"Unter Ketzern" und die ökumenische Debatte

Brummer bei der Lesung

Arnd Brummer bei der Lesung von "Unter Ketzern" in der evangelischen Stadtakademie Frankfurt, zusammen mit Klaas Huizing. Foto: Rolf Oeser

Buchvorstellung - "Unter Ketzern" heißt Arnd Brummers Buch, das in der konfessionellen Welt bis hin zur katholischen Deutschen Bischofskonferenz ein paar kleine Wellen geschlagen hat. Bei einer Lesung in Frankfurt fand sich Brummer aber keineswegs unter Ketzern – vielmehr waren die gut 100 Zuhörer wohlwollend interessiert an Brummers Ausführungen zu seiner Konversion und natürlich auch zur Ökumene allgemein. Ein bisschen kontrovers wurde es aber doch.

Von Hanno Terbuyken

Es war ein munterer Dialog, den der Würzburger Theologe Klaas Huizing zu Beginn des Abends mit Arnd Brummer entspann, und schnell wurde klar, worum es Arnd Brummer im Kern ging. Er fühlte sich willkommen in der "Kirche der Freiheit", fühlte sich wohler bei den Lutheranern als bei den römischen Katholiken. Warum das so ist, erklärt der Chefredakteur von chrismon und evangelisch.de natürlich in seinem Buch, aber er ließ die versammelten Zuhörer darüber auch nicht im Unklaren.

"Das reformatorische Gedankengut, das evangelische Leben, hat die katholische Kirche in der Tiefe erfasst", sagte Brummer – und sein Gesprächspartner Huizing, selbst reformierter Theologe, stimmte ihm zu: "Die Mehrzahl der Menschen lebt evangelisch." Arnd Brummer brachte dazu ein Beispiel aus seinem Buch von der 17-jährigen Katholikin, die sich bewusst für ihr Kind und gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschied. Das habe sie aber vor allem vor sich selbst verantwortet statt einfach der katholischen Kirchenlehre zu folgen, die Meinung der Kirche sei nicht so wichtig, sagte sie. "Das ist reformatorisches Denken", erklärte Brummer auf dem Podium, und das sei inzwischen normal. Nur dass natürlich die meisten Katholiken, die so denken, trotzdem nicht zur evangelischen Kirche übertreten.

Keine "Holy Horror Picture Show" mehr

Arnd Brummer: "Unter Ketzern" (1)

Arnd Brummer, Chefredakteur von chrismon und evangelisch.de, spricht über seinen Weg zum Protestantismus, beschrieben in seinem neuen Buch "Unter Ketzern - Wie ich evangelisch wurde". (c) evangelisch.de/chrismon

Es ist dieses Kirchenbild von der dogmatischen, unbeugsamen, hierarchischen und schier unwandelbaren katholischen Kirche unter dem Papst, das Brummer in seinem Buch kritisiert. Allerdings gab er in Frankfurt zu, zumindest zwei Ausdrücke verwendet zu haben, die er im Nachhinein anders gewählt hätte. Zum einen nämlich, dass der Vatikan gegen den Protestantismus "hetze". Das ist so "nicht richtig", sagte Brummer, auch wenn ihn die Nicht-Anerkennung der evangelischen Kirche als Kirche – siehe "Dominus Jesus" – bis heute irritiert.

Auch das Wort von der "Holy Horror Picture Show", das bereits im Vorabdruck in chrismon zu lesen war, würde man in einer zweiten Auflage nicht mehr finden, versprach Brummer: "Den Begriff würde ich jetzt nicht mehr verwenden". Zwar seien für ihn als Messdiener die Kopfnüsse, die es gab, wenn er nicht so schnell wie alle anderen auf den Knien war, eine Art Horror gewesen. Aber die Anspielung auf den Film "Rocky Horror Picture Show" hätten möglicherweise viele nicht verstanden, das sei aus den vielen Zuschriften deutlich geworden.

"Mission ist nicht dafür da, die Kirche zu retten"

Arnd Brummer: "Unter Ketzern" (2)

Am 11. September jähren sich die Anschläge von New York und Washington zum zehnten Mal. Was damals geholfen hat, gilt auch noch heute, sagt evangelisch.de-Chefredakteur Arnd Brummer.

Dennoch: Die Debatte um Ökumene, in die sich Brummer mit seinem Buch eingeschaltet hat, wird auch ohne dieses Wort nicht abflauen. Auch das Gespräch mit dem Publikum drehte sich um das Zusammenleben der Konfessionen. So beschrieb denn auch ein gestandener Protestant seinen Eindruck, die "Kirche der Freiheit" sei ein Weg, "das Evangelische zu katholisieren". Arnd Brummer nahm diese Sorge auf und beschrieb noch einmal deutlich, wie sehr für ihn die Kirche der Freiheit eben eine persönliche Freiheit bedeutet. Aus der polemischen Trickkiste zog Brummer den Satz "Wachsen gegen den Trend ist die Viagra-Parole", um gleich wieder ernst zu werden: "Mission ist nicht dafür da, die Kirche zu retten, sondern die Welt durch Jesus Christus." Kirche entscheide sich in den Gemeinden, wo die Freiheit immer wieder neu bestätigt und neu diskutiert werden müsse.

