im platten Sinne, sondern als heilsame Irritierung." Als was? Der Kirchentag biete den Menschen neue Bilder an, erklärt Bauer - und die könnten irritieren, weil viele Menschen in den östlichen Bundesländern kein Bild von Kirche hätten, das "bunt" und "fröhlich" sei. Im Gegenteil: "lebensfremd, grau und ermattet" - so komme die Kirche in den Köpfen vor. "Man braucht einen langen Atem, um die Bilder zu verändern", weiß der Gemeindeaufbau-Experte aus Erfahrung.

Ein Kirchentag mag noch so fröhlich und bunt sein - er genügt nicht. Für alle, die mehr wissen wollen, bietet die Kirche in Sachsen Glaubenskurse für Erwachsene an, Unterrichtseinheiten für verschiedene Zielgruppen und mit unterschiedlichen Themen, in denen die Menschen ganz einfach lernen, was die Symbole und Begriffe des Christentums bedeuten. Diese Kurse haben zwei Ziele: erstens Bildung, zweitens - hoffentlich - das Bekenntnis der einzelnen Teilnehmer zum christlichen Glauben.

Die Menschen tun etwas und gehören dadurch zur Kirche

Dieses Bekenntnis muss aber von den Menschen selbst kommen, es lässt sich nicht erzeugen. Reinhard Mawick bringt das auf den Punkt: "Jeder bestimmt seine Nähe und Distanz zu Gott selbst. Wir bieten nur unsere Form an. Wir bieten die Freiheit, Ja zu sagen oder nein." Ein Angebot machen - so ist auch die Aktion "Taufsonntag" der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens zu verstehen: Für den 9. Oktober werden Familien eingeladen, evangelische Eltern mit ihren bisher ungetauften Kindern. Es wird ein großes Fest - doch auch damit ist es nicht getan. "Wir brauchen einen langen Atem", wiederholt Dietrich Bauer.

Einen etwas anderen "Missions"-Ansatz beschreibt Albrecht Steinhäuser für die Landeskirchen in Sachsen-Anhalt: Hier kommen die Menschen aus eigenem Antrieb, sie sammeln sich um die historischen Kirchengebäude in ihren Städten und Dörfen. Nicht um Gottesdienst zu feiern, sondern weil sie sagen: Wir müssen unsere Kirche erhalten als Ort der Gemeinschaft, als Zentrum. "Die Kirche ist für die Identität eines Ortes wichtig", erklärt Steinhäuser, "und der zweite Schritt wäre die Erkenntnis, das es auch um den Inhalt des Glaubens geht." Dazu kann es beispielsweise neue Formen von Veranstaltungen geben, um die Menschen zusammenzuführen.

Und da sie sich schon in der Kirche sammeln und zum ehrenamtlichen Engagement bereit sind, organisieren die Kirchen soziale Hilfsstrukturen, die gerade in ländlichen Gebieten mit zurückgehender Bevölkerung gebraucht werden. Die Menschen tun etwas und gehören dadurch zur Kirche. Bei diesem "Missionsmodell" gibt es eine große Offenheit gegenüber Nicht-Kirchenmitgliedern. Was zählt, ist das Mitmachen aus eigenem Antrieb.

Zeugnis geben und begründen

Doch nicht nur die Tat - auch das Wort ist wichtig. "Mission ist Aufgabe der Kirche und eines jeden Christen", sagt Albrecht Steinhäuser und verweist auf den Missionsbefehl im Matthäusevangelium, Kapitel 28. "Wir müssen stärker Zeugnis geben von dem, was uns Glaube bedeutet." Er selbst tut das ständig im Rahmen seiner beruflichen Aufgabe: Steinhäuser vertritt kirchliche Belange gegenüber dem Staat, zum Beispiel bei Gesetzgebungsverfahren.

"Wenn wir uns als Kirchen zu gesellschaftlichen Fragen äußern, muss klarer erkennbar sein, aus welcher Motivation wir uns zu Wort melden. Wir müssen erkennbar machen, dass wir angetrieben sind von der Kraft des Glaubens." Ein Beispiel dafür ist der Klimaschutz: "Es geht uns um Schöpfungsbewahrung. Wir bedienen nicht irgendwelche politischen Überzeugungen, sondern handeln aus Verantwortung vor Gott für die Welt."

So könnte Mission gestaltet werden in den Bundesländern, in denen nur 25 Prozent der Menschen sagen, dass sie an Gott glauben: Erklären und begründen. Zusammenhänge herstellen zwischen Glaube und Werten. Einladen und zusammenarbeiten. Da liegt die große Gelegenheit im Osten wie im Westen, und die Frage nach dem Glauben an einen Gott ist nur ein Teil davon. Daher bleibt Reinhard Mawick skeptisch: "Es spricht nichts gegen solche Umfragen, aber sie sagt über die religiöse Verfassung der Menschen wenig aus."


Anne Kampf und Hanno Terbuyken sind Redakteure bei evangelisch.de.

Kommentare

Verfasst von Karl V. am 5. Juni 2011 - 17:18.

