Röttgen lenkt im Streit um AKW-Laufzeiten ein

Das Atomkraftwerk Biblis in Hessen. Block B links, Block A rechts.

Noch sei nichts beschlossen. Doch die Modellrechnungen für eine längere Laufzeit von Atomkraftwerke werden immer höher geschraubt. Nun sind bis zu 28 Jahre im Gespräch. Foto: dpa / Boris Roessler

Pläne - Noch am Mittwoch hatte Umweltminister Röttgen gesagt, es gehe um eine Verlängerung von "maximal 20 Jahren". Nun sind längere Laufzeiten für Atomkraftwerke bis zu 28 Jahren im Gespräch.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist nach Informationen des "Handelsblatts" nun doch bereit, für das energiepolitische Gesamtkonzept auch mit längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke bis zu 28 Jahren rechnen zu lassen. Bei einem Gespräch mit Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) habe Röttgen sich bereiterklärt, auf diesen Kurs einzuschwenken, berichtet das Blatt (Freitag) unter Berufung auf Regierungskreise. Noch am Mittwoch hatte Röttgen gesagt, es gehe um eine Verlängerung von "maximal 20 Jahren". Er hatte sich zunächst dafür eingesetzt, die Regellaufzeit von 32 Jahren um höchstens 8 Jahre zu verlängern. Das Energiekonzept, das im Herbst vorliegen soll, dient der Bundesregierung als Basis für die energiepolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahre.

Laufzeitverlängerung: "Eine Frage der Sicherheit"

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) pochte im "Handelsblatt" auf ein Mitspracherecht der Bundesländer bei der Laufzeit-Frage. "Natürlich ist zur Verlängerung der Laufzeiten ein Gesetz notwendig, und dafür ist auch eine Mehrheit im Bundesrat nötig. Die Länder müssen einer Laufzeitverlängerung also zustimmen", sagte Rüttgers.

Der NRW-Regierungschef, dessen schwarz-gelbe Koalition in Düsseldorf derzeit keine Mehrheit erwarten kann, stützte den in der CDU umstrittenen Atom-Kurs von Umweltminister Röttgen. Längere Laufzeiten seien nicht einfach nur eine Frage der Gegenleistung durch die Atomkraftwerksbetreiber. "Kernenergie hat in Deutschland keine hohe Akzeptanz. Deshalb hat der Bundesumweltminister Recht, wenn er sagt, dass sich die Entscheidung über die Laufzeitverlängerung aus der Frage der Sicherheit und der Frage des künftigen Energie-Mixes ableiten muss und nicht aus einer Gegenleistung", sagte Rüttgers.

Union prüft bis zu 28 Jahre längere Atomlaufzeit

Die Union will auf Druck ihrer Wirtschaftspolitiker eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke von bis zu 28 Jahren prüfen lassen. CDU/CSU-Politiker bestätigten am Dienstag in Berlin eine entsprechende Bitte des Fraktionsvorstandes an die Regierung. Auch wenn es sich zunächst nur um Modell-Rechnungen im Rahmen des für den Herbst geplanten nationalen Energiekonzepts handelt: Die Union entfernt sich damit von der von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ins Spiel gebrachten Laufzeitverlängerung von "nur" etwa acht Jahren bis 2030.

Eine Verschiebung des Atomausstiegs um 28 Jahre auf das neue Endjahr 2050 brächte den Konzernen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW über Jahre Milliarden-Zusatzgewinne für steuerlich längst abgeschriebene Anlagen. Schwarz-Gelb will davon aber einen großen Teil abschöpfen, um vor allem Speichertechnologien bei Öko-Energien voranzubringen. Kritik kam aus der Opposition und von Umweltschützern. Nach dem noch gültigen Atomgesetz soll der Atomausstieg bis 2022 vollzogen werden.

Mögliche Szenarien für das Energiekonzept

Nach einer Sitzung des Koalitionsausschusses betonten CSU- Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich und der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Fraktion, Peter Altmaier (CDU), zur tatsächlichen Laufzeitverlängerung sei noch nichts beschlossen. Die Wirtschaftspolitiker hätten jedoch eingeräumt, dass die Szenarien für das Energiekonzept bei 28 statt bisher 20 Jahren enden sollten, sagte Friedrich. "Ich denke, das ist richtig."

Die von der Bundesregierung geplanten Alternativ-Berechnungen dienen der Ermittlung der künftigen Anteile von Atom-, Kohle- und Ökostrom zur Sicherung der Energieversorgung (Energiemix). Röttgen, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) hatten sich für die nötigen Modellrechnungen zuletzt auf Laufzeitverlängerungen von 5, 10, 15 und 20 Jahren verständigt.

"Längere AKW-Laufzeiten lösen kein Problem"

Bei einer längeren Laufzeit von 28 Jahren würde sich die nach dem Atomgesetz angenommene Regellaufzeit für Reaktoren im Extremfall von 32 auf 60 Jahre verlängern. Auch FDP-Umweltsprecher Michael Kauch sagte auf dpa-Anfrage: "Die Rechnung von Szenarien ist keine Vorentscheidung. In der Koalition ist vereinbart, dass die Kernkraft nur eine Brücke in das regenerative Zeitalter sein soll.

Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, forderte die Union auf, ihre Pläne noch einmal zu überdenken. "Dann käme sie vielleicht zu der Erkenntnis, dass längere AKW-Laufzeiten kein einziges Problem lösen, aber unzählige schaffen." Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf der CDU/CSU vor, mit längeren Atomlaufzeiten die Modernisierung der Energieversorgung zu blockieren. Bis Mitte des Jahrhunderts sei ein Umstieg auf 100 Prozent Öko-Energien nötig, sagte BUND-Chef Hubert Weiger. Solche Investitionen würden jedoch durch die Laufzeitverlängerung verhindert. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kündigte wie zuvor die SPD-Führung die Teilnahme an Antiatom-Aktionen im April an.

dpa

 

Kommentare

Verfasst von Gast am 28. März 2010 - 13:47.

Ist Strom aus Kernenergie nicht unmoralisch?

Wer die Erderwärmung begrenzen will, muß Atomkraftwerke abschalten, auch weil...

Wer die Erderwärmung begrenzen will, muß Atomkraftwerke abschalten, auch weil sie via Kühlwasser Flüsse und Umgebung aufheizen und selbst im sogenannten Normalbetrieb Radioaktivität emittieren (das heißt: abstrahlen).

Die Atomwirtschaft ist eine Branche, bei der trotz Privatisierung in realsozialistischer Manier immer noch der Staat haftet, falls etwas schief geht. Sie steht völlig ungerechtfertigt im Ruf, billigen Strom zu produzieren. Die externen Kostenfaktoren bei der Erzeugung von Kernkraftstrom hat, unter Helmut Kohl, das damalige Bundeswirtschaftsministerium 1992 durch die renommierte Baseler PROGNOS AG berechnen lassen. Diese Studie der PROGNOS AG trägt den Titel: "Identifizierung und Internalisierung der externen Kosten der Energieversorgung." Aus ihr geht hervor, daß bei Berücksichtigung der externen Gesamtkosten der wirkliche für die deutsche Volkswirtschaft entstehende Preis einer Kilowattstunde Kernkraftstrom schon damals circa 4 DM betragen hat. Das wären heute circa 2 €. Die günstigen Produktionskosten für Ökostrom betragen bei Windkraftstrom 0,06 Euro pro Kilowattstunde. Der Höchstpreis für solaren Ökostrom beträgt inklusive 19 % Mehrwertsteuer aktuell 0,68 Euro. Wenn aber der Kernkraftstrom mindestens doppelt so viel kostet wie die erneuerbaren Energien, warum, in Himmels Namen, sollen wir uns dann diese ganze entsetzliche Umweltproblematik (Tschernobyl!) der Kernenergie weiterhin "ans Bein binden"?!

Mit freundlichen Grüßen

Ulla Veith
Vorstandssekretariat

BUNDESVERBAND CHRISTLICHE DEMOKRATEN GEGEN ATOMKRAFT (CDAK), CDU/CSU - Mitglieder für die Überwindung der Kernenergie
Bundesgeschäftsstelle
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