Wird Martin Luther wieder katholisch?

Martin Luther

So malte Lucas Cranach der Ältere seinen Freund Martin Luther als jungen Augustinermönch. Der spätere Reformator gehörte dem Orden seit 1505 an; bis 1524 trug er noch seine Kutte. In den Jahren zuvor entstand Cranachs Porträt. Es ist heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen. Foto: akg-images

Konfessionen - Die Ökumene steht weiter vor großen Herausforderungen, aber da und dort ist sie weiter als gedacht. So ist die Verdammung Martin Luthers (1483-1546) durch die katholische Kirche längst aufgehoben. Der Reformator wird vielmehr als "Lehrer im Glauben" anerkannt. Gute Voraussetzungen für das Gespräch der Konfessionen beim bevorstehenden Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. sowie für eine ökumenische Prägung des Reformationsjubiläums 2017.

Von K. Rüdiger Durth

Ist Luther, der von Papst Leo X. exkommuniziert wurde, ein "irrsinniger Häretiker", wie Papst Pius VI. noch 1791 meinte, oder aber ein "Lehrer im Glauben", wie Papst Johannes Paul II. 1980 bei seinem ersten Deutschlandbesuch gegenüber dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) betonte? Und ist der Papst für die Protestanten noch der Antichrist oder ein "vermummter und leibhaftiger Teufel", wie Luther nicht müde wurde zu betonen - oder doch der Mann, von dem die evangelische Kirche im Rahmen des Deutschlandbesuches von Papst Benedikt XVI. im September ein deutliches Zeichen hin zur Einheit der Christenheit erwartet?

Es gab nie einen Bann gegen den Reformator

Die Polemik zwischen Katholiken und Protestanten gehört der Vergangenheit an. Und die Protestanten haben längst eingesehen, dass auch der deutsche Papst Benedikt XVI. den Bann über Luther nicht aufheben kann, weil nach katholischer Lehre der Bann mit dem Tod eines Menschen endet. Freilich wurde nie ein entsprechendes offizielles Urteil gefällt (im Gegensatz etwa zu Galileo Galilei), was aber durch die römische Inquisitionsbehörde notwendig gewesen wäre, die es freilich 1520 noch nicht gab. Umgekehrt blicken die Katholiken mit gemischten Gefühlen auf das Jahr 2017, wenn die Protestanten in Erinnerung an den Thesenanschlag Martin Luthers gegen den Ablass vom 31. Oktober 1517 den 500. Jahrestag der Reformation feiern – als selbstbewusstes Fest gegen die Katholiken, bei dem das Lutherlied "Eine feste Burg ist unser Gott" wieder als protestantische Hymne zu neuen Ehren kommt?

Mitnichten, sagt der leitende Geistliche der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD), Bayerns Landesbischof Johannes Friedrich: "Es ist mir ganz wichtig, dass nicht der Eindruck aufkommt, wir wollten dieses Jubiläum gegen die katholische Kirche feiern. Wir wollen es mit ihnen zusammen feiern." Und das Jahr 2017 scheint ihm auch passend für einen 3. Ökumenischen Kirchentag nach 2003 in Berlin und 2010 in München. Doch das sieht der für die Ökumene in der Deutschen Bischofskonferenz zuständige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller etwas anders: "Eine eigentliche Feier im Sinne eines Reformationsjubiläums kann es für die Deutsche Bischofskonferenz nicht geben, weil die Reformation nicht losgelöst von der Spaltung der abendländischen Christenheit betrachtet werden kann."

Aber auch Bischof Müller ("Zur Ökumene gibt es keine Alternative") hat Martin Luther "und sein religiöses Reformanliegen" im Blick. Deshalb plant die Deutsche Bischofskonferenz wahrscheinlich 2014 ein wissenschaftliches Symposion in Erfurt. In der Stadt also, in der Luther zum Priester geweiht wurde. Ist die römisch-katholische Kirche dabei, den Reformator für sich zu vereinnahmen? Darum geht es nicht, sondern darum, Martin Luther aus der Ecke der Kirchenspalter herauszuholen und endlich, fern aller zeitgenössischen Polemik des 16. Jahrhunderts, sein theologisches Werk in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Erfahrung der Abwesenheit Gottes

Für den großen katholischen Lutherforscher Otto Hermann Pesch ist das wichtigste, was Katholiken von Luther gelernt haben, dessen Anschauung vom verborgenen Gott. Martin Luther habe damit eine ganz moderne Erfahrung vorweggenommen: die Erfahrung der "Abwesenheit" Gottes in dem nach seinen eigenen Gesetzen ablaufenden Weltgeschehen: "Durch das Kreuz hat Gott klargestellt, wo wir ihn finden sollen und können: gerade indem, was ihm zu widersprechen scheint: im Kreuz und darum auch in Leiden, unter den negativen Erfahrungen des Lebens."

