Sakramente - Noch joggen einsame Strandläufer am Flutsaum der Weser vor Bremerhaven. Anfang Juli ist hier alles anders. Dann versammelt sich vor der modernen Silhouette der Hafenstadt eine riesige Taufgesellschaft. Fast 100 Familien und mehr als 1.000 Gäste werden erwartet, wenn die evangelische Kirche zum Mega-Tauffest an die Weser einlädt. Unter ihnen ist Familie Ratje, die gleich fünf Kinder angemeldet hat. "Der Deich, das Wasser, der Strand - das ist für mich ein besonderer Ort, hier bin ich groß geworden", sagt Mutter Daniela.
Ob Chiemsee, Isar, Northeimer Seenplatte, Ostseebucht oder Elbestrand: Im Sommer zieht es Taufgesellschaften in ganz Deutschland mit oft hunderten von Gästen immer häufiger an das Wasser. Die einen fasziniert der Ort, andere eine Partystimmung, die sie sonst in der Kirche vermissen. Und das gilt nicht nur im Jahr der Taufe, das die Evangelische Kirche in Deutschland 2011 feiert.
"Unter freiem Himmel sind die Hemmschwellen niedriger", sagt Diakonin Hanna Hagedorn, die das Fest am 3. Juli in Bremerhaven mit 118 Täuflingen vorbereitet. An biblische Vorbilder reicht die Zahl übrigens noch nicht ganz heran: Der Überlieferung zufolge feierte Petrus am Pfingstfest mit 3.000 Menschen die erste Massentaufe der Christenheit.
"Fehlt nur noch Sonne"
Der jüngste Sohn von Daniela Ratje ist gerade erst zur Welt gekommen, die anderen Mädchen und Jungen sind bis zu zwölf Jahre alt. "Bisher kam immer irgendwas dazwischen, wenn wir die Kinder taufen lassen wollten", sagt die 29-Jährige. "Mal war jemand krank, mal fehlten die Paten, dann war mein Mann arbeitslos und es war finanziell eng." Jetzt passt alles: Die Kirche sorgt für einen festlichen Rahmen, nach der Taufe gibt es kostenlos Kaffee und Kuchen. "Fehlt nur noch Sonne", hofft Mutter Ratje.
Ein paar Kilometer stromaufwärts vor Bremerhaven im niedersächsischen Sandstedt arbeitet Pastor Dietrich Diederichs-Gottschalk, der zu den Pionieren von See- und Flusstaufen in Deutschland gehört. Passend, denn dort am Weserstrand stand vor Jahrhunderten die erste Kirche des Ortes, Schutzpatron war Johannes der Täufer. Für viele Sandstedter ist es bis heute ein mystischer Ort. Als Diederichs-Gottschalk in einem verstaubten Schrank im Gemeindehaus dann noch ein historisches Bild der Taufszene Jesu am Jordan fand, war das für ihn so etwas wie ein Zeichen: Die erste Wesertaufe war beschlossene Sache.
Banalisierung eines Sakraments?
Doch innerkirchlich hagelte es Kritik. Spektakel, Banalisierung eines heiligen Sakramentes, die Taufe gehört ins Gotteshaus, schimpften leitende Theologen. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich die Taufe nach dem biblischen Vorbild am lebendigen Strom erkämpfen musste", erinnert sich Diederichs-Gottschalk. Doch er ließ sich nicht beirren und steigt nun jährlich um den Johannistag am 24. Juni herum barfuß und mit Talar in die Weser. Mittlerweile sind die Kritiker verstummt. Die Vielfalt christlicher Traditionen in der Taufpraxis solle sichtbarer werden, sagt der neue hannoversche Landesbischof Ralf Meister. Tauffeste an Seen und Flüssen sieht er als "Spur neuer kirchlicher Folklore".
