Tierliebe und Kirchenhass: Eine Sekte auf dem Trittbrett

Kirchenaustritt

Mit Plakaten wie hier in Frankfurt-Rödelheim ruft die Sekte "Universelles Leben" bundesweit zum Kirchenaustritt auf. Foto: Anika Kempf

Kampagne - Plakate mit den Worten "Jetzt reicht's" und der Aufforderung zum Kirchenaustritt sind zurzeit in ganz Deutschland geklebt. Dahinter steckt eine Sekte, die sich selbst christlich nennt: "Universelles Leben" versucht sich als Trittbrettfahrerin der gegenwärtigen Negativschlagzeilen für die Kirchen.

Von Bernd Buchner

Die Christen in Deutschland haben in diesen Tagen keinen leichten Stand. Das liegt zum einen an einer betont weltlichen Gesellschaft, die jede religiöse Regung kritisch und vermeintlich aufklärerisch beäugt. Zum anderen schaden Meldungen über die Alkoholfahrt einer Bischöfin oder über den sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche der Glaubwürdigkeit der Kirchen. Zumal diese gegenseitig in Haftung genommen werden - Protestanten traten schon immer gerne aus ihrer Kirche aus, wenn sie mit der päpstlichen Sexualmoral nicht einverstanden waren.

Wie alle anderen großen Körperschaften haben auch die Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten beständig Mitglieder verloren. Steigt die Neigung zum Austritt durch die jüngsten Skandale weiter an? Belastbare Zahlen gibt es bisher nicht. Recht zweifelhaft dagegen ist, dass eine zurzeit bundesweit laufende Plakatkampagne viele evangelische oder katholische Christen dazu bringt, ihrer Kirche den Rücken zu kehren. "Jetzt reicht's", steht darauf im martialischen Stil einer Boulevardzeitung, "Kirchenskandale ohne Ende". Fragen zum Kirchenaustritt beantwortet eine "Hotline".

Selbsternannte Prophetin

Hinter der Aktion steht nicht etwa ein Verband von Missbrauchsopfern oder eine atheistische Gruppierung, sondern eine Sekte, die sich selbst christlich nennt: "Universelles Leben" (UL). Sie wurde Ende der 1970er Jahre von der selbsternannten Prophetin Gabriele Wittek, einer Schneiderstochter aus dem bayerischen Schwaben, ins Leben gerufen. Die heute 76-jährige Wittek will mehrmals Offenbarungen empfangen haben und sieht sich in der legitimen Nachfolge Jesu Christi, dessen wahre Botschaft die Kirchen angeblich verfälschen.

Daher auch die "große Feindschaft und Ablehnung", die die vor allem in Unterfranken tätige Gruppierung den beiden großen Kirchen entgegenbringt, wie Alfred Singer berichtet. Der Sektenbeauftragte des Bistums Würzburg kennt UL seit Jahren aus der Nähe. In jüngster Zeit, so der katholische Priester, hätten sich die "antikirchlichen Aktionen" immer mehr verschärft – erst vor kurzem strengten Wittek-Anhänger eine Reihe von Prozessen gegen die Kirchen an, um diesen die Bezeichnung "christlich" verbieten zu lassen. Doch Gerichte in Freiburg und Hannover erteilten den Klägern eine Abfuhr.

Christentum ist nur Fassade

Die juristische Auseinandersetzung entbehrte nicht einer Prise Ironie. Denn Fachleute sind sich einig, dass man "Universelles Leben" selbst nicht als christliche Gruppe bezeichnen sollte. "Sie sind sogenannte Neuoffenbarer", so Alfred Singer. Dass sich Wittek als "Sprachrohr Gottes" empfindet, widerspricht der christlichen Auffassung, dass sich Gott allein in der Bibel und in seinem Sohn Jesus von Nazareth geoffenbart hat. Auch die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin ist der Auffassung, die christlichen Versatzstücke im Glaubenssystem der UL seien "reine Fassade".