Der Regensburger Oberhirte Müller (Foto links: dpa) hofft, dass es im Hinblick auf das Reformationsgedenken 2017 gelingt, zu einer gemeinsamen Bewertung Martin Luthers und der Reformation zu gelangen. Immerhin wurde Luther in einem Text der Internationalen Dialogkommission von 1983 als "Zeuge Jesu Christi" und als "Lehrer im Glauben" bezeichnet. Eine Feststellung, die freilich in Teilen der römisch-katholischen Kirche nicht geteilt wird – auch wenn bereits 1940 der Mainzer Reformationshistoriker Joseph Lortz in seinem Buch "Die Reformation in Deutschland" den Ansatz vom "katholischen Luther" entwickelt hat, der heute in der entsprechenden katholischen Theologie immer mehr Zustimmung findet.

Ständige Erneuerung der Kirche

In diesem Zusammenhang erinnert Ökumenebischof Müller auch an das 2. Vatikanische Konzil, dessen 50. Jahrestag auch in Deutschland gefeiert werden soll und dessen Reformanliegen durchaus dem Anliegen Luthers entsprechen – von der zentralen Stellung des Heiligen Schrift für das Leben und die Lehre der Kirche bis hin zur Bejahung der ständigen Erneuerung der Kirche ("ecclesia semper reformanda"). Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, steht nach einem Studientag zum Thema Ökumene der 70 deutschen Bischöfe vom Frühjahr 2011 fest:

"Ohne vor den Differenzen zum katholischen Glauben die Augen zu verschließen, zu denen es im Laufe der Reformation gekommen ist, kann eine Neubewertung Martin Luthers als Zeuge des Glaubens aus katholischer Sicht möglich werden, wenn das ursprüngliche Reformanliegen Martin Luthers in den Blick kommt. Nach katholischer Auffassung besteht auch auf der Ebene der Sichtbarkeit, besonders auch im Taufsakrament, noch eine Einheit der Kirche und eine sichtbare Gemeinschaft der Christen untereinander als Glieder des einen Leibes Christi, auch wenn die Communio nicht vollständig ist und auf die volle sichtbare Einheit in der sakramentalen Kirche hinzielt."

Gegen die Rede von der Eiszeit

Auch für den Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), gibt es keinen Grund, im Blick auf die Ökumene "von einem Stillstand oder gar einer Eiszeit zu sprechen": "Sicher gibt es immer wieder auch Entwicklungen, die das ökumenische Miteinander erschweren, aber sie stellen die gewachsenen ökumenischen Beziehungen grundsätzlich nicht in Frage." Gleicher Überzeugung ist Erzbischof Zollitsch: "Insgesamt ist die Situation der Ökumene in Deutschland positiv zu bewerten."

Für den katholischen Lutherforscher Pesch hat das Papsttum, wie es sich gegenwärtig darstellt, "keine ökumenische Chance im 21. Jahrhundert". Zugleich wirft er einen Blick auf die orthodoxe Kirche, die Rom theologisch am nächsten steht, aber niemals das heutige Papsttum akzeptieren würde. Aber es sei nicht auszuschließen, dass sich die römisch-katholische Kirche mit der orthodoxen einige. So schlussfolgert Pesch: In der Papstfrage führt der Weg nach Wittenberg über Konstantinopel. Und: "In Sachen Wort Gottes und Glaube sind wir Katholiken, wenn es zum Schwur kommt, alle gute Lutheraner."


K. Rüdiger Durth lebt als freier Autor in Bonn und Berlin und ist langjähriger Beobachter des politischen und kirchlichen Geschehens in Deutschland.

Kommentare

Verfasst von Differenzierte Wahrnehmung am 16. November 2011 - 16:31.

Kopf einschalten - manchmal hilft es

Jeder, der sich mit Luther auch nur ein bisschen auskennt, kennt auch seine...

Jeder, der sich mit Luther auch nur ein bisschen auskennt, kennt auch seine Problemstellen.

Jemand, der jenes Buch gelesen hat, kennt offensichtlich einige von Luthers Problemstellen, hat aber von Luther keine wirkliche Ahnung.

Luther war Mensch, als solcher ein Mensch mit Fehlern. Wo ist das Problem?

Seine biblische Grunderkenntnis war, dass Gott Menschen mit Fehlern liebt.

Er liebt also auch Sie, trotz Ihrer Schmährede über etwas, wovon Sie keine wirkliche Ahnung haben. Das ist doch schon mal was...

Alles Gute

Verfasst von bundesbedenkent... am 1. Juli 2011 - 15:16.

Ich dachte immer der

Ich dachte immer der Atheismus sei entstanden durch die Rationalisierung des...

Ich dachte immer der Atheismus sei entstanden durch die Rationalisierung des Glaubens in der Scholastik...

Ansonsten frag ich mich, wieso ein Dipl. Ing. ein Buch über Luther schreibt. Leider kann ich die 14€ nicht entbehren, um die Vorwürfe zu überprüfen und gegebenenfalls zu widerlegen. Schade.

