Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Wahlkampfplakate mit Merkel und Steinmeier

Die Deutschen haben die Kanzlerwahl: Bleibt die Lutheranerin Angela Merkel im Amt oder folgt ihr der Calvinist Frank-Walter Steinmeier? Foto: dpa

Bundestagswahl - Am Sonntag um 18 Uhr geht ein Wahlkampf zu Ende, der zwar weitgehend fair verlief, aber ohne echte Spannung blieb. Viele wichtige Fragen blieben unbeachtet, auch zum Thema Kirche und Religionen haben die Parteien offenbar nur wenig zu sagen.

Von Bernd Buchner

Der Kampf ums Kanzleramt ist eine innerprotestantische Angelegenheit: Die lutherische Pfarrerstochter Angela Merkel verteidigt ihren Job gegen den reformierten Christen Frank-Walter Steinmeier. Dass sich CDU-Regierungschefin und sozialdemokratischer Kandidat im Wahlkampf samt TV-Duell mit Samthandschuhen anfassen, hat wohl eher damit zu tun, dass sie bisher gemeinsam regieren, als mit ihrer mehr oder weniger engen Kirchenbindung. Kirchen und Religionen jedenfalls werden in den Wahlprogrammen der Parteien eher stiefmütterlich behandelt. Außer ein paar wohlklingenden Floskeln findet sich dort wenig Greifbares.

Die Linkspartei mit dem Jesuitenschüler Oskar Lafontaine und dem bekennenden Atheisten Gregor Gysi an der Spitze macht aus ihrem Bezug zum Thema kein großes Geheimnis: Die Begriffe "Kirche" oder "Christentum" tauchen in ihrem Wahlmanifest nicht auf. Von Religionen allgemein ist nur in einigen Passagen die Rede, wenn es etwa um die Gleichberechtigung von Menschen geht – die unabhängig von Rasse, Geschlecht und so weiter zu gelten habe. Auch der Islam findet bei den Linken nirgendwo Erwähnung.

Grüne wollen kritische Debatte

Anders die Grünen: In ihrem Wahlpapier findet sich ein ausführliches Kapitel über den Islam, "die zweitgrößte religiöse Gruppe in Deutschland". Die hier lebenden Muslime sollten gleichberechtigt sein und besser integriert werden, heißt es da kritisch – die ohne verbindliche Ergebnisse gebliebene Islamkonferenz sei nicht ausreichend. Stiefmütterlich hingegen behandelt die Öko-Partei, die ihren jüngsten Parteitag in der Auferstehungskirche in Berlin-Friedrichshain abhielt, die Kirchen: Sie werden im Programm nur an einer einzigen Stelle thematisiert, wenn es darum geht, eine "kritische Debatte" über ihre Rolle im Bildungssystem anzustoßen.

Das klingt bei den beiden "C"-Parteien schon etwas freundlicher. Das Unions-Wahlprogramm misst den Kirchen eine "große Bedeutung für das geistliche Klima und das menschliche Miteinander" im Land zu, würdigt die christliche Sozialarbeit und wirbt für konfessionellen Religionsunterricht in allen Ländern. Doch die Formulierungen von CDU und CSU klingen ähnlich pflichtschuldig wie bei der SPD, in deren Papier es heißt: "Eine solidarische Bürgergesellschaft ist ohne den Einsatz von Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht denkbar."

Was sind "nichtkirchliche Religionen"?

Auch bei der FDP des Protestanten Guido Westerwelle werden christliche Spurensucher nicht wirklich fündig. Die Liberalen wollen gleiche Rechte für Religionsgemeinschaften und den Abbau von Vorurteilen gegen Kirchen. "Im Hinblick auf die gewünschte Einbindung nichtkirchlicher Religionen", heißt es im Wahlprogramm weiter, "sollen im Sinne der Gleichbehandlung im Einvernehmen mit den betroffenen Religionsgemeinschaften rechtliche Regelungen gesucht werden." Nichtkirchliche Religionen? Das verstehe, wer will – von dem amtsschimmeligen Gesamtsatz einmal abgesehen.

