Gemeinden - Junge Familien beten neben Rentnern und Studenten: Obwohl die beiden großen Kirchen Mitglieder verlieren, gibt es Gemeinden, die wachsen - gegen den allgemeinen Trend.
An Weihnachten können die Kirchen kaum alle Gottesdienstbesucher fassen. Doch vielerorts haben sich die evangelischen Gemeinden damit abgefunden, dass ihre Pfarrer nur noch an besonderen Feiertagen auf voll besetzte Bänke blicken. Sie halten es für den unabänderlichen Gang der Dinge, dass junge Leute sich nach der Konfirmation nie mehr blicken lassen. Dabei gibt es Beispiele, die zeigen, dass es ganz anders geht.
In der Mainzer Auferstehungsgemeinde direkt neben dem SWR-Funkhaus sind fast immer alle Plätze besetzt. Wer zum ersten Mal einen Gottesdienst in dem spröden Nachkriegs-Betonbau mit dem Charme eines Ostblock-Kulturhauses besucht und noch einen Sitzplatz findet, bemerkt sofort einige Besonderheiten. Neben der Orgel spielen Musiker am Flügel und auf der Querflöte, viele Liedtexte stammen nicht aus dem Gesangbuch der Landeskirche, sondern aus einer selbst erstellten Sammlung moderner Kirchenlieder.
Beifall zur Taufe
Im Kirchenraum sitzen junge Familien mit Kindern neben Rentnern und Studenten. Lied- und Gebetstexte werden an die Wand projiziert. Ein junger Mann wird getauft und mit langem Beifall in der Gemeinde willkommen geheißen. Parallel zur Predigt finden vier Kindergottesdienste statt. Jeden Sonntag wird Abendmahl gefeiert. Anderthalb Gemeindepädagogenstellen finanziert die Auferstehungsgemeinde komplett aus Spenden ihrer Mitglieder, stolze 80.000 Euro jährlich bringen sie dafür auf.
"Die Besucherzahl sagt zunächst nichts über die geistliche Qualität", sagt Pfarrer Stefan Claaß, der auch als Sprecher beim "Wort zum Sonntag" im Fernsehen zu sehen ist. "Aber es macht Mut zu sehen, dass viele auf demselben Weg unterwegs sind."
Laut offizieller Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) besucht sonntags bundesweit etwa eine Million Protestanten einen Gottesdienst, das sind gerade noch vier Prozent der Kirchenmitglieder. Der emeritierte Heidelberger Theologieprofessor Wilfried Härle hat 2008 die Entwicklung in mehr als 30 aufstrebenden Kirchengemeinden in Deutschland dokumentiert und seine Ergebnisse in dem Buch "Wachsen gegen den Trend" zusammengestellt. Inzwischen ist es in dritter Auflage erschienen.
Neid auf die wachsende Gemeinde
Härle hat etliche Einladungen zu Vorträgen und Diskussionen erhalten und ist dabei auf enormes Interesse gestoßen, aber auch auf breite Skepsis und Ängste. Bei einem EKD-Kongress habe etwa ein Delegierter aus der Pfalz die Idee einer wachsenden Kirche mit den Worten verworfen: "Wir wollen nicht wachsen, wir wollen fröhlich schrumpfen."
"Wachsende Gemeinden lösen fast automatisch Neid aus", sagt Härle. Der Theologe wünscht sich statt einer Abgrenzung mehr freiwillige Kooperation über Gemeindegrenzen hinweg. Unterschiedliche Schwerpunkte bei Gottesdienstformen und Gemeindeaktivitäten könnten insgesamt eine größere Gruppe von Menschen ansprechen, gerade in Großstädten.
Doch selbst wenn Pfarrer und ehrenamtliche Mitarbeiter alles richtig machten, gebe es keine Wachstumsgarantie, dämpft Härle die Erwartungen. Die meisten wachsenden Kirchengemeinden weisen allerdings eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf: Das Angebot richtet sich verstärkt an junge Familien, im Gottesdienst erklingt viel moderne Musik, und theologisch sind viele Gemeinden eher im evangelikalen Spektrum der jeweiligen Landeskirchen verortet.
