SPD-Chef Sigmar Gabriel: "Kirchen schaffen Bindungen"

Sigmar Gabriel

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel Anfang Juni beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden auf dem Roten Sofa der Kirchenpresse. Foto: epd-Bild/Friedrich Stark

Interview - Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat die Rolle der Kirchen in Deutschland gewürdigt. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst erläutert er auch, warum der Parteivorstand keinen Arbeitskreis von Laizisten anerkennen will.

Die Fragen stellte Karsten Frerichs

Herr Gabriel, die evangelische Kirche hat mehrfach die Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisiert. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, warnte kürzlich davor, die Bundeswehr zu einem Instrument von "Kanonenbootpolitik" zu machen. Wie nehmen Sie solche Äußerungen wahr?

Sigmar Gabriel: Es wäre schlimm bestellt um die Kirche, wenn sie nicht kritisch mit der Politik umgehen würde. Kirche steht mitten im Leben - und deswegen muss sie sich auch zu den Dingen des Lebens und der Politik äußern. Wer wenn nicht die Kirche soll die Stimme erheben, wenn es um eine bessere, friedliche Welt geht? Kirche muss sich einmischen.

Sind die Warnungen im Zusammenhang mit dem Umbau der Bundeswehr gerechtfertigt?

Gabriel: Auch ich erschrecke, wenn manchmal geradezu selbstverständlich die Rede davon ist, dass die Bundeswehr zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen eingesetzt werden solle. Die Bundeswehr ist keine Interventionsarmee. Sie wird eingesetzt, wenn die Freiheit des eigenen Landes gefährdet ist - oder die unserer Bündnispartner. Und sie soll mithelfen, im Rahmen der Vereinten Nationen den Weltfrieden zu stabilisieren. Ich empfinde es als großen Fortschritt, dass ein internationales Vorgehen gegen Diktatoren und zum Schutz vor Völkermord heutzutage unter dem Dach der UN geregelt wird und nicht Sache einzelner Staaten ist.

Nicht alle in der SPD teilen ihre Einschätzung zur öffentlichen Einmischung und der Stellung der Kirchen in der Gesellschaft. Die Bestrebungen der Laizisten in der SPD, sich Gehör zu verschaffen, scheinen ungebrochen - auch wenn der Parteivorstand die Anerkennung als Arbeitskreis verweigert hat.

Gabriel: Die SPD ist eine Volkspartei und ihr spiegelt sich das gesamte Spektrum der Bevölkerung wider. Und so gibt es auch bei uns Menschen, die eine streng laizistische Verfassung anstreben.

Warum soll diese Gruppe nicht als Arbeitskreis auftreten?

Gabriel: Wir haben uns im Parteivorstand einstimmig dagegen entschieden, weil wir dazu stehen, dass die Verfassung unseres Landes den Kirchen mit ihrem sozialen und seelsorgerlichen Engagement bewusst einen Platz gibt. Die Kirchen schaffen Bindungen. Das tun natürlich auf ihre Art auch Sozialverbände oder Gewerkschaften, aber die Rolle der Kirchen ist doch eine andere. Wenn der Parteivorstand einen Arbeitskreis der Laizisten einrichten würde, hieße das, dass der im Auftrag der SPD handelt. Selbstverständlich haben Konfessionslose ihren Platz in der SPD. Aber dass der Parteivorstand einen Arbeitskreis damit beauftragt, für eine laizistische Verfassung zu kämpfen, kann ich mir nicht vorstellen.

"Viele Gemeinsamkeiten der Konfessionen"

Herr Gabriel, Sie sind evangelischer Christ. Als SPD-Chef haben Sie aufseiten der Kirchen immer zwei Ansprechpartner, Katholiken und Protestanten. Ein Problem?

Gabriel: Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen, als viele Menschen wahrnehmen. Denken Sie nur an das gemeinsame Sozialwort von 1997, das an Aktualität nichts verloren hat. Ich würde mir wünschen, dass es mit einem großen Donnerhall wieder Gehör findet in der Politik. Wie die beiden Kirchen enger zusammenarbeiten wollen, müssen sie miteinander klären. Für Durchschnittschristen wie mich ist beispielsweise der theologische Streit um das gemeinsame Abendmahl kaum nachvollziehbar.

Was ist wichtiger für Deutschland in diesem Jahr, der gerade zu Ende gegangene evangelische Kirchentag in Dresden Anfang Juni oder der Papstbesuch im September?

Gabriel: Für mich ist der Kirchentag seit Jahren ein Ort wichtiger Gespräche und Begegnungen, aus Dresden habe ich viele Fragen und Anregungen mitgenommen. Ich weiß aber, dass für viele Menschen in Deutschland der Papst eine besondere Bedeutung hat - auch für evangelische Christen.

Spricht auch Sie die Spiritualität der Katholiken besonders an?

Gabriel: Ich habe Verständnis für dieses Bedürfnis nach Spiritualität. Aber ich bin eben doch Lutheraner.

"Sehnsucht nach Orientierung"

Wie bewerten Sie, dass die Zahl der Kirchenmitglieder deutlich sinkt?

Gabriel: Man muss sehr genau nach den Gründen fragen. Es gibt eine Sehnsucht nach Orientierung und Religiosität - gerade auch bei jüngeren Menschen. Und daher finde ich es wichtig, dass die Kirchen den Kern dessen, was Glauben ausmacht, nicht aus dem Blick verlieren. Sie müssen die Seelen ansprechen. Es gibt mehr als die pure Ratio.

Wie schätzen Sie den Beitrag der christlichen Kirchen zur Integration in Deutschland ein?