Taufeltern wie Daniela Ratje haben ohnehin keine Vorbehalte und verbinden ganz im Gegenteil den Ritus der reinigenden Taufe am Fluss mit einem warmen Gefühl von Heimat. Diederichs-Gottschalk berichtet, die Feier unter freiem Himmel mit raschelndem Schilf und rauschenden Bäumen sei für viele ein elementares Erlebnis der Schöpfung Gottes. Dazu kommt eine soziale Komponente, denn oft melden sich Alleinerziehende an, für die ein Tauffest sonst unerschwinglich wäre.
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Und es rührt etwas an, was Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Denn den Glauben an die erneuernde und lebensspendende Kraft des fließenden Wassers gibt es weltweit. "Flüsse und das Meer galten schon in der Antike als besonders rein", sagt Landesbischof Meister. So ist es bis heute bei den Hindus in Indien, die im Strom Ganges eine Gottheit sehen, der alle Sünden abwäscht - obwohl der Fluss an vielen Abschnitten eine Kloake ist. "Vor jedem Shinto-Schrein in Japan gibt es einen Brunnen, in dem Hände und Mund gespült werden", ergänzt die Bremer Völkerkundlerin Renate Noda.
Im Mittelalter bedeutete die Taufe auf Christi Namen das Tor zum Paradies, erinnert der hannoversche Historiker Thorsten Albrecht: "Die Mächte des Bösen wurden gebannt." Daran knüpft auch der evangelische Pastor Wilfried Behr beim Tauffest am Ufer eines ehemaligen Ziegeleisees im niedersächsischen Hemmoor an. In seiner Predigt übersetzt er, was dieser Tag theologisch bedeutet: "Alles, was nicht gut ist, soll abgespült werden in die Tiefen dieses Sees. Wer getauft ist, ist komplett gereinigt."







Kommentare
Taufe!
Also ich wollte hier auch mal meine Meinung sagen, da ich finde das wort gottes wird heutzutage zu sehr verwässert! Ja es ist scharf aber genau das macht es ja aus! Ich finde es daher schade das die Kindstaufe praktiziert wird. Jesus wurde wohlgemerkt nicht als kind sondern als Mann getauft! Da sollte eigentlich jedem ein licht aufgehen. Was bringt es dem Kind? Diese Taufe sehe ich als nichtig, da das dem Kind egal ist. Man sollte sich schon aus freien stücken und eigenem willen für eine taufe entscheiden und das kann niemand für einen übernehmen! Wer denkt hey ich wurde als Kind getauft und damit ist alles für mein christsein erledigt ich geh jetzt auf die nächste party liegt falsch! Das allerwichtigste ist sowieso Vergebung der Sünden durch Jesus Christus von Nazareth der am Kreuz dafür starb und wirklicher Buße und der rest sollte aus freien Stücken/Willen kommen ansonsten ist es nichtig! - Wer rechtschreibfehler findet darf sie behalten-
Taufe als Event
Wir feiern selbst in der Landeskirche mit drei Gemeinden (und mit drei Pfarrern) in der Nähe von Esslingenzusammen seit 6 Jahren Taufe und Tauferinnerung im Fluß oder - bei Hochwasser z.B. im Freibad.
Wir machen dabei gute Erfahrungen. Einige der Leserbriefschreiber zeigen in der Tat eine Schwelle an, der man sich bewußt sein sollte als Verantwortlicher: Es ist uns extrem wichtig, unser christliches, ja christologisches Taufverständnis in einfachen aber klaren Worten rüberzubringen. So kämen wir auch niemals auf die Idee, als Analogie zum reinigenden Wasser den Ganges oder sonst einen Indischen Fluß aus dem Hinduismus herbeizuziehen. Wir zitieren stattdessen Römer 6,2ff in der Paulus klar das Untertauchen der Taufe mit dem Gestorbensein in Jesus Christus erklärt, dasselbe mit dem Auftauchen und der Auferstehung. Das ist vielleicht nicht die einzige Erklärung, m.E. aber eine sehr zentrale. Und gerade das wird natürlich durch das ganz Untertauchen sinnenfällig.