So wie an Wittek glauben die Anhänger der Sekte, die sich anfangs "Heimholungswerk Jesu Christi" nannte, auch an den Tier- und Naturschutz. Krankheiten und Schicksalsschläge sind nach UL-Lehre die Folge von früherem Fehlverhalten – durch "Umprogrammierung von Gehirnzellen" soll ein von Leid und Schmerz freies Leben möglich werden. Zum Umkreis der Gruppe gehören Organisationen wie "Gut zum Leben", "Lebe gesund" und "Hin zur Natur", die ihre Produkte auf Wochenmärkten in ganz Deutschland verkaufen, aber auch eine Schule und ein Verlag.

"Klima der Angst und des Terrors"

Eine formelle Mitgliedschaft gibt es beim "Universellen Leben" nicht. Singer schätzt die Gesamtzahl der Anhänger auf unter 10.000. Der Sektenexperte hat mit vielen Aussteigern gesprochen, sie berichten von Konformitätsdruck sowie von einem "Klima der Angst und des Terrors", wie es in einer EZW-Informationsbroschüre heißt. Verbreitet ist die Sekte vor allem in Deutschland, es gibt aber auch Gruppen in Österreich, der Schweiz, Italien und Spanien. Zu einem engeren Kreis, der sich "Bundgemeinde Neues Jerusalem" nennt, gehören 500 bis 600 Personen.

Was "Universelles Leben" mit der Aufforderung zum Kirchenaustritt erreichen will, ob sie auf Zulauf für sich selbst hofft, ist nicht klar. Die Gesellschaft für Außenwerbung im schwäbischen Memmingen, die die Kampagne abwickelt, kann nicht einmal die Frage beantworten, in welcher Auflage die Plakate geklebt werden. "Das will der Kunde nicht." Der Kunde in Person von UL-Vizechefin Andrea Wasch hüllt sich weitgehend in Schweigen: "Rufen Sie doch die Hotline an", sagt sie und möchte "darüber hinaus nicht Auskunft geben".

Plakat neben dem Plakat

Alfred Singer rät angesichts der kirchenfeindlichen Plakate zur Gelassenheit. "Am allerbesten ist es, sachlich über die Zusammenhänge zu informieren", so der Fachmann. "Polemik wäre kontraproduktiv." Ganz still hingegen wollte der bekannte Oblatenpater Alfred Tönnis die Aktion nicht hinnehmen: Er stellte zu Ostern einem UL-Plakat am Bahnhof von Biberach ein eigenes zur Seite. Statt "Jetzt reicht's" steht darauf "… uns nicht", und daneben der Satz: "Wir sind gerne in der Kirche, weil uns die Kirche Hoffnung gibt!"


Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de mit Zuständigkeit für die Ressorts Politik und Religion.

Kommentare

Verfasst von Gast am 28. April 2010 - 10:33.

Gutes Plakat

Das Plakat hängt bei meiner Arbeitsstelle um die Ecke, ich kann darin nichts...

Das Plakat hängt bei meiner Arbeitsstelle um die Ecke, ich kann darin nichts falsches finden auch nicht im Kleingedruckten. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. Wo die Kirchenoberen ja sonst Weltmeister im Lügen und "kräftig sündigen" sind, wie soll ich da den ständigen Verleumdungen von der religiösen Konkurrenz nur ein Wort Glauben schenken.

Verfasst von Gast am 18. April 2010 - 1:35.

Anti-Kirchen-Hetze

Christliche Unternehmer müssen die Plakatfirma, welche die Anti-Kirchen-Hetze...

Christliche Unternehmer müssen die Plakatfirma, welche die Anti-Kirchen-Hetze ermöglicht, nicht durch Werbeaufträge unterstützen.

Verfasst von Gast am 16. April 2010 - 12:09.

"Universelles Leben"

"Umprogrammierung von Gehirnzellen" - wie schön! Diese Sekte ruft zum...

"Umprogrammierung von Gehirnzellen" - wie schön! Diese Sekte ruft zum Kirchenaustritt auf, nennt sich aber christlich. Merkwürdig! Ich kann vor solch Gruppen nur warnen. Vertrauen Sie Sektenbeauftragten und dem oberen Artikel von Herrn Buchner. Außerdem gibt es keine neuen Offenbarungen - außer die in der Bibel.

Verfasst von Gast am 15. April 2010 - 22:11.

Begriff "Sekte"

Eine Sekte ist eine Abspaltung, das heißt, die katholische Kirche ist ebenfalls...

Eine Sekte ist eine Abspaltung, das heißt, die katholische Kirche ist ebenfalls eine Sekte, die sich vom Judentum abgespaltet hat und durch größeres "Durchsetzungsvermögen" (vorsichtig formuliert) den Kampf der verschiedenen Christen gewonnen hat. Da die evangelische Kirche sich von den Katholiken abgespaltet hat, ist auch sie eine Sekte.
Außerdem treffen auf beide Kirchen die "Merkmale einer Sekte", die sie selbst aufgestellt haben, ebenfalls zu, z. B. Geld von ihren Mitgliedern zu verlangen, notfalls auch mit Nachdruck (z. B. gerichtliche Schritte).

Verfasst von Gast am 16. April 2010 - 11:47.
Kommentar auf: Begriff "Sekte"

"Sekte"

Welche Kirche oder Gruppe wäre dann für Sie keine Sekte?

Welche Kirche oder Gruppe wäre dann für Sie keine Sekte?

Verfasst von Gast am 22. April 2010 - 23:32.
Kommentar auf: "Sekte"

"Sekte"

Genau da liegt oftmals das Problem. Der Begriff wird unsauber verwendet. Sekte...

Genau da liegt oftmals das Problem. Der Begriff wird unsauber verwendet.
Sekte ist immer eine Frage des Betrachtungspunktes. Aus christlicher Sicht handelt es sich bei Sekten um Gruppen, die statt oder neben der Bibel außerbiblische Wahrheiten verkünden, mit einem Absolutheitsanspruch versehen und ökumenische Kontakte ablehnen.

Der Begriff „Sekten“ wird heute allerdings umgangssprachlich benutzt, um Gruppen und Systeme zu beschreiben, die von ihrem Auftreten, ihren Methoden und ihrer Wirkung nach außen hin im Hinblick auf
• Lehrinhalte, Ideologien und Lebensweise,
• straffe Organisationsform,
• Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Außenstehenden,
• Umgang mit Kritik und
• Aufbau wirtschaftlicher Macht
als negativ empfunden werden.
Diese Pauschalisierung des Sektenbegriffes wurde jedoch nie von den kirchlichen Beauftragten oder Eltern- und Betroffeneninitiativen eingesetzt. Sekte ist heute kein apologetischer Begriff -basierend auf einem eigenen klaren theologischen Standpunkt- mehr, wie er seitens der Kirche in der Auseinandersetzung mit Abspaltungen von bestehenden großen Glaubensgemeinschaften verwendet wurde.
Vielmehr ist er gerade durch permanente umgangssprachliche Verwendung z.B. in Presseveröffentlichungen, Publikationen, Regierungsberichten etc. ein „Terminus technicus“ mit einem festen Platz in der Auseinandersetzung geworden. Das diesnun teilweise aus denselben Kreisen wiederum den Kirchen vorgeworfen wird, ist sachlich falsch und argumentativ unredlich.
Der Sektenbegriff an sich ist nicht negativ. Niemand käme beispielsweise im
Buddhismus darauf, die Bezeichnung „Sekte“ als Diffamierung zu empfinden.
Die pauschale Verwendung dieses Begriffes zeigt, daß er von vielen Seiten
verwendet wird, ohne seine genaue Begründung und Definition zu kennen. Allerdings ist es wenig hilfreich zu versuchen, nunmehr einen anderen Begriff in der Öffentlichkeit zu etablieren. Beispielsweise sind Bezeichnungen wie „Lebenshilfeangebote“ oder „destruktive Kulte“ zu wenig eindeutig, um das Phänomen zu beschreiben.
Gerade Eltern- und Betroffeneninitiativen haben sich aber von Anfang an bemüht,exakt und einwandfrei den Problembereich in ihrer Namensgebung zu beschreiben und zu definieren.
So nennen sich die Initiativen beispielsweise:
• ....zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus
• ....gegen Mißbrauch der Religion
• ....gegen psychische Abhängigkeit und für geistige Freiheit
• ....zur Wahrung der geistigen Freiheit
• ....zur Selbsthilfe gegenüber neuen religiösen und ideologischen Bewegungen