Verfasst von bundesbedenkent... am 2. Juli 2011 - 16:06.

Wenn die Thesen dieses Buches

Wenn die Thesen dieses Buches auf der Verkaufsseite auch nur kurz angerissen w...

Wenn die Thesen dieses Buches auf der Verkaufsseite auch nur kurz angerissen wären, wär das ja noch was. Aber auch die Leseprobe bringt eigentlich nichts, keine Argumentation, lediglich Behauptungen (nd nebenbei ein furchtbares Schriftbild).

14€ sind viel Geld. Manch einer muß da 4 Stunden für arbeiten. nd da überleg ich mir, ob ich davon ein Buch kaufe, das allem Anschein nach voll steckt mit unbegründetem Gesülze (sorry, aber genau das ist mein Eindruck von der Verkaufsseite und der Leseprobe her) oder ob ich es sinnvoller investier, etwa für den Wocheneinkauf.

 

Verfasst von Michael H. am 29. Juni 2011 - 19:41.

Es gab nie einen Bann gegen den Reformator?

"Es gab nie einen Bann gegen den Reformator" Wie soll man diese Aussage...

"Es gab nie einen Bann gegen den Reformator"

Wie soll man diese Aussage verstehen? Sachlich kann das nicht richtig sein, selbst wenn angeblich nach "katholischer Lehre der Bann mit dem Tod eines Menschen endet" . Daraufhin kann man doch einen einmal ausgesprochenen Bann nicht als ungeschehen bezeichnen.
Im Ketzerverfahren gegen Luther gab es sowohl eine Bannandrohungsbulle (Exsurge Domini), als auch eine Bannbulle (Decet Romanum Pontificem; siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Decet_Romanum_Pontificem)!

Auch die Aussage in Bezug auf die Inquisition, kann so wohl nicht stimmen, die gab es nämlich seit dem 12. Jh.

Verfasst von ernstwalter am 29. Juni 2011 - 16:29.

Wird der Papst evangelisch?

Stellvertreter Gottes auf Erden?  Das Leben Jesu auf Erden. Der "...

Stellvertreter Gottes auf Erden?  Das Leben Jesu auf Erden. Der "heilige" Stuhl. DIE KIRCHEN- Gott ist da wo sich Menschen in seinem Namen treffen. Es geht auch ohne Kirche. Führt nicht zusammen was nicht zusammen gehört. Nicht Macht, sondern Liebe ist das Zeichen christlichen Lebens. Walter Wasilewski

Verfasst von bundesbedenkent... am 28. Juni 2011 - 17:27.

Ohne die Harmonie stören zu

Ohne die Harmonie stören zu wollen stellt sich mir die Frage, wie die...

Ohne die Harmonie stören zu wollen stellt sich mir die Frage, wie die heutige römische Ablasspraxis sich zu den anerkannten Reformanliegen Luthers verhält. Gibt es eigentlich irgend eine offizielle Stellungnahme der katholischen Kirche zu den 95 Thesen?

Verfasst von Gast am 28. Juni 2011 - 20:31.

Die Macht der kath. Kirche, des Vatikans und des Papsttums

Als allein seeligmachende römisch-katholische Kirche, hat diese Kirche es gar...

Als allein seeligmachende römisch-katholische Kirche, hat diese Kirche es gar nicht nötig sich im nachhinein zu den 95 Thesen, zum Ablasshandel und Co zu äußern.

Verfasst von Gast am 27. September 2011 - 16:28.

Das erinnert mich an These 71

Das erinnert mich an These 71 von Martin Luther, zitiert nach www.luther.de: "...

Das erinnert mich an These 71 von Martin Luther, zitiert nach www.luther.de:
"Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht. "

Verfasst von Hartmut Holz am 1. Juli 2011 - 14:46.

Wird Luther wieder Katholisch

Martin Luther wollte die katholische Kirche reformieren. Und er wollte auf...

Martin Luther wollte die katholische Kirche reformieren. Und er wollte auf keinen Fall die Spaltung der Kirche.

Natürlich war es, für eine Reformation der damaligen katholischen Kirche, fast noch zu früh. Aber es musste reformiert. Denn mit dem Ablasshandel, des Herrn Tetzel, konnte es ja so nicht weitergehen.

Gut, wenn Martin Luther wieder katholisch werden soll, dann hat Gott es so verfügt und dann soll es so sein. Aber dann muss es auch eine Einigung der beiden großen Kirchen, der EKD mit der Katholischen Kirche geben.

Und genau dieses wird noch dauern. Die Ökumene funktioniert wunderbar. Denn dieses haben wir ja gerade, am Freitag und Sonnabend, in Lübeck bei der Seligsprechung der vier Lübecker Märtyrer, gesehen.

Weiter so liebe katholische und evangelische Christen. Dann wird es auch mit der kirchenlichen Einheit wieder etwas.

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