Mir stößt die Grundsatzkritik an EVENTkultur doch etwas auf. Gut, bei uns sind es "nur" 200 Gottesdienstteilnehmer, so dass man die meisten durchaus noch kennt und noch kein Festivalcharakter aufkommt. Aber diesselben Kritiker, die hier eine Banalisierung durch die Form ("Taufen gehören in die Kirche, mit Talar" - warum eigentlich?) kritisieren, geraten bei der Berichterstattung über das Mega Evend Kirchentag ins Schwärmen und halten die Aufführung der Johannespassion oder eines großen Gospelkonzerts in der Stadtkirche für DEIN zentralen Ev... ähhh, nein DIE zentrale Veranstaltung für "die Kirchgänger" (sprich: Das Millieu, das drauf steht).
Wie wäre es, wenn alle (auch und gerade Landeskirchliche ) Gemeinden solch eine gottesdienstliche Tauffeier im Grünen für ihre Mitglieder anböten, dann würde es etwas persönlicher und würde auch die Beziehungen zur Ortsgemeinde stärken. Ich habe unlängst eine Anfrage aus Nordhessen mit Taufwunsch bei uns abgelehnt, in Nordhessen gibt es doch auch Gemeinden und m.W. sogar "tauffähige" Flüsse und Seen.
Ich würde sage: Wir machen bei uns KEINE Folklore und uns gelingt es, durch Beteiligung der Kerngemeinde der Feier einen würdevollen und einladenden, und gleichwohl fröhlichen und lockeren Charakter abzugewinnen (und nebenbei ungemein volksmissionarisch). Und die Tauferinnerungen mit Untertauchen im Anschluß gehen den Jugendlichen, die sie machen, unter die Haut - die haben in der Tat weiße Kleider an, und das kommt gut. Oben am Ufer lassen sich dann die Eltern mit einer Wasserschale an ihre Taufe erinnern, und das völlig spontan und aus tiefstem Herzen. Und das ist WIRKLICH genial.
Ich möchte die Kirchenleitungen der Landeskirchen ermutigen, ihren Pfarrern auch in den offiziellen Agenden grünes Licht zu geben für solche neuen Formen und sie dazu ermutigen, das zu tun. Dann müßten sich die Taufinteressierten nicht bei Mega Events gemeindefern ihr Sakrament "abholen" sondern könnten innerhalb ihrer Ortsgemeinde an den Kernbereichen christlichen Glaubens und möglicherweise an ihren eigenen Wurzeln anknüpfen.
Stefan T. Pfarrer
"Spur neuer kirchlicher Folklore"
...das meint der Landesbischof von Hannover, Ralf Meister.
"Folklore" ist ein Kulturphänomen des "Dritten Standes". In einer dreigliedrigen Ständeordnung, wie sie seit dem Mittelalter beispielsweise für Frankreich charakteristisch war, waren im "Dritten Stand" diejenigen versammelt, die nicht zu den beiden (in der Regel priviligierten) Ständen Klerus/biblisch und Adel gehörten. In der heutigen Gesellschaft sind das wohl unter anderem die "Alleinerziehenden", die zum "Dritten Stand" zählen und für die ein Tauffest unerschwinglich wäre.
Ach wie nett,dass jetzt die Kirche für die "Nicht-Priviligierten" einen festlichen Tauf-Rahmen an Flüssen, Seen, Bächen und Teichen schafft. Mit kostenlosem Kaffee und Kuchen. Hoffentlich werden die Priviligierten nicht neidisch oder gilt "gleiches Recht für alle?"....
Wenn "biblische Verhältnisse" (= 3000 Taufen am Pfingstfest)erreicht werden, dann werden die Kuchenbäcker reich und die Kirche noch ärmer wie sie ohnehin schon ist, sofern nicht ein Sponsor in die Bresche springt!
Modischer Schnickschnack
Wenn die Leute eine Idee hätten, was Taufe ist, müssten sie kein solches Event davon machen; dann ginge das gewöhnliche leicht angewärmte Wasser in einer Kirche genau so gut. Aber nein, es muss natürlich etwas Besonderes sein. In meiner Gemeinde wird es gerade Mode, dass Paten und angereiste Anverwandte kleine PET-Fläschchen mit sich führen, worin jeder Wasser aus seinem Heimatort bringt. Das wird dann erst mal im Taufbecken zusammengekippt. "Ein schönes neues Taufritual", sprach derweil kürzlich die
ModeratorinPfarrerin. Ich bin schon immer ganz froh, wenn dann nicht noch "gute Wünsche" an den Täufling gesprochen werden ("bleib wie du bist und erhalte dir deine Neugier und dein unvergleichliches Lächeln"), sondern tatsächlich Fürbitten vor Gott gebracht werden. Das andere kann man ja gut an der Kaffeetafel machen.Verblüffend ist natürlich im obigen Bericht ein Satz wie dieser hier: "Alles, was nicht gut ist, soll abgespült werden in die Tiefen dieses Sees. Wer getauft ist, ist komplett gereinigt." Bei all dem Wasserspaß an mystischem Ort wird man aber drüber weghören können. "Sünde" hat er ja nicht gesagt. Soso, und das verbindet uns also mit den Hindus.
Bedenkenswert ist die Sache mit der "sozialen Komponente". Das las ich kürzlich schon an anderem Ort, dass Alleinerziehende ihre Kinder oft nicht taufen lassen, weil sie sich das Fest nicht leisten können. Da gibt es anscheinend bösen gesellschaftlichen Druck und stark verschobene Vorstellungen darüber, was bei einer Taufe wichtig ist. Ich entsinne mich an eine Taufe, die bei einem Himmelfahrts-Gottesdienst unter freiem Himmel stattfand, das war eine alleinerziehende Mutter; und die anschließende Party war gesichert. Beim Gemeindefest ginge es auch. Dieser Aspekt ist in meinen Augen sehr ernst zu nehmen.
Dass sich der Geist Gottes danach richtet, welches Gewässer mir heimatlich oder "mystisch" vorkommt, das bezweifele ich doch ziemlich. Nur die unvermeidlichen Fotos, die sind bei sowas bestimmt witziger als die aus der Kirche.
Coriander
- Streite dich nicht mit einem Dummkopf. Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung. (Quelle unbekannt)-
Hauptsache Event... etwas
Hauptsache Event... etwas anderes scheint heute nicht mehr zu zählen. Es ist gruselig und traurig und schade.
Wenn ich mir allein das Bild anschaue, wird mir himmelangst! Sollte die leicht bekleidete Dame, die so tief blicken läßt gerade eine Taufe vollziehen??
Ich habe nichts gegen Taufen am Fluß - aber auch dabei sollte das Sakrament, die Verkündigung des Evangeliums, im Vordergrund stehen. Die Taufe findet im Gottesdienst statt. Und das darf man spüren und sehen. Dazu gehört eine angemessene Kleidung - Die Pastorin trägt selbstverständlich Talar!!) und eine angemessene Geste - wenn schon im Fluss taufen, dann mit Taufkleid und Untertauchen, wie es tatsächlich biblischer Tradition entspricht.
Auch Kinder spüren das Besondere solcher Momente, wenn sich aber die Taufe kaum mehr vom fröhlichen geplansche am Strand unterscheidet, gerät sie in die Beliebigkeit!!
Äußerung des Landesbischof's
"Denn den Glauben an die erneuernde und lebensspendende Kraft des fließenden Wassers gibt es weltweit. "Flüsse und das Meer galten schon in der Antike als besonders rein", sagt Landesbischof Meister. So ist es bis heute bei den Hindus in Indien, die im Strom Ganges eine Gottheit sehen, der alle Sünden abwäscht".
Bisher habe ich immer gedacht,der Glaube an den Opfertod Jesu reinigt uns von unseren Sünden. Ich frage mich, habe ich da etwas falsch verstenden, oder hat der Landesbischof Meister etwas falch verstanden. Arme Kirche, die ihre Einzigartigkeit zu Gunsten eines Mischmas aufgibt.
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