Wer mehr wissen möchte:
www.religio.de/ei
http://home.arcor.de/eimuc/Parameter.pdf
http://home.arcor.de/eimuc/Grundsatz.htm
http://home.arcor.de/eimuc/Gruppen.pdf

Verfasst von Gottesgeschenk am 16. April 2010 - 11:32.
Kommentar auf: Begriff "Sekte"

Wahrscheinlich wird hier der

Wahrscheinlich wird hier der Begriff Sekte nicht etymologisch, sondern...

Wahrscheinlich wird hier der Begriff Sekte nicht etymologisch, sondern umgangssprachlich verstanden. Du nennst eine Möglichkeit, den Begriff zu interpretieren, das ist aber nicht die einzige...

Mehr als alles behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens. (Sprüche4,23)
http://gottesgeschenk.wordpress.com/

Verfasst von Gast am 15. April 2010 - 17:19.

Plakat ist super

Danke für das Aufmerksammachen auf das Plakat, wenn die Kirchen es nicht gut...

Danke für das Aufmerksammachen auf das Plakat, wenn die Kirchen es nicht gut finden dann scheint es ja wahr zu sein. Getroffene Hunde bellen.
Und die Sektenschauermärchen glaubt doch auch niemand mehr. Anstatt mit ehrlicher Arbeit ihr Geld zu verdienen und die kirchlichen Probleme zu lösen, lenken Sie immer von sich ab und machen andere schlecht. Und finanzieren Ihren reichen Verein von Steuergeldern armer Bürger und Staatssubventionen. Deshalb bin ich ausgetreten und werde es jedem empfehlen und jeden dabei unterstützen.

Verfasst von Gast am 16. April 2010 - 3:15.
Kommentar auf: Plakat ist super

Wenn man der Gruppe

Wenn man der Gruppe Universelles Glauben sollte, dann sind sie die waren...

Wenn man der Gruppe Universelles Glauben sollte, dann sind sie die waren Christen. Ich frage mich aber warum ich für ihre Botschaften und Prophezeiungen soviel zahlen muss. Desgleichen frage ich mich warum sie andauernt klagen und hetzen. Ich denke das hat Jesus nie gemacht. Über die Botschaften braucht man glaube ich auch nicht wirklich zu reden, das sie von allen bekannten Texten teils stark abweichen. (z.B. Apokryphen, Bibel, gnostischen Schriften) usw.

Verfasst von Gottesgeschenk am 15. April 2010 - 20:14.
Kommentar auf: Plakat ist super

Die Kirchen haben Recht, das

Die Kirchen haben Recht, das Universelle Leben hetzt , ich kenne ein paar und...

Die Kirchen haben Recht, das Universelle Leben hetzt , ich kenne ein paar und zwar nicht nur gegen die Kirchen, sondern zB auch gegen Fleischesser

Mehr als alles behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens. (Sprüche4,23)
http://gottesgeschenk.wordpress.com/

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