Morgenandacht: "Soviel du brauchst"

Obdachloser

Ein Obdachloser in diesen Tagen Berlin. Die Kälte sorgt in den Notunterkünften für eine Nachfrage, die das Angebot weit übersteigt. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Gedanken zur Woche - Die Morgenandacht im Deutschlandfunk vom Freitag: Die Hamburger Pastorin Rosemarie Wagner-Gehlhaar beleuchtet das Kirchentagsmotto 2013 in diesen kalten Tagen.

Von Rosemarie Wagner-Gehlhaar

Klirrende Kälte, klappernde Zähne, knurrender Magen, blau gefrorene Hände – der Mitternachtsbus rollt durch Hamburg, fährt verschiedene Stationen an, und da stehen sie dann, die mit den knurrenden Mägen und den klappernden Zähnen in der klirrenden Kälte. Sie haben ihre Deckenlager in den Eingängen der Kaufhäuser kurz verlassen, bekommen ein Brötchen, einen heißen Tee.

Manchmal eine Frage, ein paar Minuten, in denen sich jemand für sie interessiert. Ein offenes Ohr für ihre traurige Geschichte. Der Weg vom normalen bürgerlichen Leben auf die Straße: Arbeit weg, zu viel Alkohol, zu viel Drogen, Schulden, Wohnung weg, Freunde weg. Am Wahrzeichen der Stadt, also am Michel, eine der Hamburger Hauptkirche, prangt seit Dienstag ein Spruchband: "Soviel du brauchst". Das steht sozusagen über der städtischen Szenerie.

Ist das Hohn und Spott? Es ist auf alle Fälle das Kirchentagsmotto und das ist Dienstag bekannt gegeben worden "Soviel du brauchst". Ein Satz aus der Geschichte als die Israeliten in der Wüste hungerten und bedauerten, dass Mose sie zwar aus der ägyptischen Gefangenschaft befreit hatte aber damit auch von den Fleischtöpfen Ägyptens abgeschnitten hat. Und dann fiel plötzlich das sagenhafte Manna vom Himmel. Jeder und jede sammelte, was gebraucht wurde.

Es war nicht notwendig, Vorräte anzulegen. Am nächsten Tag fiel neues Brot vom Himmel. "Das ist das göttliche Prinzip vom täglichen Brot." Formuliert die Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär. Wo fällt denn heute Manna vom Himmel? Manna ist ja zum einen richtiges Brot zum Essen und es ist Seelenspeise. Verteilen die Fahrer der Mitternachtsbusse in den kalten Städten Manna, also Futter für Leib und Seele?

Es geht um das rechte Maß

"Soviel du brauchst" - ist nicht das zynisch angesichts so vieler Hungernder auf der einen Seite und soviel Übergewichtiger auf der anderen Seite, so vieler Trauriger, Verzweifelter, Hoffnungsloser, seelisch und körperlich Verwahrloster - kann da die Kirche so ein vollmundiges vielleicht sogar blauäugiges Motto ausgeben? Kann sie, findet Ellen Ueberschär. Das Motto bündelt ja eine Lebenserfahrung und transportiert damit eine gewaltige Hoffnung: Das Volk Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste. 40 Jahre Wüste. Das überlebt man nur im Vertrauen auf Gott und aufeinander. Wer in der Wüste aus der Gruppe ausbricht, der geht in den sicheren Tod.

Darum fordert die Losung zum Handeln auf: Alles was wir tun können, um Brot und Lebenschancen für alle zu erkämpfen, das sollen wir tun und müssen wir tun, betont die Generalsekretärin. Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ergänzt, es geht auch um das rechte Maß: Wir sollen uns nur so viel nehmen, wie wir brauchen. Das was zu viel ist, verdirbt, auch den Charakter – wie die Bischöfin anmerkt.

Der Sinn des Lebens liegt im Miteinander, daraus entwickelt sich Lebensqualität. Und die misst sich an Solidarität, Frieden und Hoffnung. "Soviel du brauchst" - guck auch, was die andere, der andere braucht. Als "Zuspruch und Aufforderung" versteht der Präsident des Kirchentags Gerhard Robbers das Motto. Die Verantwortlichen finden das Motto gut – und wie finden Sie den Satz "Soviel du brauchst"? Ist der Mitternachtsbus in dunklen kalten Nächten sozusagen Manna im Hosentaschenformat?


Rosemarie Wagner-Gehlhaar. Foto: NDRRosemarie Wagner-Gehlhaar ist Pastorin in Hamburg. Ihre Morgenandacht wurde am Freitag, 3. Februar vom Deutschlandfunk gesendet.

Kommentare

Verfasst von WeißeWucherblume am 4. Februar 2012 - 11:13.

Ein gute Frage

Wer kann bestimmen, was ich brauche? Eine Möglichkeit wäre ja, ich weiß,...

Wer kann bestimmen, was ich brauche? Eine Möglichkeit wäre ja, ich weiß, utopisch aber denkbar, dass niemand sein Gehalt selbst festlegt, auch die Zinseinkommen und vergleichbare Einkommen abgegeben werden. Aber werden die von einem Kollektiv besser verwaltet? Und wer soll dann die Einkommen festlegen? Ich glaube, es wird als ungerecht empfunden, dass einerseits Vermögende vollen Zugriff auf ein Vermögen haben, das sie niemals allein erwirtschaftet haben, dass aber die "Arbeitnehmer" allein dadurch, dass sie ein Einkommen brauchen in einer schwachen Verhandlungsposition sind, es einen "Arbeitsmarkt" gar nicht gibt. Dazu kommt, dass die Gewerkschaften teilweise behindert werden, teilweise sich auf die Seite der "Arbeitgeber" schlagen. Ich weiß aber auch von evangelischen und katholischen Geistlichen und Theologen und Theologinnen, dass immer wieder nur Reisekosten abgerechnet werden, Stellen nur zur Hälfte in Anspruch genommen werden und dergleichen. Man sollte da nicht Alles und Alle über einen Kamm scheren.

Verfasst von Gast am 3. Februar 2012 - 18:46.

"So viel du brauchst"

Ich hätte gerne überhaupt einmal gewusst, wo denn das abgekürzte "...

Ich hätte gerne überhaupt einmal gewusst, wo denn das abgekürzte "Kirchentagsmotto für 2013" überhaupt in der Bibel steht? Ich finde die Bibelstellenangabe nämlich im Artikel selbst nicht. Ich hoffe, dass das Motto nicht aus dem Zusammenhang gerissen ist. Obwohl mir die 5 Bücher Mose in der Bibel nicht fremd sind, sehe auch ich bis jetzt keinen Sinn in dieser Kurzfassung für den nächsten Kirchentag.

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