Strahlung in Europa: "Die Zahlen werden schöngerechnet"

Leukämieerkrankte Kinder aus Tschernobyl

An Leukämie erkrankte Kinder aus Tschernobyl in einem Kinderkrankenhaus in Minsk, Weißrussland, im Dezember 1990. Sie wuchsen in radioaktiv verseuchten Gebieten auf. Foto: epd-bild/Theo Heimann

Atomkraft - Wenn es um Atomkraft geht, geht es immer auch um eine der größten Katastrophen, die Europa in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ereilte: Das Reaktor-Unglück von Tschernobyl. Für die Strahlenschützer von IPPNW, früher bekannt als "Ärzte gegen den Atomkrieg", ist es auch ein Beispiel, wie die Atomlobby die Gefahren der Atomkraft herunterspielt.

Von Thomas Klatt

Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima steht das Telefon bei der deutschen Sektion von IPPNW nicht mehr still. "Wir werden von E-Mail-Anfragen und besorgten Briefen überschwemmt. Die Menschen wollen jetzt einfach etwas tun, Unterschriften gegen die Atomkraft sammeln, Aktionen machen, damit unsere Regierung jetzt wirklich die Kernkraftwerke stilllegt. Innerhalb weniger Wochen haben wir über Hundert neue Mitglieder aufgenommen", erzählt Angelika Claußen, Psychiaterin und Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied beim Verein "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung", früher gerne "Ärzte gegen den Atomkrieg" genannt, heute IPPNW.

Auch die Resonanz auf den Jahreskongress des Anti-Atom-Verbandes war seit Jahren nicht mehr so groß wie in diesem Jahr. Mit der Überraschung über die plötzliche Wende der Kanzlerin in Sachen Atomstrom waren die Besucher nicht allein. "Das stieß bis vorgestern auf taube Ohren", erinnert sich der Theologe und Mitbegründer des Freiburger Öko-Instituts, Günter Altner, an die Kritik an der Atomkraft zu Zeiten, als Angela Merkel noch Umweltministerin war. Damals sei die heutige Kanzlerin eine "unbelehrbare Streiterin für Atomenergie" gewesen, sagt Altner. Und auch heute müsse man gegenüber einer Politik des überstürzten Ausstiegs misstrauisch bleiben.

Experten: Atomkraft ist nicht ungefährlich

Auf dem IPPNW-Kongress räumten die Referenten mit der Idee auf, Atomkraft im Normalbetrieb sei ungefährlich. Der Biologe Alexey Yablokov beispielsweise ist der unumstrittene Nestor der russischen Umweltbewegung. Er ist Gründer und Präsident des Zentrums für russische Umweltpolitik in Moskau. Zusammen mit seinem Forscherteam kann er heute grundlegend andere Opferzahlen in Folge des Tschernobyl-Unfalls vorlegen, als offiziell zugegeben werden. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Zunahme von Atemwegserkrankungen, vorzeitigen Alterungen und Genveränderungen.

"Wir rechnen mit 400.000 zusätzlichen Todesfällen allein in den drei betroffenen Gebieten Ukraine, Russland und Weißrussland. Man kann es hochrechnen bis nach West-Europa, da die meisten Radionukleide in West-Europa herunterkamen," sagt Yablokov: "Insgesamt schätzen wir, dass es in ganz Europa 1,2 Millionen mehr Todesfälle in Folge der Havarie von Tschernobyl geben wird, und nicht um die 9.000, wie von der WHO berechnet wurde." Der russische Wissenschaftler spricht von Vertuschung in der Atom-Industrie und und fordert ein unabhängiges Monitoring von Radioaktivität.

Es werde viel schöngerechnet bei den Regierungen, der Weltgesundheitsorganisation WHO und der internationalen Atomenergiebehörde IAEO. Den offiziellen Zahlen könne man nicht trauen, erklärt IPPNW-Expertin Claußen: "Die machen es so, dass sie an verschiedenen Stellen ihrer Studien die Zahlen herunter rechnen. Man weiß schon nicht, wie viel Strahlung aus Tschernobyl herausgekommen ist, und dann werden von der IAEO die niedrigsten radioaktiven Inhalte als Schätzungen genommen."

