"Vier Kinder waren ihm das Opfer wert"

Jugendgewalt - Seinen Mut hat Dominik B. mit dem Leben bezahlt. Bei der Trauerfeier an der S-Bahn-Station München-Solln sagte der evangelische Pfarrer Christian Wendebourg, der von zwei Jugendlichen getötete 50-Jährige habe der Zivilcourage stellvertretend ein unverwechselbares Gesicht gegeben. Hier die Ansprache des Geistlichen im Wortlaut.

Von Christian Wendebourg

Liebe Sollnerinnen und Sollner,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus München und Umgebung,
liebe Mitchristinnen und Mitchristen!

Christus spricht: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt. 5,9)
Hier und heute geht es nicht im die Politik, sondern um jede einzelne und jeden einzelnen von uns.
Dominik Brunner war einer von uns, aber die Täter und die Zeugen der Bluttat genauso.
So sind wir selbst gefragt – als Einzelne, als Bürger, als Christen!

STEINE
In jedem von uns steigen Tränen, Angst und Wut auf – das Gefühl der Verzweiflung, der Ohnmacht, des Zornes. Der Ruf nach staatlicher Gewalt, um uns davor zu schützen , lässt sich kaum unterdrücken.
Aber wir wissen es selbst: Damit zementieren wir nur die tödliche Spirale der Gewalt. Die Steine werden zu Mauern des Gefängnisses für die Täter, aber auch für uns.
Halten wir inne, so geht die Frage an uns:
Wo bist Du, Mensch...
● wenn Jugendliche mitten unter uns so aufwachsen, dass ihre Aggression keine Grenze mehr kennt?
● wenn ich selbst Zeuge eines solchen Geschehens mitten unter uns werde?
Wo schaue ich weg, wo Reden und Handeln geboten wäre – am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof, im Straßenverkehr, in unseren Familien, in öffentlichen Verkehrsmitteln?
- Stille -
Aus den Steinen der Wut wird der Stein des Eingestehens, dass wir selbst immer wieder versagt haben und versagen.

ROSE
Christus spricht: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Was unterbricht die Spirale der Gewalt?
Nach dieser schrecklichen Verkettung der Ereignisse fragen wir uns alle:
Wenn Zivilcourage zum gewaltsamen Tod führen kann, muss ich mich dann in dieser Weise einbringen? Sollten wir unseren Kindern nicht sagen: Halte Dich raus, bringe dich nicht Gefahr, riskiere nicht zu viel.
An dieser Stelle ist es entscheidend:
Als Erstes soll uns nicht Dominiks Brunners TOD, in Erinnerung bleiben,
sondern seine TAT!
Sein Einsatz hat die Spirale der Gewalt unterbrochen. Sein Mut hat vier Kinder geschützt.
In seinem Eingreifen hat er ein Signal gesetzt, dass wir Gewalt und Erpressung beherzt entgegentreten müssen.
So werden wir nicht zu Opfern durch lähmendes Entsetzen oder Resignation, sondern zu mutigen Streitern für den Frieden. So ist Dominik Brunners Tat ein Fanal unverzichtbaren selbstlosen Einsatzes für unseren Stadtteil, für unsere Stadt, für unsere ganze Gesellchaft.

LICHTER
Dominik Brunner hat seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt. Darin wird der Einsatz nicht sinnlos, sondern besonders kostbar. Vier Kinder waren ihm das Opfer wert. Auch wenn er nicht wusste, was auf ihn zu kam, hat er nicht vorher berechnet, ob es sich überhaupt lohnt.
Der Einsatz für Andere kann auch unser Leben kosten. In uns gilt es zu entscheiden, was wir bis zuletzt verteidigen, wofür wir mit und für unsere Kinder einstehen.
So zünden wir ein Licht an
● für Dominik Brunner in tiefer Dankbarkeit und in Fürbitte für ihn, seine Angehörigen und die Menschen, mit denen er verbunden war
● für alle Berufe, die täglich helfen, die Spirale der Gewalt zu verhindern, die Sicherheitsdienste, Polizei, die Sanitäter, die Pfleger und Sozialarbeiter -
aber genauso alle die, die sich vor uns und neben uns persönlich und ohne dass wir davon wissen, für Andere einsetzen
● für die Täter und ihre Familien, dass wir auch für sie Wege aus dieser sinnlosen Spirale ihres Lebens finden
● für die Politiker, die mit diesen Fragen verantwortlich umgehen müssen
● in der Bitte an unseren Gott, dass er uns im Zweifelsfall Mut, Umsicht und Kraft schenken möge, uns mit unserer ganzen Person für Andere einzusetzen.

Dominik Brunner hat der Zivilcourage stellvertretend ein unverwechselbares Gesicht gegeben.
So lasst uns am Ende dieser Andacht , nach den Worten des Bezirksratsvositzenden unseres Stadtteils Hans Bauer im Gedenken Lichter und Rosen in die Steinspirale stellen.

Vorher nehmen Sie sich aber ein Blatt von der Rose mit – für Ihr Portemonnaie, Ihre Hand- oder Brieftasche, als Lesezeichen oder ins Federmäppchen.
- Erinnerung und Zeichen, mutig füreinander einzustehen an allen Orten,
an die wir im Alltag gestellt werden.

Amen

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