Gabriel: Ich glaube, dass der interkulturelle Dialog in Deutschland verstärkt werden muss. In meinen Augen leisten die christlichen Kirchen dabei einen wertvollen Beitrag. Was ich mir aber wünsche ist, dass islamische Gemeinden deutlicher gegen Antisemitismus vorgehen. Und dabei meine ich zuvorderst Antisemitismus in Deutschland, auch unter jungen Muslimen. Dem müssen die Verantwortlichen nicht nur formal, sondern auch im Alltag in den Gemeinden entgegentreten.

epd

Kommentare

Verfasst von Stefan Wehmeier am 24. Juni 2011 - 22:32.

Weltfrieden

"Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage...

"Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei."

Jesus von Nazareth

Der Glaube ist die Hoffnung, ihn eines Tages durch Wissen ersetzen zu können. Entartet er zum Selbstzweck (Fundamentalismus), wird nicht mehr nach der Wahrheit gesucht und die Fundamentalisten wollen sie gar nicht mehr hören:

"Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen."

(nicht in der Bibel zu finden)

Wie wir alle wissen, sind selbstverständlicher, allgemeiner Wohlstand und der Weltfrieden (noch) nicht die Unsrigen, obwohl die Überwindung von Massenarmut und Krieg in dem ersten Zitat bereits erklärt wird. Die wahre Bedeutung wird offensichtlich, wenn wir es mit dem folgenden Zitat aus dem bedeutendsten makroökonomischen Grundlagenwerk der Moderne, „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, vergleichen:

"Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut."

Silvio Gesell

Die Aussagen von wahren Genies bleiben für gewöhnliche Menschen (Fundamentalisten) unverständlich, und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten können sie nur mit Mühe sinnhaftig werden.

Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:

"Der Weisheit letzter Schluss"
http://www.deweles.de/willkommen.html

Verfasst von Ingo1971 am 12. Juni 2011 - 6:47.

 Ein schönes Interview. Was

 Ein schönes Interview. Was der SPD fehlt - was Deutschland fehlt -...

 Ein schönes Interview.

Was der SPD fehlt - was Deutschland fehlt - ist ein Mann wie Johannes Rau. 

"Versöhnen statt spalten."

“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer

Verfasst von Womue am 12. Juni 2011 - 10:46.

Johannes Rau, der Menschenfischer...

Daß ich nicht lache. Das war ein eitler, borniert uneinsichtiger Blender, bis...

Daß ich nicht lache. Das war ein eitler, borniert uneinsichtiger Blender, bis zum letzten Atemzug auf sein persönliches Wohlergehen erpicht und unfähig, irgend etwas neben seinem christlichen Dünkel gelten zu lassen. Für mich der Inbegriff des postmodernen deutschen Evangelismus, der mit frommen Sprüchen und einem Strauß geklauter Blümchen in der Hand über die Leichen derer geht, die sich für Freiheit und Menschenwürde aufgeopfert haben. Pfui! Und Herrn Gabriel, das sage ich hinter vorgehaltener Hand, ist auch so ein biedermännisches A*. Für mich als Sozialdemokrat unwählbar!

Verfasst von Ingo1971 am 12. Juni 2011 - 17:33.

>>Das war ein eitler,

>>Das war ein eitler, borniert uneinsichtiger Blender, bis zum letzten...

>>Das war ein eitler, borniert uneinsichtiger Blender, bis zum letzten Atemzug auf sein persönliches Wohlergehen erpicht und unfähig, irgend etwas neben seinem christlichen Dünkel gelten zu lassen. Für mich der Inbegriff des postmodernen deutschen Evangelismus, der mit frommen Sprüchen und einem Strauß geklauter Blümchen in der Hand über die Leichen derer geht, die sich für Freiheit und Menschenwürde aufgeopfert haben.<< 

In anbetracht der Tatsache daß Du dies über einen Verstorbenen sagst, der wohl nichts Schlimmes in seinem Leben getan hat, beweist Dein Post mir nur wir gut er war. 

“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer

Verfasst von Steffen am 12. Juni 2011 - 12:47.

Frage an die Redaktion: ist

Frage an die Redaktion: ist es wirklich in Ihrem Sinne, dass solche Beitr...

Frage an die Redaktion: ist es wirklich in Ihrem Sinne, dass solche Beiträge hier stehen sollen?? Ich möchte Sie bitten, den Beitrag zu entfernen.

Kritik ist sicher sinnvoll und berechtigt, aber sie sollte doch sachlich bleiben und dann auch Gründe anführen!! Solche zutiefst beleidigenden Sätze sollten hier keinen Raum haben!

Verfasst von womue am 13. Juni 2011 - 11:06.

Kann Wahrheit einen wahren Christen beleidigen?

Wenn es im Sinne der Redaktion ist, möge man meinen obigen Beitrag löschen oder...

Wenn es im Sinne der Redaktion ist, möge man meinen obigen Beitrag löschen oder zum Staatsschutz weiter senden. Verstorbene kann man ja schlecht beleidigen, und dem Untergang geweihte auch nicht. Was eine moderne (=zeitgemäße) evangelische Kirche anbetrifft, so redet sie besser nicht vom Versöhnen, solange Schuld noch nicht eingestanden und Sühne noch nicht einmal angedacht ist. Es gibt Themen, die kann man durch Gebete nicht bearbeiten und durch Zensur nicht von der Öffentlichkeit fern halten. Ich habe nicht das Gefühl, daß Jesus Christus mir an diesem Pfingstmorgen nicht wohlgesonnen wäre.

Verfasst von Stefan Wehmeier am 25. Juni 2011 - 12:30.

Wahrheit und Lüge

Einen wahren Christen kann die Wahrheit nicht beleidigen: http://www.deweles.de...

Einen wahren Christen kann die Wahrheit nicht beleidigen:

http://www.deweles.de/files/wahre_naechstenliebe.pdf

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