Missionierung

Könnt ihr mir mal erklären, warum ihr unbedingt unsere Seelen braucht ? Seit...

Könnt ihr mir mal erklären, warum ihr unbedingt unsere Seelen braucht ? Seit doch froh, wenn es in eurem Himmel nicht so voll ist, weil die Ossis alle in der Hölle schmoren (lol). Es geht doch in Wirklichkeit nur um Macht über die Menschen, damit die willig alles schlucken, was von der Obrigkeit kommt. Und natürlich um unser Geld, um die Kirchensteuer nicht zu vergessen. BTW: Warum lasst ihr euer Ringelpietz in Dresden eigentlich zu 50 % (= 8 Millionen Euro) vom Steuerzahler und damit auch von Atheisten bezahlen? Verbietet die Bibel nicht diese Art von Doppelzüngigkeit?

Verfasst von Gast1 am 4. Juni 2011 - 19:53.

Fröhliche Kirche? - Fehlanzeige

"...weil viele Menschen in den östlichen Bundesländern kein Bild von Kirche...

"...weil viele Menschen in den östlichen Bundesländern kein Bild von Kirche hätten, das "bunt" und "fröhlich" sei. Im Gegenteil: "lebensfremd, grau und ermattet" - so komme die Kirche in den Köpfen vor..."

Soweit ich weiß, geht das aber auch vielen Menschen in "Westdeutschland" so.

Ein Teilnehmer vom Kirchentag nannte als Grund für seinen Besuch in DD, dass er hier überraschend viele junge Christen treffe. Im Gegensatz zu seinem Heimatort, wo die Gottesdienstbesucher eher der Altersgruppe 70+ angehören. - Das ist bei uns ähnlich. Wo sind die jungen Christen in ihren Heimatorten? Warum nehmen sie so wenig am GD teil? Bzw. beteiligen sich kaum an der Gestaltung des Gemeindelebens? Brauchen wir mehr "Events", um die Jungen wieder zu aktivieren?

Verfasst von Gast am 20. Mai 2011 - 10:21.

Unsinn

"Nur 25 Prozent der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern glauben an einen...

"Nur 25 Prozent der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern glauben an einen Gott. Im Westen sind es 67 Prozent."
Solange nicht dazugesagt wird, was mit "einen Gott" und "glauben" gemeint ist, sind solche Umfrageergebnisse vollkommen, aber auch sowas von vollkommen für die Katz.

Verfasst von Eberhard am 19. Mai 2011 - 11:32.

Missionsfeld?

Missionsfeld? Das Terrain scheint ja erheblich geschrumpft zu sein, früher...

Missionsfeld? Das Terrain scheint ja erheblich geschrumpft zu sein, früher sprach man von Ländern und ganzen Erdteilen. Die Anhänger dieses Glaubens werden weniger und es geht ihnen auch nicht besser oder schlechter als den
Gläubigen. Da braucht man nur mal bei HIOB hineinzulesen.
Religion braucht keinen persönlichen (männlichen) Gott.

Verfasst von ernstwalter am 19. Mai 2011 - 11:28.

Missionsfeld Kirche

Missiionsfeld Kirche ist zutreffender. Versuche mit Hula-Hopp in der Kirche...

Missiionsfeld Kirche ist zutreffender. Versuche mit Hula-Hopp in der Kirche  sorgen für noch weniger "Kirche". Nicht warten bis Menschen in die Kirche kommen sondern die Amtsträger müssen sich mehr auf den Weg machen und  Kirche schaffen.Jeder Sportverein bietet mehr Gemeinschaft als die Besucher des Gottedienstes. Wer den Menschen dient- der dient Gott. Der übliche Gottesdienst dient dem Nachweis es gibt noch Mitglieder. Mehr ist nicht drin.Ich wage es zu sagen-Gott ist bei mir aber ob Gott auch in der Kirche ist-kann ich nicht beurteilen. Das ist meine Meinung.  Walter Wasilewski

Verfasst von Ossi am 20. Mai 2011 - 15:44.
Kommentar auf: Missionsfeld Kirche

Es ist absurd zu glauben, im

Es ist absurd zu glauben, im Osten missionieren zu können. Wir Ossis sind nicht...

Es ist absurd zu glauben, im Osten missionieren zu können. Wir Ossis sind nicht zu blöd, von allein den Weg in die Kirche zu finden - wie wollen nicht. Sicher gibt es einen Anteil, denen solche Fragen einfach egal sind, aber ich denke die Mehrheit hat sich durchaus mit der Religion beschäftigt, und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie damit nichts zu tun haben will.

Also: Geht weg und lasst uns mit eurem Zombie-Jesus zufrieden! Missioniert lieber in Saudi-Arabien, da habt ihr größere Erfolgsaussichten. Mit euren Heiapopeia-Ringelpietz Veranstaltungen könnt ihr uns bestimmt nicht hinterm Ofen hervorlocken.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd><p><embed><param><object>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Du kannst andere Kommentare mit [quote]-Tags zitieren.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen