Vor Papstbesuch fordert die Kirche in Kuba Reformen

Prozession mit der Heiligen Jungfrau von Cobre auf Kuba

Eine Prozession mit der Heiligen Jungfrau von Cobre auf Kuba im September 2011. Foto: dpa/Rolando Pujol

Papstreisen - Papst Benedikt XVI. will im kommenden Frühjahr Kuba und Mexiko besuchen. Die Bischöfe in den beiden Ländern begrüßen die Reisepläne. Doch die kubanische Regierung in Havanna schweigt.

Von Franz Smets

Die Ankündigung Papst Benedikts, Kuba und Mexiko zu besuchen, hat in den beiden Ländern für erhebliches Aufsehen gesorgt. Die mexikanischen Katholiken warten seit langem auf Benedikt XVI. - sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte das überwiegend katholische Land während seines Pontifikats fünfmal besucht. Aber in Kuba ist eine Visite eine komplexe Angelegenheit. "Mexiko war sicher eine Notwendigkeit", sagte der Kardinal von Havanna, Jaime Ortega, in einer ersten Reaktion. "Kuba ist eine Priorität."

Nach einem halben Jahrhundert der Unterdrückung durch ein kommunistisches Regime befindet sich die Kirche in Kuba wieder im Aufwind. Ortega spricht sogar von einem "Glaubensfrühling", der von der Führung unter Präsident Raúl Castro zugelassen wird. Raúl, der 2006 die Führung des durch staatliche Planwirtschaft marode gewordenen Landes von seinem Bruder Fidel Castro übernahm, hat zwar Wirtschaftsreformen eingeleitet, doch der Sozialismus soll nicht angetastet werden. Das würde bedeuten, dass die Menschen auch weiterhin vom Staat, beziehungsweise von der kommunistischen Partei bevormundet und in ihren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Betätigungen eingeschränkt würden, so befürchten viele.

"Kirche kann nicht Partei der Opposition sein"

Hier fühlt sich die Kirche gefordert. Sie ist in den vergangenen Jahren zu der Institution geworden, die einen gesellschaftlichen Dialog forderte und förderte und zwischen der Regierung und ihren Gegnern zu vermitteln versuchte. Herausragend war die zwischen Ortega und Raúl Castro ausgehandelte Freilassung von gut 100 politischen Gefangenen im vergangenen Jahr, die allerdings in den meisten Fällen mit der Ausweisung nach Spanien erkauft wurde.

Dafür gab es auch Kritik an dem Kardinal. Er habe sich dem Regime angebiedert und ihm geholfen, missliebige Oppositionelle loszuwerden, hieß es. Eine Gruppe von Dissidenten beklagte sich in einem Brief an Benedikt darüber, dass sie nicht an den Verhandlungen beteiligt gewesen seien. "Die Kirche kann nicht die Partei der Opposition sein", war und ist dagegen die Maxime des kubanischen Kardinals, die letztlich zur Annäherung zwischen Kirche und Regime führte. Raúl war sogar im November vergangenen Jahres dabei, als erstmals seit der Revolution ein Priesterseminar eingeweiht wurde.

Damit hatte er auch die neue Rolle der Kirche unterstrichen, die diese für den Zusammenhalt des Landes einnehmen könnte. Damals hatte die bis dahin größte Mobilisierung der Katholiken seit vielen Jahren begonnen: Eine Prozession mit der Barmherzigen Jungfrau von Cobre. Die Figur der Nationalheiligen, deren Verehrung vor 400 Jahren begann, wurde inzwischen durch das ganze Land getragen, in Städten, Dörfern, Krankenhäusern, Kirchen und Gefängnissen gezeigt. Es habe sich sogar eine Einheit der Streitkräfte vor ihr verneigt, schrieb die linksgerichtete mexikanische Zeitung "La Jornada" in einem Bericht aus Kuba.

Hoffnung auf ein besseres Leben mit der Kirche

Die vor 400 Jahren in einer Bucht gefundene Heiligenfigur ist in Kuba nicht nur Gegenstand der katholischen Verehrung. Sie wird, seit sie bei den Kämpfen um die Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert eine Rolle gespielt hatte, auch von den aus Afrika stammenden Religionen angebetet. Die Kirche teilte nicht mit, wie viele Menschen bei den Prozessionen mobilisiert wurden. Es hieß nur, es seien mehr als erwartet gewesen. Kardinal Ortega wurde mit den Worten zitiert: "Dieses zeigt, dass sich Kuba im Glaubensfrühling befindet."