Das gilt auch für den überkonfessionellen Dialog. "Man muss streiten, man muss miteinander ringen, weil wir alle nur bedingtes Wissen haben", griff Brummer auf einen seiner Lieblingstheologen Paul Tillich zurück. Schließlich könne sich die Kirche auch irren, die evangelische ebenso wie die katholische. "Am Ende sind wir alle auf die Gnade angewiesen", betonte Brummer.

"Ich kann niemandem verordnen, wie er die Heilige Schrift zu lesen hat"

Nur mit einem der Gäste lieferte sich Brummer dann doch ein kleines Wortgeplänkel, mit Bruder Paulus Terwitte nämlich, Kapuzinermönch des Liebfrauen-Klosters in Frankfurt, der sich mit dem Katholischen Pressebund schon zum Buch geäußert hatte. "Zu behaupten, dass jeder seinen Erkenntnisweg hat, ist auch nicht der Weg", gab Bruder Paulus zu bedenken. Auch wenn die römisch-katholische Kirche vielleicht nicht die Eine Kirche sei, brachte er das Beispiel aus Brasilien, wo 15 verschiedene evangelische Gruppierungen konkurrierten, die auch nicht miteinander könnten.

Brummer entgegnete mit einem Bild: "In drei, vier Häusern wohnen und sich gegenseitig besuchen", so stelle er sich das vor: "Die kleinen Einheiten in Netzwerke bringen, die gemeinsam beten, das reicht mir." Ökumene an der Basis sei ja vielfach ohnehin schon Realität. Nur eben die Ökumene der Institutionen "wird es niemals geben", so ist Brummers persönliche Sicht und so schreibt er es in seinem Buch.

Bruder Paulus Terwitte war sich mit Brummer aber zumindest über Eines einig: "Jesus ist der Erlöser der Welt. Wenn wir diese Eine Kirche schaffen, bin ich dabei." Da widersprach auch Arnd Brummer nicht – nur eben mit einer wie immer ganz protestantischen Einschränkung: "Ich kann niemandem verordnen, wie er die Heilige Schrift zu lesen hat."


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und schreibt das Blog "Angezockt".

Kommentare

Verfasst von Paul Haverkamp, Lingen am 13. September 2011 - 18:30.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Ein ökumenisches Miteinander muss getragen sein von einem Verzicht auf...

Ein ökumenisches Miteinander muss getragen sein von einem Verzicht auf Selbstgerechtigkeit, Selbstanmaßung und der Aufrechterhaltung eines Monopolbesitzanspruchsanspruchs an göttlichen Wahrheiten. Vertreter beider Konfessionen sollten einsehen, dass es nicht darum geht, dass die Evangelischen katholischer und die Katholischen evangelischer werden müssen; Ökumene kann nicht auf eine totale Einheit in allen Einzelfragen hinauslaufen, aber notwendig ist, dass keine Kirche das, was eine andere Kirche amtlich offiziell verbindlich lehrt, als Widerspruch zum Evangelium betrachtet.

Ökumene will kein Verarmungsprozess sein, bei dem man sich auf den geringsten gemeinsamen Nenner einigt; Ökumene will und muss als ein Lern- und Mehrungsprozess verstanden werden, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen. Keine Konfession darf und soll ihre Identität aufgeben müssen; zu der Vorstellung von einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ gibt es, wenn alle Beteiligten wahrhaftig und ernsthaft den Gedanken der Ökumene verwirklichen möchten, keine Alternative!

Paul Haverkamp, Lingen

Verfasst von Nachtfalter am 13. September 2011 - 22:44.

Die einzige gemeinsame Basis

Paul Haverkamp, Lingen schrieb: Ein ökumenisches Miteinander muss getragen...

Paul Haverkamp, Lingen schrieb:

Ein ökumenisches Miteinander muss getragen sein von einem Verzicht auf Selbstgerechtigkeit, Selbstanmaßung und der Aufrechterhaltung eines Monopolbesitzanspruchsanspruchs an göttlichen Wahrheiten. Vertreter beider Konfessionen sollten einsehen, dass es nicht darum geht, dass die Evangelischen katholischer und die Katholischen evangelischer werden müssen; Ökumene kann nicht auf eine totale Einheit in allen Einzelfragen hinauslaufen, aber notwendig ist, dass keine Kirche das, was eine andere Kirche amtlich offiziell verbindlich lehrt, als Widerspruch zum Evangelium betrachtet.

Was m. E, not tut ist, dass sich jede Kirche/Konfession/Gemeinschaft auf die Wurzeln des Glaubens zurückbesinnt. Und dass das, was in den letzten 2000 Jahren so an Beiwerk gewachsen ist, erst einmal beiseite stellt. Erst wenn dass einzig Wichtige und Wahrhaftige (1. Kor. 3, 11) allein in der Mitte steht, werden wir fähig sein, uns als gleichwertige und gleich geliebte Kirnder unseres Heiligen Himmlischen Vaters zu erkennen.

Nachtfalter

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd><p><embed><param><object>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Du kannst andere Kommentare mit [quote]-Tags zitieren.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen