"Wo warst du?" Gott, das Leid und die Allmacht

Insel Utøya

Auf der Insel Utøya in Norwegen wurden am Freitag mindestens 86 junge Menschen durch einen Attentäter erschossen. Foto: dpa / Aleksander Andersen

Religion für Einsteiger - "Großer Gott, steh uns bei!" Diese Schlagzeile nach den Terroranschlägen von New York und Washington war vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen. Ähnliche Gefühle gibt es angesichts des unfassbaren Massakers in Norwegen. Ein Stoßgebet, wie es eindrücklicher nicht sein kann. "Wo warst du, Gott?" So lautet die verzweifelte Frage der Menschen, die Gottes Eingreifen in der Not erwartet hätten. Doch kann man an seine Allmacht heute noch glauben?

Von Eduard Kopp und Bernd Buchner

Trauer und Entsetzen sind in diesen Tagen in Norwegen unermesslich. Und nicht nur dort: In der ganzen Welt herrscht Fassungslosigkeit über den Doppelanschlag von Oslo und der Insel Utøya. Der evangelische Dom in Oslo ist zu einem wichtigen Ort der Trauer geworden. Menschen kommen hierher, um Blumen niederzulegen, Gebete für die Opfer zu sprechen und sich auszutauschen über das Unbegreifliche. "Wie kann Gott so etwas zulassen", ist dabei eine oft gestellte Frage.

Sie wird bei jeder Katastrophe gestellt. "Wo warst du, lieber Gott, in Eschede?" So hatte ein Boulevardblatt im Juni 1998 getitelt, nachdem der ICE Wilhelm Conrad Röntgen bei Eschede 101 Menschen in den Tod gerissen hatte. Fahrgäste, die damals in den vorderen Wagen fast unverletzt überlebten, sagten den Journalisten später: "Gott hat mich vor dem Tod bewahrt." Die Angehörigen derer, die in den Trümmern der Wagen zu Tode kamen, hingegen fragten sich verzweifelt: "Warum hat Gott uns dies angetan? Warum hat er diese Katastrophe nicht verhindert? Konnte er nicht in letzter Minute die Notbremse ziehen?"

"Wo warst du, Gott?" - "Gott, steh uns bei!" Das sind zwei ganz und gar unterschiedliche Weisen, mit einer Katastrophe umzugehen: hier die quälende Frage nach der Allmacht Gottes ("Warum lässt ein liebender, allmächtiger Gott diese Katastrophen zu?"), dort ein vertrauensvolles Gebet. Hier ein philosophisches, logisch letztlich unlösbares Problem, dort ein Bekenntnis. Die Weise, wie Kirche und Öffentlichkeit das Inferno von New York und Washington zu bewältigen suchen, zeigt die Stärke des zweiten Weges: "Du wirst alle Tränen von den Augen abwischen", zitierte Bischöfin Margot Käßmann.

Glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen

Und angesichts der aus den Hochhäusern stürzenden Menschen drückte Bischof Wolfgang Huber die tiefe Hoffnung aus, dass wir Menschen "nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand". Still ist es in diesen Wochen um die komplizierte Allmachtstheologie. Und dennoch: Alle christlichen Glaubensbekenntnisse formulieren, dass Gott allmächtig ist. Die Worte im Apostolischen Credo lauten: "Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde."

Eine schwere theologische Bürde, weshalb die Suche nach Neuformulierungen voll im Gange ist. Seit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1999 in Stuttgart ist der Streit über das Bekenntnis zur Allmacht Gottes nicht zur Ruhe gekommen. Damals beteten die Protestanten ersatzweise: "Ich glaube an Gott, der die Liebe ist..." Doch inzwischen ist klar: Das heikle, den Juden und Muslimen wichtige Bekenntnis zu Gottes Allmacht lässt sich nicht einfach wegwischen.

Unerträgliche logische Widersprüche

Sicherlich hatte dies seine große historische Bedeutung zur Abgrenzung von anderen Religionen und Denkströmungen der Antike. Es diente als Stütze für den Monotheismus, den Glauben an einen einzigen Gott, gegen die unordentlichen Verhältnisse im griechischen und römischen Götterhimmel, wo etliche höhere Wesen gegeneinander kämpften. Doch für die Menschen der Moderne enthält die Vorstellung von Gottes Allmacht zu viele unerträgliche logische Widersprüche.

Dass Gott für ein von Menschen verursachtes Unglück direkt verantwortlich ist, lässt sich zumindest logisch ausschließen. Gott hat nach biblischem Bekunden eindeutig freie Menschen erschaffen. Warum und wie sollte er sie dann lenken wollen, ihre Eigenverantwortung durchkreuzen?

Die Logik versagt allerdings kläglich, wenn Menschen wahllos und ungerecht zu Opfern werden. "Warum gerade ich?" - diese Frage ist prinzipiell nicht mit Logeleien, sondern nur mit Handeln zu beantworten: durch Hilfe, Zuneigung, Trost.

„Alle Dinge sind möglich bei Gott"

Gottes Allmacht ist im Neuen Testament (anders als im Alten) kein zentraler Begriff. Das kennt zurückhaltendere Formeln, zum Beispiel diese: "Alle Dinge sind möglich bei Gott" (Markus 10, 27). Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens ist etwas anderes als die Omnipotenz: Dieser Gott ist in seinem Sohn verfolgt, verurteilt, gekreuzigt worden - aus Liebe zu den Menschen. Die Nähe zum Menschen, nicht die Herrschaft über ihn: Das ist seine Dimension.

Hans Jonas, jüdischer Philosoph und Autor, dessen Mutter im KZ getötet wurde, zog 1984 eine harte Konsequenz aus dem millionenfachen Judenmord im Holocaust. Er strich ein für alle Mal die Allmacht Gottes aus seinem Denken. Viele Christen halten gleichwohl an ihr fest. Anderen sind die Prinzipien der Liebe, des Vertrauens und der Geborgenheit für ihr Leben wichtiger.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monatsmagazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

Kommentare

Verfasst von Paul Haverkamp, Lingen am 26. Juli 2011 - 12:40.

Auch Gott hat ein Recht,

Auch Gott hat ein Recht, Tränen zu vergießen In einem Märchen des Volkes Israel...

Auch Gott hat ein Recht, Tränen zu vergießen

In einem Märchen des Volkes Israel heißt es:

Als der Tempel zerstört wurde, begann Gott zu weinen und sagte: „Was habe ich getan?!“

Da trat zu ihm Metadron, der oberste aller Engel, fiel auf sein Angesicht und sprach: „Allmächtiger! Ich will weinen, damit nur du nicht weinst!“

Gott aber entgegnete ihm: „Wenn du mich jetzt nicht weinen lässt, so gehe an einen Ort, wohin du nicht gehen darfst, damit ich daselbst weine. Dort werde ich im Geheimen klagen.“

Dreimal täglich sitze der Heilige, brüllt wie ein Löwe und spricht: „Wehe, dass ich mein Haus zerstört, meinen Tempel verbrannt und meine Kinder unter die Völker verbannt habe. Weh dem Vater, der seine Kinder vertrieben, und wehe den Kindern, die vom Tisches ihres Vaters vertrieben wurden.“

Vor dem Throne Gottes befindet sich ein Becher – der Tränenbecher. Sooft dem jüdischen Volk ein Leid angetan wird, sooft der Feind ihm Böses zufügt, sooft es von grausamer Hand geschlagen, gequält und gepeinigt wird, fällt eine Träne von den Augen Gottes in diesen Kelch. Alle Tränen Gottes werden darin für immer aufbewahrt. Wenn dieser himmlische Becher voll sein wird, wird der Messias erscheinen, nach dem sich alle sehnen.

Der Glaube an Gottes Allmacht bzw. Omnipotenz gerät vor dem Hintergrund der Ereignisse in Norwegen erneut in schweres Gewässer.

Wir Menschen werden lernen müssen, dass wir Gott nicht für alles in der Welt – vor allem für alles Unheil – in die Verantwortung ziehen können und dürfen. Gottes Grenzen liegen in den Naturgesetzen, in der Entwicklung der menschlichen Natur und der menschlichen Freiheit.

Gott verursacht nicht unser Unglück. Manches Unglück ist einfach Missgeschick, anderes wird von schlechten Menschen verursacht oder ist nur die unvermeidliche Folge unseres menschlichen, sterblichen Daseins in einer Welt unabänderlicher Naturgesetze. Die schmerzlichen Dinge, die uns widerfahren, sind nicht etwa Strafen für schlechtes Betragen und schon gar nicht in irgendeiner Weise Teil eines Gottesplanes. Weil das Unglück nicht von Gott kommt, brauchen wir uns nicht von Gott verlassen oder verletzt zu fühlen, wenn uns ein Schicksalsschlag trifft. Wir können uns an Ihn wenden, damit Er uns hilft, ihn zu ertragen, gerade weil wir wissen, dass Gott genauso von ihm betroffen ist.

Spielt nun Gott in meinem Leben keine Rolle mehr? Hat Gott schlichtweg ausgedient?

Nein! Nein! Nein!

Gott gibt es den Menschen ein, anderen, die von Leid betroffen sind, zu helfen, und durch diese Hilfe werden sie der Gefahr entrissen, sich allein, verlassen oder verurteilt zu fühlen. Gott verursacht oder verhütet zwar nicht die menschlichen Schicksalsschläge, aber Er hilft, dass Menschen einander beistehen.

Ein chassidischer Rabbiner des 19. Jahrhunderts drückte es einmal so aus: „Menschen sind die Sprache Gottes.“ - Gott offenbart Seinen Widerwillen gegen menschliches Leid nicht dadurch, dass Er sie nicht geschehen oder nur bösen Menschen widerfahren lässt, sondern dadurch, dass Er gute Freunde und Nachbarn veranlasst, die Last tragen zu helfen und die Leere auszufüllen.

Gott kann die Unglücke und Katastrophen in unserer Gesellschaft nicht verhindern, aber Er gibt uns die Kraft und Ausdauer, um mit ihm fertig zu werden, und zwar indem Er uns seine Boten, seine Engel schenkt, die an unserer Seite stehen, unser Leid mittragen und auf diese Weise es für jeden Einzelnen erträglicher machen.

Auf die Frage nach dem „Warum?“ werden wir Menschen nie eine uns überzeugende Antwort bekommen; diese zentrale Frage der Theodizee wird den Menschen auf Ewigkeit unbeantwortet bleiben.

Deshalb sollten wir Menschen uns auf den Auftrag konzentrieren, die Klagen Hiobs in unserer Gegenwart dadurch zu begleiten, dass wir mit Gott weinen, unserem Nächsten bzw. Nachbarn unsere Nähe schenken und ihm auf diese Weise deutlich machen, dass Gott in unserer Nähe ist – der Gott der Liebe, der Menschlichkeit und der Solidarität.

Es gilt sich zurückzuerinnern an den Begriff der ‚Epikie’, jenem Grundbegriff aristotelisch-scholastischer Ethik, die sich in selbstverantwortlicher Handlungsweise vor allem mit den Menschen verbunden wusste, die leiden, die sich ausgestoßen fühlen, die trauern und die keine Hoffnung mehr sehen können in ihrem Leben.

Ein ehemaliger KZ-Häftling in Sibirien formulierte sein Gottesbild wie folgt:

Ich suchte meinen Gott, und er entzog sich mir.

Ich suchte meine Seele, und ich fand sie nicht.

Ich suchte meinen Bruder, und ich fand sie alle drei.

Paul Haverkamp, Lingen

Verfasst von Gast am 27. Juli 2011 - 14:43.
Kommentar auf: Auch Gott hat ein Recht,

Danke für den Beitrag: Weise

Danke für den Beitrag: Weise und macht Mut.

Danke für den Beitrag: Weise und macht Mut.

Verfasst von marianne.henric... am 25. Juli 2011 - 19:08.

Gebote

G´´tt, Der die Liebende Allmächtigkeit ist, Schöpfer und...

G´´tt, Der die Liebende Allmächtigkeit ist, Schöpfer und Erhalter des Lebens, hat uns Menschen Gebote zum Leben gegeben.Aus Liebe und Fürsorge für uns. Die gesetze Noach, die Zehn Gebote, das wichtigste Gebot dem nächsten zu lieben wie sichselbst.

G´´tt leidet mit dem,der leidet unter die Folgen der Gesetzlosigkeit und ruft uns immer wieder auf, zurückzukehren zu Ihm (und aus Liebe zu Ihm und Seine Geschöpfe-Tiere gehören dazu-Seine Gebote einzuhalten).

Yeshua trug álle unsere Schmerzen, ER( G´´tt Sélbst) kennt Schmerzen uns Leid, zu IHM können wir gehen mit unsere Fassungslosigkeit.

Marianne Henrici

Verfasst von linsenspaeller am 25. Juli 2011 - 15:20.

Wohin gehst Du?

Diese Frage nach der Allmacht und Allverantwortlichkeit von Gott hat mich vor...

Diese Frage nach der Allmacht und Allverantwortlichkeit von Gott hat mich vor fünfunddreißig Jahren aus dieser Kirche getrieben. Aber ich habe nicht aufgehört, darüber nachzusinnen. Das Leid und das Unrecht haben im Erkenntnisprozess der Menschen eine zentrale Bedeutung. Wir wollen doch nicht ewig Grünschnäbel bleiben. Und Gott, wenn es ihn gibt, will, daß wir diese Reife erlangen. Wie könnte er jemanden auferstehen lassen, der nicht einmal weiß, was Leid oder Schmerz ist? Ob man nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand, das weiß ich nicht. Aber ich möchte, daß der Tod etwas ist, das keine Probleme, Prüfungen, Urteile, Konflikte oder Zweifel mehr nach sich zieht. Nur noch eine zwanglose Leichtigkeit, bei der egal ist, ob sie nur Sekunden oder eine Ewigkeit dauert. Ein vorwursvoll und kleinlich herum nörgelnder Gott mit welcher Allmacht auch immer würde diesen Anspruch zunichte machen. Wenn das Christsein eine kostenpflichtige Dienstleistung ist, mit AGB und Vertragsbindung, dann lieber richtig tot.

Verfasst von Ingo1971 am 25. Juli 2011 - 15:00.

„Du musst innewerden und

„Du musst innewerden und erfahren, was für Jammer und Herzeleid es...

„Du musst innewerden und erfahren, was für Jammer und Herzeleid es bringt, wenn Du den Herrn, deinen Gott verlässt und ihn nicht fürchtest.“

Jeremia 2,19

“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer

Verfasst von Eberhard am 25. Juli 2011 - 12:49.

Alle Dinge sind unmöglich bei Gott

Ich glaube, das die Kirche keine Zukunft hat, die Natur ja!

Ich glaube, das die Kirche keine Zukunft hat, die Natur ja!

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