Vom Glaubensfrühling ist es nicht weit zur Hoffnung auf ein besseres Leben, das den Kubanern seit Jahrzehnten vorenthalten wird. Vor wenigen Tagen kritisierte die kleine Zeitung der Erzdiözese von Havanna "Espacio Laical" die Regierung, sie habe mit den bisherigen Reformschritten die Erwartungen des Volkes enttäuscht. "Die KP Kubas klebt immer noch an fehlgeschlagenen Dogmen und hält eisern an einer vertikalen Beziehung zur Gesellschaft fest", hieß es in dem Kommentar. "Jede Reform, die erfolgreich sein will, muss eine politische Erneuerung durchmachen und diese muss bei der kommunistischen Partei beginnen."

epd

Kommentare

Verfasst von Nachtfalter am 6. Januar 2012 - 9:37.

Seltsame Parallelen

Quote: Vor wenigen Tagen kritisierte die kleine Zeitung der Erzdiözese von...

Quote:

Vor wenigen Tagen kritisierte die kleine Zeitung der Erzdiözese von Havanna "Espacio Laical" die Regierung, sie habe mit den bisherigen Reformschritten die Erwartungen des Volkes enttäuscht. "Die KP Kubas klebt immer noch an fehlgeschlagenen Dogmen und hält eisern an einer vertikalen Beziehung zur Gesellschaft fest", hieß es in dem Kommentar. "Jede Reform, die erfolgreich sein will, muss eine politische Erneuerung durchmachen und diese muss bei der kommunistischen Partei beginnen."

das Gleiche könnte man ja auch über die römische Altherrenriege schreiben

Nachtfalter

Verfasst von Oni am 31. Dezember 2011 - 12:34.

Der Katholizismus hat Mexiko

Der Katholizismus hat Mexiko auch nicht davor bewahrt sich in einem Drogenkrieg...

Der Katholizismus hat Mexiko auch nicht davor bewahrt sich in einem Drogenkrieg mit bisher 42000 Todesopfern zu zerfleischen. Vielleicht ist eher das Gegenteil der Fall...

Verfasst von Paul Haverkamp, Lingen am 30. Dezember 2011 - 19:53.

Papst Benedikt sollte an einem Geschichtsseminar teilnehmen

Bei der Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im brasilianischen...

Bei der Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im brasilianischen Aparecida am 13. Mai 2007 äußerte sich Benedikt zur Christianisierung Lateinamerikas, die nach seiner Ansicht keine Oktroyierung einer fremden Kultur, sondern von den Ureinwohnern unbewusst herbeigesehnt worden sei.

„Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik?", fragte der Papst bei der Eröffnung der Generalkonferenz der lateinamerikanischen Bischöfe am 13. Mai 2007.

Die Antwort des Papstes:

„Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten."

Dass die Azteken, Inka, Maya und die anderen Ureinwohner des Kontinents in ihren Religionen, „ohne es zu wissen", den Katholizismus gesucht und sich „im Stillen" nach ihm gesehnt hätten, ist eine kaum zu überbietende Geschichtsklitterung.

So hätten sich die europäischen Eroberer Amerikas, fährt der Papst fort, durchaus im Einklang mit jener „Vernunft" befunden, die Benedikt in Regensburg dem islamischen Dschihad zu Recht absprach. Anders gesagt: Wenn Nichtchristen christliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt wider die Vernunft; wenn aber Christen nichtchristliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt vernunftgemäß, weil sich deren Völker ohnehin unbewusst nach der Wahrheit des Christentums sehnen.

Mit solcher Dialektik lässt sich freilich bald jede Schurkerei im Namen des Glaubens rechtfertigen.
Dieses skandalöse Geschichtsverständnis stieß auf Widerspruch von Repräsentanten der Indios, die die Rede als „arrogant und respektlos“ bezeichneten.

„Es ist arrogant und respektlos, unser kulturelles Erbe als zweitrangig zu bewerten", sagte Jecinaldo Satere Mawe, Leiter des Amazonas-Stammes Coiab. Auch Sandro Tuxa wies als Koordinator der nordöstlichen Stämme die Worte des Papstes zurück. „Zu sagen, dass die kulturelle Dezimierung unserer Volkes eine Reinigung darstellt, ist beleidigend und - offen gesagt - beängstigend", sagte Tuxa.

Nicht anzuerkennen, dass die Einführung des Katholizismus ein Mechanismus zur Dominierung der Ureinwohner gewesen sei, sei eine Verschleierung der Geschichte, kritisierte der Direktor der Organisation der Ureinwohner Kolumbiens (ONIC), Luis Evelis Andrade. „Wir können es nicht akzeptieren, dass die Kirche ihre Verantwortung für die Vernichtung unserer Kultur und unserer Identität nicht anerkennt."

Der in Brasilien tätige katholische Befreiungstheologe und Verteidiger der Menschenrechte Leonardo Boff (*1938) beklagte »das zahlenmäßig gewaltigste Unheil, das der Katholizismus zu verantworten hat; die weitgehende Ausrottung der süd- und nordamerikanischen Bevölkerung. In den ersten 150 Jahren nach der Eroberung ‚im Namen Gottes’ durch die Spanier starben 100 Millionen Menschen – der „größte Völkermord aller Zeiten“ (Publik-Forum 31.5.1991).

Entgegen der von schlimmster Geschichtsklitterung durchzogenen Darstellung von Papst Benedikt sprechen die historischen Fakten eine ganz andere Sprache:

In den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Amerikas durch die katholischen Spanier waren bereits eine Million Indianer im karibischen Raum zugrunde gegangen - ermordet, durch Zwangsarbeit zu Tode geschunden oder an Infektionen gestorben. Nach 150 Jahren waren in ganz Amerika 100 Millionen Menschen gestorben - über 90 Prozent der Bevölkerung (Südwestpresse, 2.5.92).

Die Spanier behandelten die Indianer schlimmer als Tiere und massakrierten sie auf grau- samste Weise. Sie erhängten „zur Ehre der Apostel und Jesu Christi“, wie sie sagten, jeweils 13 Indianer über einem Feuer, so dass sie gleichzeitig erstickten und verbrannten. Sie trieben die Indianer in Fall- gruben mit spitzen Pfählen, verstümmelten sie oder warfen ihre Kinder lebendig den Hunden vor. Der Kazike Hatuay wurde vor seiner Verbrennung gefragt, ob er sich taufen lassen wolle, um wenigstens in den Himmel zu kommen. Er fragte zurück, ob denn auch Christen in den Himmel kämen. Dies wurde bejaht. „Sogleich und ohne weiteres Bedenken erwiderte der Kazike, dort wolle er nicht hin, sondern lieber in die Hölle, damit er nur dergleichen grausame Leute nicht mehr sehen, noch da sich aufhalten dürfe, wo sie zugegen wären.“

Seitdem die Missionare des Dominikaner-Ordens im Jahre 1510 in die Neue Welt gekommen waren, predigten Sie gegen die ungerechte Behandlung der Ureinwohner durch die spanischen Eroberer. Am vierten Adventsonntag 1511 hielt der Dominikaner Antonio de Montesinos in der Kirche von Santo Domingo die sogenannte Adventspredigt.

Die anwesenden spanischen Kolonisatoren fragt er:

„Mit welchem Recht und welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in einer so grausamen und schrecklichen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr diese Völker blutig bekriegt, die ruhig und friedlich in ihren Ländern lebten, habt sie in ungezählter Menge gemartert und gemordet? Ihr unterdrückt sie und plagt sie, ohne ihnen zu essen zu geben und sie in ihren Krankheiten zu heilen, die über sie kommen durch die maßlose Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, und sie sterben – oder besser gesagt: ihr tötet sie, um Tag für Tag Gold zu gewinnen.“

Vielleicht sollte Papst Benedikt noch einmal ein Geschichtsseminar zum Verhalten der katholischen Kirche in Lateinamerika besuchen, bevor er seine für das kommende Jahr geplante Reise nach Kuba und Mexiko antritt.

Paul Haverkamp, Lingen

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