So bieder der bisherige Wahlkampf, so unverbindlich erscheinen die Positionen der politischen Gruppierungen mit Blick auf die Religionen. Das gilt selbst dann, wenn man den Charakter der Parteiprogramme als Sammelsurium von Ideen, Gedankenspielen, Kompromissformeln und Verhandlungsmasse für künftige Koalitionsgespräche in Rechnung stellt. Selbst kirchlich relevante Themen wie die Gesundheitspolitik oder bioethische Fragestellungen spielen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Das ist schade – auch wenn das Kanzleramt weiterhin in protestantischer Hand bleibt.

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Kommentare

Verfasst von Gast am 24. September 2009 - 13:51.

RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Eigentlich steht im GG ja etwas von „Trennung von Kirche und Staat“, warum...

Eigentlich steht im GG ja etwas von „Trennung von Kirche und Staat“, warum Religion im Wahlkampf also Thema seien erschließt sich mir nicht. Einzig der Abbau der Extrawürste die die großen christlichen Kirchen erhalten wäre ein sinnvolles Wahlkampfthema.

Religionsfreiheit ist im GG verankert, das hat allen Religionsgemeinschaften zu reichen. Glaube wie auch Unglaube sind reines Privatvergnügen und haben in der Politik nichts verloren.

Verfasst von Gast am 24. September 2009 - 14:44.

RE: RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Es ist dumm und Quatsch, Religion als "reines Privatvergnügen" zu bezeichnen,...

Es ist dumm und Quatsch, Religion als "reines Privatvergnügen" zu bezeichnen, das in der "Politik nichts verloren hat".
1. Jeder Mensch hat eine Religion - auch dezidierte Atheisten und Materialisten. Ihre Religion ist dann das Diesseits, das "Hier-und-Jetzt" oder sie selbst. Aber es gibt schlicht und ergreifend keine "neutrale" Weltanschauung, weil es keine "neutralen" Menschen gibt. Insofern spielt die Weltanschauung für alle Politik und Politiker eine Rolle.
2. Was ist denn Politik? Politik beinhaltet das griech. Wort "Polis", also Volk. Da immer (dem HErrn sei Dank) ein großer Prozentsatz an Menschen Christen sind, und auch zum "Wahlvolk" gehören, ist es sinnvoll, auch religiöse Dinge mit in die Politik einzubeziehen. Man könnte ja auch sagen, die Sexualität sei "reines Privatvergnügen", aber da würde die Homo - Lobby sehr schnell protestieren.

Insofern: Wie jedes existentielle Lebensthema (s.o.) in die Politik gehört, so gehört auch Religion in die Politk.

Verfasst von Gast am 24. September 2009 - 13:05.

RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch für den Aufbau dieser Webseite und...

Zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch für den Aufbau dieser Webseite und die professionelle Herangehensweise an das Thema von einem bekennenden Christen einer Freien evangelischen Gemeinde, der zugleich auch bekennender Pirat ist.

Als Mitinitiator einer Arbeitsgruppe für Religionspolitik der Piratenpartei kann ich - im Hinblick darauf, dass die Diskussionen öffentlich geführt werden - schon mal ankündigen, dass es von den Piraten in Zukunft eindeutige Positionen geben wird, die sicherlich bei den beiden großen Landeskirchen auf Ablehnung stoßen werden.

Es zeichnet sich bereits eine starke Ablehnung der Kirchensteuer und eine Forderung nach einer stärkeren Trennung von Kirche und Staat ab. Dies betrifft auch einen kritischen Blick auf den politischen Einfluss, den die beiden Amtskirchen ohne demokratische Legitimation in Politik und Medien einnehmen.