Plötzlich zehnmal so viele Kirchgänger
Eine große Rolle spielen Ehrenamtliche. Ein charismatischer Pfarrer alleine könne nicht auf Dauer Hunderte von Gemeindemitgliedern binden, meint Härles Co-Autor Jörg Augenstein, Kirchenrat in Karlsruhe.
In Ludwigshafen hat Pfarrer Gunter Schmitt seine Gemeinde im evangelischen Bonhoeffer-Zentrum darauf eingeschworen, dass sie sich verändern müsse, wenn sie missionarisch aktiv sein und neue Menschen erreichen wolle. Seit dort auch spezielle Gottesdienste für Kirchendistanzierte und Suchende gefeiert werden, stieg die Zahl der Kirchgänger von einst 20 bis 30 explosionsartig auf etwa 350 an.
Weil der eigene Gottesdienstsaal zu klein wurde, treffen sich die Protestanten mittlerweile in den größeren Räumen der katholischen Gemeinde. Allerdings reicht selbst diese Kapelle nicht mehr aus: Schmitt feiert daher seinen "anderen" Gottesdienst inzwischen zweimal hintereinander.







Kommentare
Sind wir Kirche oder Museum für Liturgie und Gottesdienst?
Die für mich entscheidende Frage lautet: Sind wir Kirche für die Menschen in der Gegenwart - oder sind wir Museum für Liturgie und Gottesdienst?
Sind unsere Gottesdienste so gestaltet, dass man sich von der Liturgie und den Liedern und Texten als moderner Mensch wohlfühlt und angesprochen wird, oder ist man von seiner Gemeinde oder seinem Pfarrer zu Museumswärtern degradiert worden?
Manche machen diesen Job ja wirklich gerne, und das gönne ich denen auch. Aber wenn Sie sich nicht aktiv um den Nachwuchs bemühen, dann sind sie irgendwann ausgestorben, und Kirche findet dann woanders statt.
Seit 1999 haben wir das neue Gottesdienstbuch, das einen modernen Gottesdienst überall ermöglicht, ohne dass man auf bewährte Texte, Lieder und Abläufe verzichten muss.
Leider haben die meisten Gemeinden nur kurz überprüft, ob ihre alten Zöpfe damit kompatibel sind und haben weiter gemacht wie bisher.
Diejenigen, die nicht einfach Museumswärter sein wollen, stimmen derweil mit den Füßen ab.
Warum muss man 52 mal im Jahr dasselbe "Allein Gott in der Höh sei Ehr?" singen? So spricht heute kein Mensch mehr! Gibt es keine anderen Lieder, die man stattdessen singen kann, die dasselbe ausdrücken, die aber heute in die Zeit passen?
Warum muss es 52 mal im Jahr dasselbe "Ehre sei Gott in der Höhe" geben, als hätten die Kirchentage nicht unzählige gute Möglichkeiten entwickelt?
Warum abgehobene Predigten und nicht auch solche, die die Menschen verstehen?
Ich habe schlicht keine Lust mehr, als Museumswärter oder sogar als Ausstellungsstück missbraucht zu werden, zumal sich dafür außer uns hartgesottenen trotzdem-noch-Kirchegängern zu Recht kein Mensch interessiert.
Ich mag auch nicht mehr die Rechtfertigung für ein super-teures ehemaliges Hight-Tech-Wunder herhalten, das nur noch für Millionenbetrage erhalten und gebaut werden kann, wo der musikalische High-Tech heute ganz andere Wege genommen hat. Was könnte man mit dem Geld für den Orgelbau alles anstellen! Es muss auch heute noch gute alte Orgeln geben, aber Saxophone klingen im Original viel besser, als wenn sie ein Solist an der Orgel imitiert...
Ich höre mal auf zu jammern. Es könnte so viel anders gemacht werden. Aber viele der Macher wollen es halt nicht anders und reagieren mit Neid auf jene, bei denen richtig was los ist. Da kann man nur sagen: Selber schuld.
Aus Rücksicht???
Warum muss man 52 mal im Jahr dasselbe ...
Oft hört man bei uns das Argument, dass man den älteren Leuten nicht zuviel Veränderung zumuten kann, da diese dann den Gottesdienstbesuch verweigern würden. Wenn wir dann aber einen modernen Gottesdienst am Sonntagabend anbieten, ohne historische Liturgie, mit Gitarre, Perkussion, Querflöte und flotten Liedern, dann sitzen sie scharenweise in den Bänken, mit leuchtenden Augen und fröhlichem Herzen - die so sehr umsorgen "Alten".
Nachtfalter
Nachtfalter schrieb:Wenn wir
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen.
So mancher "Alte" ist in seinem Herzen jung geblieben.
Moderne Gottesdienste, die "die Alten" verschrecken, sind nicht wirklich modern. Aber Gottesdienste, die "die Jungen" verschrecken, sind meist schrecklich verstaubt.
Veränderung
Zwei Dinge sind nötig
Erstens ist es wichtig, dass die Hauptamtlichen erkennen, dass in der Gemeinde mehr Gaben verteilt sind, als nur Kaffee kochen und Weihnachtsbaum aufstellen. Zweitens müssen die Gläubigen den Arsch hochkriegen uns sich ein Herz fassen und das allgemeine Priestertum mit Leben, mit Heiligem Leben füllen.
Nachtfalter
"Moderne" Gottesdienste
Ich glaube, bevor ich in einen wie oben beschriebenen freikirchlich angehauchten Gottesdienst mit modernen Liedern etc. gehen würde, würde ich vorher zur SELK gehen.
Gottseidank ist der klassische, agendarische Predigtgottesdienst nach wie vor die Regel. Allein die Zahl der Besucher (die fraglos bisweilen fast schon beschämend ist) sagt noch nichts über die Qualität eines Gottesdienstes. Mich stört einfach, dass man glaubt, man müsse nur das Niveau der Gottesdienste senken und traditionelle Lieder durch moderne ersetzen, und schon strömen die Leute wieder. Das ist der falsche Weg. Anstatt die agendarischen Gottesdienste durch "Zweitgottesdienste" zu schwächen, müssten wir sie stärken. Ganz bedenklich wird es, wenn dann reguläre agendarische Gottesdienste durch Zweitgottesdienste ersetzt werden. Ich sage nicht dass es keine Zweitgottesdienste geben darf (ich muss ja nicht hingehen). Wer dadurch einen Zugang zum Glauben bekommt und für wen das die angemessenere Form des Feierns ist, gerne. Aber so zu tun, als sei der "klassische" Gottesdienst ein Auslaufmodell, ist einfach nicht richtig. Wir müssen dessen Qualität und auch dessen Anspruch weiterhin erhalten. Und wenn man glaubt, dass sich junge Leute vor allem durch Zweitgottesdienste mit viel "Action" angesprochen fühlen, dann irrt man sich. Ich bin selbst das beste Beispiel, bin auch "erst" 30 Jahre alt. Dennoch habe ich für den Gottesdienst das Bedürfnis nach Ruhe, Einkehr und Besinnung. Diese Zeit soll aus dem Alltag herausgehoben sein. Dazu tragen insbesondere die traditionellen Lieder bei. Moderne Musik und alles, was dazugehört, kann ich außerhalb des Gottesdienstes besser haben. Ich höre ausschließlich Rockmusik. Aber sie gehört nicht in den Gottesdienst.
Ich war selbst ne Weile in
Ich war selbst ne Weile in der Auferstehungsgemeinde in Mainz, als ich dort studierte. Die Gotetsdienste waren erst etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich fand mich schnell zu Recht und fühlte mich wohl, auch wenn ich eher ein Fan der älteren Lieder bin.
Das allwöchentliche Abendmahl (mit wirklich gutem Wein - da schmeckt man wirklich, wie freundlich der Herr ist, im Gegensatz zm Tetrapak Wein, der sonst zur Anwendung kommt) fand ich gut. Es paßte auch. Ich frage mich, warum hier andere Gemeinden eine Beschränkung auf nur einmal im Monat haben.
Zur Wahrheit über die Auferstehungsgemeinde gehört aber ach, daß viele Gemeindeglieder von weit her kommen, nicht in der Parochie wohnen. Dort ist die Gemeinde, bei aller Strahlkraft in die Ferne, wenig verwurzelt.
Insofern ist vielleicht auch der Neid zu verstehen, der durchaus aufkommen kann, wenn engagierte Christen von überall in einer Gemeinde zusammengezogen werden, und die übrigen Gemeinden dann eine dementsprechend dünnere Schicht an Ehrenamtlichen haben, was deren Strahlkraft natürlich auch beeinflußt.
Wenn man dann noch bedenkt, daß die Verwurzelung der erfolgreichen Gemeinde vor Ort vielleicht gar nicht so gut ist, stellt sich wirklich die Frage, ob hier nicht auch Talente vergeudet werden, die andernorts gebraucht sind. Die Betonung liegt hierbei auf dem auch.
Aber vielleicht liegt meine negative Sicht auf die Dinge auch nur daran, daß ich ebenfalls Pfälzer bin.
Wo Licht ist, da sammeln sich ...
Zur Wahrheit über die Auferstehungsgemeinde gehört aber ach, daß viele Gemeindeglieder von weit her kommen, nicht in der Parochie wohnen.
Zum einen sehe ich es durchaus positiv, wenn sich Christen auch mal in anderen Gemeinden umsehen. Vor allem, wenn dort der Punk abgeht. Wir dies aber zur Massenbewegung, weil beispielsweise ein neuer Pfarrer dem alten "nicht das Wasser reichen kann", ist dies für das Gemeindeleben tödlich. Denn es gehen oft auch die Engagierten, die Lebendigen. So wird es zur Herkulesaufgabe in dem verbliebenen Haufen wieder ein Feuer zu entfachen. Uns selbst wenn es wieder spürbar aufwärts geht, lassen sich die Geflüchteten kaum noch zurückholen.
Nachtfalter
Kirchen auf der Suche nach neuen Gläubigen
Aggiornamento subito: Wenn nicht jetzt – wann dann?
In fünf Punkten möchte ich auf Notwendigkeiten von Kirchen in der Gegenwart eingehen – meine Einlassungen beziehen sich schwerpunktartig aus dem Blickwinkel der katholischen Kirche. Ein stärkeres Maß an Verwirklichung dieser meiner Punkte könnte dazu beitragen, dass Kirchen den Menschen in der Gegenwart wieder etwas zu sagen hätten:
I. Forderungen an ein Kirchenverständnis in der Gegenwart
Die Kirche darf nicht den Eindruck vermitteln, als repräsentiere sie eine Gegenwelt zur „sündigen“, „unheiligen“ Welt; das Bild einer „societas perfecta“ hat ausgedient, weil die durch die Aufklärung geformten Menschen der Gegenwart nicht mehr akzeptieren, dass der Priester vom Augenblick seiner Weihe ein besserer Mensch, ein glaubwürdigerer Christ, eine Gott näher wohnende Person darstellt. Die Grenze zwischen Welt (und damit Sündhaftigkeit!) und Gottesherrschaft geht mitten durch die Kirche, mitten durch das Herz eines jeden Kirchenmitgliedes, also auch durch das Herz eines jeden Klerikers – egal auf welcher Hierarchiestufe er sich befindet.
Mag einer – so interpretiert Hans Küng – „diesen oder jenen besonderen Auftrag (in der Kirche) haben, entscheidend für ihn ist, ob er von Gott, bei es kein Ansehen der Person und kein Vorrecht des Blutes, der Rasse, des Standes, des Amtes gibt, angenommen wird, ob er wahrhaftig glaubt, gehorcht, hofft, liebt. Nicht ob einer in der Kirche ein Amt hat und war für ein Amt er hat, ist letztlich ausschlaggebend, sondern ob er schlicht und einfach auch in seinem Amt ein ‚Gläubiger’, und das heißt ein Glaubender, Gehorchender, Liebender, Hoffender ist.“
Eine Kirche, die nicht zur Kenntnis nehmen will, dass sie aus sündigen Menschen besteht und für sündige Menschen ihren Dienst leisten muss, wir hartherzig, selbstgerecht und erbarmungslos. Eine Kirche hingegen, die sich als Gemeinschaft der zur Gerechtigkeit und Heiligkeit Berufenen ihrer Schuld bewusst bleibt, weiß, dass sie der Welt kein hochmoralisches Theater vorzuspielen braucht – frei nach dem Motto : Mag die Welt auch zugrunde gehen – Wir Kirchenvertreter gehören in jedem Fall zu den von Gott Erlösten.
Eine sich über Dogmen und Katechismusfragen definierende Kirche wird spätestens im 21. Jahrhundert zu der hoffentlich befreienden Erkenntnis kommen, dass immer mehr Gläubige in dem dogmatischen und angeblich unveränderbaren Lehrgebäude nur noch ein Leergebäude entdecken können, in dem nichts mehr lebt – außer dem starren Festhalten einer androzentrischen Klerikerkaste am Willen jegliches „aggiornamento“ zu verhindern und fest entschlossen sind, der Auffassung von Kirche, wie sie das 2. Vatikanum formuliert hat, nämlich einer „ecclesia semper reformanda“, keine Chance zu geben.
II. Umgang mit Traditionen neu überdenken
Die katholische Kirche am Beginn des 3. Jahrtausends wird der Frage nicht ausweichen können, wie sie mit ihren Traditionen umzugehen gedenkt. Wollen wir diese Traditionen nicht einer veränderten Welt preisgeben, müssen wir sie mutig neu interpretieren.
Bestehen wir auf bloßem Konservieren der spezifischen Lehr- und Lebensgestalt von Kirche aus einer bestimmten geschichtlichen Epoche, reduzieren wir uns selbst zur irrelevanten Sekte. Gerade angesichts der Funktion von Traditionen, nämlich Sicherheit zu geben und Identität zu stabilisieren, ist es entscheidend, die Tradition – orientiert an ihren Grundsätzen – immer wieder neu zu denken und sagen. Solche Grundsätze werden in der Jesus-Tradition deutlich, in der Barmherzigkeit und Vergebungswille Gottes die Thora-Anwendung Jesu leiten und die Gemeinschaft der Menschen so konstituieren, dass Ausgrenzungen überwunden und Spaltungen geheilt werden.
Wo Traditionen in unseren Lebensbereichen Grenzen untereinander ziehen und das Miteinander erschweren, wo alte Vorbehalte Gemeinschaft zerstören und Regeln über menschlicher Not stehen, müssen wir neue Auslegungen der Tradition wagen. Wir haben uns zu fragen, welchen Stellenwert wir den Grundsätzen Jesu in unserem persönlichen Umgang miteinander und bei der Gestaltgebung von Kirche einzuräumen bereit sind.
Gewiss darf Kirche ihre in der Vergangenheit gemachten Gotteserfahrungen nie in Vergessenheit geraten lassen. Doch es wäre ein grobes Missverständnis, Gottes Wirken auf eine in der Vergangenheit abgeschlossene Periode zu reduzieren und der Meinung zu verfallen, dass all das, was Gott den Menschen zu sagen hatte, ausschließlich und endgültig als ein in der Vergangenheit liegendes und nicht mehr zu erweiterndes oder ergänzendes Geschenk Gottes an die Menschen zu betrachten wäre.
Christliches Selbstverständnis und christlicher Glaube basieren nicht ausschließlich auf einem „regressiven Identitätsgedächtnis“ (Werbick). Kirche darf ihren „Honig“ nicht nur aus Vergangenheitserinnerungen saugen, sondern es gilt deutlich zu machen, dass Gott seine segnende und heilende Begegnung in jeder Gegenwart seinem Volk aufs Neue macht; Gott widerfährt seinem Volk immer wieder neu. Es muss also – wie der in El Salvador lebende Jesuit und Befreiungstheologe Jon Sobrino formuliert - immer wieder daran erinnert werden, dass „Gott ein ‚Heute’ hat, nicht nur ein bereits bekanntes und interpretiertes ‚Gestern’, weil er mit der Gegenwart seiner Schöpfung eine Absicht verbindet, nicht nur in der Vergangenheit.“
Sich Gottes Heute und Morgen zu stellen, macht es erforderlich, Überliefertes, Vertrautes und Gelerntes auch hinter sich lassen zu müssen, ohne jedoch die Erinnerung in Vergessenheit geraten zu lassen, in der Kirche sich ihrer Identität und Sendung immer wieder aufs Neue bewusst macht und machen muss. Jedoch – und das zeigt die Geschichte immer wieder, realisiert sich Identität vor allem nicht in bewusster Wiederholung des angeblich immer so Dagewesenen, sondern bedeutsam und als eigentliche Quelle für Identität erweist sich die Vermittlung Kontinuität und Diskontinuität ; Kontinuität impliziert auch Diskontinuität, denn aus dem Entwicklungsprozess geht das Andere, das Neue, das für die Gegenwart und Zukunft Bedeutsame hervor. Die Wandlung ermöglicht eine neue Erfahrung dahingehend, dass man sich genau in ihr selbst treu bleibt bzw. erst sich in ihr wieder neu entdeckt. Biblische Erfahrungen und Vorbilder fordern gerade zu einem auch in der Gegenwart unverzichtbaren „Exodus“ heraus.
III. Anforderungen an Sprache und Sprechen in der Gegenwart
Die Feststellung, dass es sich bei den Autoren der vier Evangelien auch um selbstständig denkende und schreibende Christen handelte, die nicht sklavisch Jesus-Tradition reproduzierten, sondern diese Tradition auf die Lebensverhältnisse ihrer Leser/Innen bzw. Hörer/Innen anwendeten, d.h. den Glauben an Jesus erklärten und damit lebbar machten, gehört heute zum Allgemeingut der Bibelwissenschaften.
Dietrich Bonhoeffer hat die Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, die Sprache Jesu in eine neue, verständnisvolle Sprache zu übersetzen, wie folgt dargestellt:
„Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprach einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.“
Die Verfasser des 5. Buch Moses finden eine wunderschöne Sprache, um uns Menschen auf Notwendigkeiten der sprachlichen Ausdrucksweise aufmerksam zu machen bei der Verkündigung des Wortes Gottes:
Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir.
Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können?
Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können?
Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.
IV. Diakonie als „identitätsverbürgendes Kerngeschäft“
Die „Diakonie ist Prüfstein für den Mut der Kirche, von sich selbst abzusehen, sich als eine Kommunikationsgemeinschaft zu verstehen, der es in ihren kommunikativen Grundvollzügen nicht um sich selbst, sondern um jene größere Wirklichkeit geht, die sie darstellen und auf die hin sie die Menschen ermutigen darf: Gottes heilende Herrschaft. … Für die Glaubwürdigkeit der Kirche, dafür also, dass sie mit ihren kommunikativen Initiativen intentionsgemäß verstanden werden kann, hängt Entscheidendes davon ab, ob die Kirche und die Gemeinden insgesamt den Mut zu ekklesialer Selbstlosigkeit aufbringen; ob insbesondere die kirchlichen Amtsträger und Amtsträgerinnen ihre kircheninteressenfixierte Binnenperspektive soweit öffnen können, dass sie als Anwalt derer wahrgenommen werden, für die Gottes Herrschaft – auch wenn sie sie dem Namen nach nicht kennen – noch eine Verheißung ist, als Anwalt derer, die in den Seligpreisungen als bevorzugte Empfänger göttlichen Heils genannt werden….Diakonie liebt in der Diakonie Christi, die schon für das Neue Testament der Inbegriff und die Unwirklichkeit des Christus-Sakramentes war…Das macht ihre kirchliche Identität aus…Kirchliche Identität entäußert und realisiert sich in Diakonie. Diakonie aber hat ihr Eigenstes in dem, woraus, woraufhin und wofür Kirche lebt und was sie prophetisch zur Sprache bringt, damit den Menschen geholfen ist – was deshalb die kirchliche Identität ausmacht….Das Zeugnis für Gottes zutiefst und unabsehbar hilfreiches, das Menschenleben erfüllende Gottsein und die liturgische Feier, die dafür dankt, dass Gott das Menschsein so befreiend erfüllt – im Gottmenschen Jesus Christus, aber auch in den Menschen, die ihm nachfolgen -, ist ihr ‚Kerngeschäft’, ist ihr Ein und Alles. Es macht die die Identität von Kirche unverwechselbar aus – und die Identität jeder einzelnen Gemeinde und den Dienst der priesterlichen Amtsträger an den Gemeinden. Daneben gibt es nichts, was ein selbständige und nicht diesem identitätsverbürgenden ‚Kerngeschäft’ her abgeleitete Bedeutung hätte.“ (Jürgen Werbick)
V. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. (Bischof Gaillot)
Was Jesus in der Form einer sprudelnden Fontäne an Liebe, Güte, Barmherzigkeit und Demut den Menschen seiner Zeit vorgelebt hat, ist zu einem kaum noch wahrnehmbaren Rinnsal verkümmert; im Mittelpunkt der Kirche dieses Pontifex steht der Erhalt der Zwei-Stände-Kirche. Im Vatikan herrscht eine nicht zu übersehende Angst davor, dass das Zulassen freier und damit unkontrollierbarer Charismen einzelner Christen ohne Ordination das Weihesakrament der Priesterkaste destabilisiert und damit einer vatikanischen Law and Order - Amtsauffassung zunehmend der Boden entzogen wird.
Zur Ehrlichkeit gehört doch der Hinweis darauf, dass seit langer Zeit in der katholischen Kirche eine Abstimmung mit Füßen stattfindet, weil die Amtskirche vor Ort und die Zentrale in Rom sich so weit von den Menschen vor Ort entfernt haben, dass man in der Führungsriege offensichtlich jede Bodenhaftung verloren hat. Kirche wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Gläubigen nicht der Kirche hinterherlaufen müssen, sondern die Kirche den Gläubigen, wenn sie den Spuren und dem Auftrag Jesu noch halbwegs entsprechen will.
Diese Bodenhaftung könnte man zumindest teilweise wieder dadurch zurückgewinnen, wenn man bereit wäre, die Ämterfrage in der katholischen Kirche nicht ideologisch, sondern jesuanisch (d.h. von den Bedürfnissen des Menschen her) zu beantworten. Eine wirkliche „Seelsorge“ findet doch seit langer Zeit nicht mehr statt. Die Priester sind nur noch Pastoralmanager, deren Terminplan sich immer weiter füllt, um die Verwaltung bzw. Ordnungsstruktur seiner häufig inzwischen fünf oder sechs Gemeinden noch halbwegs auf dem Papier – als Nachweis für den Bischof – ordnungsgemäß darzustellen. Wenn die Hauptaufgabe der Pastöre darin besteht, die Gottesdienstzeiten in den verschiedenen Gemeinden abzugleichen und statt eines persönlichen seelsorglichen Gesprächs nur ihren Telefonanrufbeantworter eingeschaltet zu haben, so haben viele Menschen nur noch die Möglichkeit, eine solche Form von Kirche abzulehnen und ihr den Rücken zu kehren.
Paul Haverkamp, Lingen
"Sieh an:Manche...
Aufmerksam und mit mehr und mehr Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen.Er macht mich froh.Ich bin evang.-luther.aufgewachsen und stehe dazu und bin mit Ihnen unterwegs.Ich werde dabei in Unterhaltungen und Treffs mit Bekannten durch Ihre Gedanken unterstützt.Danke.Gute Zeit.
Friedrich Krause,Leipzig
Ich bin nun mittlerweile
Ich bin nun mittlerweile schon so oft umgezogen! Und ich bin immer evangelisch geblieben!
In manchen Gemeinden wurde ich freundlich aufgenommen. In anderen eher mit Skepsis betrachtet. Ob eine Gemeinde wächst und Ehrenamtliche hervorbringt, liegt nicht unbedingt an dem Pfarrer, sondern an den Gemeindemitgliedern. In manchen Gemeinden hat man das Gefühl: Hier finden Kämpfe zwischen den Pfarrern und der Gemeinde statt.
So wird das nie eine echte Gemeinde. Das ist wie im Arbeitsleben. Wenn nicht alle das gleiche Ziel verfolgen, kann daraus einfach nichts werden!
Es gibt Gemeinden, in denen Alt und Jung hervorragend miteinander klarkommen. Auch ohne moderne Lieder!
In der Regel benötigt man Menschen, die vermitteln können. Das muss nicht der Pfarrer sein.
Hinzu kommt, dass viele Menschen beruflich so eingespannt sind, dass sie einfach keine Zeit mehr haben, um sich in der Gemeinde zu engagieren! Sie haben noch nicht einmal mehr die Zeit, einen Gottesdienst zu besuchen!
Aber: Es gibt auch viele Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie sind arbeitslos...aus welchen Gründen auch immer...und haben daher viel Zeit. Wenn man diese Menschen erreicht und gewinnen kann, hat man unter Umständen sagenhaft engagierte Mitarbeiter! Das ist allerdings die Aufgabe des/der Pfarrer/s(oder Pfarrererin/nen)! Der heutige Fernsehgottesdienst beim ZDF(aus Nürnberg) war doch schon einmal wegweisend! Weiter so!!!!!!
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