Es gibt bei der Piratenpartei zahlreiche Atheisten und Agnostiker, aber eben auch bekennende und aktive Christen, die in einer hohen Diskussions- und Streitkultur nach Lösungen statt plakativen Aussagen suchen. Daher gibt es von unserer Seite aus noch keine eindeutige Stellungnahme.

Ich persönlich vertraue mein Leben Jesus Christus an, lebe mit einer Christin aus einem islamischen Land zusammen und kenne daher sehr genau die Auswüchse religiöser Verfolgung. In unserem Land trete ich für einen säkularen Staat ein, in dem die Kirchen nicht in die Politik vermauschelt sind, sondern offen und klar ihr Bekenntnis äußern können und damit eine Stimme haben und sich um die Menschen (und ihr Geld) bemühen müssen. Ich schwanke zwischen einem Gefühl der Genugtuung und dem Erschrecken, wenn ich höre, wieviele Menschen aus der katholischen Kirche aktuell austreten.

Vielleicht sollten die Kirchen ihre eigene Krise endlich endlich mal als Chance ansehen, etwas Neues und doch zugleich sehr Bewährtes zu wagen, nämlich Jesus darin zu folgen, wie man auf Menschen zugeht und sie für sich gewinnt. Im Blick habe ich dabei beispielsweise die Begebenheit mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, die mit Jesus ins Gespräch kommt. Hier verbindet Jesus seine Heilsbotschaft mit der ganz persönlichen Geschichte dieser Frau. Ohne Anklage nimmt er sie so an, wie sie ist und gewinnt sie damit ganz für sich.

Vielleicht ist es ja gar nicht mehr wichtig, ob eine Lutheranerin oder ein Calvinist im Kanzleramt sitzt. Vielleicht ist es besser, statt auf politischen Machteinfluss zu schielen, die Menschen ganz in den Blick zu nehmen. Ich arbeite jedenfalls darauf hin, dass das Stichwort Religions- bzw. Kirchenpolitik in Zukunft weitestgehend obsolet wird. Zu Recht gibt es ein tiefes Misstrauen dagegen, dass die Kirchen aus Tradition und nicht aus demokratischer Legitimation einen politischen Einfluss in diesem Land haben.

Verfasst von Gast am 24. September 2009 - 11:53.

RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Viertens schätzen Wahre Christen ihre christliche Einheit sehr (Kolosser 3:14...

Viertens schätzen Wahre Christen ihre christliche Einheit sehr (Kolosser 3:14). Bei Religionsgemeinschaften, die sich in die Politik einmischen, kommt es häufig unter den Mitgliedern zu Spaltungen. Christen ahmen Jesus Christus nach, sie mischen sich nicht in die Politik ein und bewahren so ihre christliche Einheit (Matthäus 12:25; Johannes 6:15; 18:36, 37).

Fünftens und letztens können Christen auf Grund ihrer Nichteinmischung in die Politik mit Freimut der Rede Menschen aller politischen Überzeugungen die wichtige Königreichsbotschaft verkündigen (Hebräer 10:35).

Verfasst von Gast am 24. September 2009 - 11:50.

RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Erstens sagte Jesus Christus in bezug auf seine Nachfolger: „Sie [sind] kein...

Erstens sagte Jesus Christus in bezug auf seine Nachfolger: „Sie [sind] kein Teil der Welt . . ., so wie ich kein Teil der Welt bin“ (Johannes 17:14).
Da Christen „kein Teil der Welt“ sind, verhalten sie sich in den politischen Angelegenheiten der Welt neutral (Johannes 18:36).
Zweitens bezeichnete sich der Apostel Paulus als „Gesandter“, der Christus bei den Menschen seiner Tage vertrat (Epheser 6:20; 2. Korinther 5:20). Christen glauben, daß Christus Jesus heute der inthronisierte König des himmlischen Königreiches Gottes ist, und das müssen sie wie Gesandte den Nationen bekanntmachen (Matthäus 24:14; Offenbarung 11:15). Von Gesandten wird erwartet, neutral zu sein; sie mischen sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Länder ein, in die sie gesandt worden sind. Wahre Christen fühlen sich als Repräsentanten des himmlischen Königreiches Gottes ebenfalls verpflichtet, sich nicht in die Politik der Länder einzumischen, in denen sie leben.
Drittens gilt es zu berücksichtigen, daß diejenigen, die jemand in ein Amt wählen, dafür verantwortlich gemacht werden können, was er tut. (Vergleiche 1. Timotheus 5:22.) Christen müssen gewissenhaft erwägen, ob sie diese Verantwortung auf sich nehmen wollen.

Verfasst von Gast am 29. September 2009 - 23:04.

RE: RE: RE: Pflichtschuldiges zu Kirchen und Religionen

Hallo UTC, als FeG-Pirat wollte ich auf deinen Post mal antworten. Vielleicht...

Hallo UTC,

als FeG-Pirat wollte ich auf deinen Post mal antworten.

Vielleicht ist jede Weltanschauung politisch, aber nicht jede Weltanschauung ist eine Religion. Die Weltanschauung von Osama bin Laden ist nicht der Islam, die Weltanschauung von Josef Stalin war nicht der Sozialismus. Ich erinnere mich auch mit einigem Widerwillen an die Lektüre von Hitler's "Mein Kampf" in dem dieser die Weltanschauung als zentrales Element der Politik herausstellt und die demokratische Meinungsbildung unterdrückt. Die Weltanschauung bleibt am besten immer bei demjenigen, der gerade die Welt mit seinen subjektiven Wahrnehmungen anschaut.

Eine Trennung von Kirche und Staat kann man nicht nur in den USA betrachten, die findet sich auch mehr oder weniger in anderen westlichen Ländern, wie beispielsweise in Frankreich. Die gesellschaftlichen Verwerfungen in den USA sind nicht durch den Säkularismus hervor gerufen worden, diese liegen in der Geschichte der USA seit der Unabhängigkeitserklärung begründet. Übrigens gibt es dort auch sehr lebendige Freikirchen, wie etwa Willow Creek, die mit großem sozialen Engagement tätig sind und manches auf die Beine stellen, von denen sich deutsche Gemeinden eine dicke Scheibe abschneiden können.

Die faktische Trennung von Kirche und Staat war nicht eine Ursache der beiden Diktaturen, sondern eine Begleiterscheinung. Trotzdem haben die Kirchen in beiden Regimen aufrechte Frauen und Männer hervorgebracht, die für ihren Glauben und für ihre Mitmenschen eingetreten sind und dafür schwer gelitten haben. Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass die katholische Zentrums-Partei damals für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Und die Rolle mancher Kirchenfürsten im dritten Reich war auch nicht gerade koscher, bis hin, dass beispielsweise unter der Führung der Pietisten und deren Freundschaft zu Robert Ley im Oberbergischen Kreis die NSDAP erdrutschartige Erfolge 1933 eingefahren hat. In evangelischen Nümbrecht waren es weit über 80%! Hier haben merkwürdige christliche Weltanschauungen eine Diktatur zum Teil erst möglich gemacht.

Es wäre gut, wenn eine vom Staat getrennte Kirche aktiv und nachhaltig den Finger in die Wunde legt und über die allgemeine Meinungsbildung mit Einfluss auf den Wertekanon unserer Gesellschaft hat. Ich würde mir wünschen, dass die angesprochene Freiheit im Glauben der Kirchen keine Beliebigkeit im Glauben ist. Christen sollten authentisch sein, und wenn man weniger auf den Staat schielt und mehr den Menschen in den Blick nimmt, dann werden wieder viele die Antworten auf ihre Fragen bei den Kirchen suchen. Jesus hat uns das vorgelebt, er ist bei uns, immer.

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