IPPNW widerspricht den offiziellen Zahlen

Auch bei den betroffenen Gebieten nähmen die offiziellen Stellen die günstigste Berechnungsgrundlage: Die internationalen Organisationen erfassen nur die drei unmittelbar von Tschernobyl erfassten Länder, nämlich Russland, Ukraine und Weißrussland. "Europa interessiert die WHO nicht. Und das, obwohl 53 % des radioaktiven Inventars auf West-Europa ohne die drei Tschernobyl-Länder heruntergekommen sind", beklagt Medizinerin Claußen. "Noch heute sind die Pilze aus dem Bayrischen Wald, die Wildschweine und Rehe von dort radioaktiv belastet. Wenn ich diese Nahrung vermeide, vermeide ich eine erhebliche Last an Strahlenbelastung für meinen Körper."

Nicht nur die Strahlenwerte, auch die Zahlen der Aufräumhelfer in Tschernobyl, der so genannten Liquidatoren, stimmten in den offziellen Statistiken nicht: Die WHO spreche von 200.000, tatsächlich seien es aber über 800.000, von denen 90 Prozent an ihrer Strahlendosis erkrankten, so die Zahlen von IPPNW.

Kinder kommen in den offiziellen Zahlen ebenfalls zu kurz: "Nach der Katastrophe wurden im belasteten Gebiet etwa 500.000 Kinder geboren. Die Geburtenrate ist drastisch unternormal. Gehirntumore stiegen bei kleinen Kindern stetig an, auch Leukämie", erläutert die Strahlenmedizinerin Angelina Nyagu aus Kiew. Vor allem die genetischen Degenerationen seien besorgniserregend. Bis zu 400 Millisievert hätten die kleinen Kindergehirne im Mutterleib abbekommen, und die Folgen seien dramatisch: Kinder seien intelligenzgemindert. Es gebe außerdem eine deutlich erhöhte Depressions- und Selbstmordrate der Kinder von Tschernobyl.

Auch angeblich sichere Atomkraftwerke belasten ihre Anwohner

Auch die neuen Dörfer für die Evakuierten wurden in kontaminierten Gebieten in der Nähe von Kiew gebaut. Die Strahlenopfer müssten eigentlich aus diesen Gebieten raus: "Aber es ist kein Geld da und seit drei Jahren wurde kein Monitoring mehr durchgeführt. Mehr als 70 Prozent unserer Bevölkerung ist gegen Atomkraft, aber es wird weiter an neuen gebaut", kritisiert Nyagu. Aber die Anti-Atom-Lobby ist nicht stärker als die Stromindustrie, auch wenn die Wähler hierzulande zur Zeit eher gegen Atomkraft sind.

Aber die Argumente der Atom-Industrie werden bald wieder lauter zu hören sein, zum Beispiel, dass die "natürliche Hintergrundstrahlung" in Deutschland viel höher sei als jede radioaktive Belastung durch Atomunfälle. Allerdings: Nach den überirdischen Atomwaffenversuchen bis in die 1960er Jahre, spätestens aber nach Tschernobyl, seien die Alltagswerte dermaßen belastet, dass es kaum noch Messwerte ohne dieses menschengemachte Mehr geben könne, wurde auf dem IPPNW-Kongress klargestellt.

Auch die angeblich sicheren deutschen Atomkraftwerke belasten die Bevölkerung permanent. Zusammen mit Ralf Kusmierz und Kristina Voigt veröffentlichte der Münchener Biomathematiker Hagen Scherb im Oktober 2010 eine wissenschaftliche Studie mit dem Ergebnis, dass die Atomkraft schon im Normalbetrieb bei der Bevölkerung genetische Veränderungen hervorruft. In der Umgebung von Atomkraftwerken in Deutschland und der Schweiz wurden signifikant weniger Mädchen geboren, weil offensichtlich das Erbgut der Eltern durch Strahlung modifiziert wurde.

"Mit Atomkraft verkaufen wir Krebs"

Die Kinderkrebsstudie von 2007 brachte eindeutige Ergebnisse: "Je näher ein Kleinkind an einem Atomkraftwerk wohnt und lebt insbesondere in einem 5-km-Radius, desto höher ist das Risiko, an Krebs oder an Leukämie zu erkranken. Da gibt es einen eindeutigen negativen Abstandstrend. Dabei wurden andere Atomanlagen wie etwa Gorleben damals gar nicht untersucht", erklärt die deutsche IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen.

Auf den Punkt brachte es die australische Ärztin Helen Caldicott, die sich seit 40 Jahren gegen Atombombenversuche und gegen Atomkraft einsetzt und dafür mit dem "Nuclear-Free Future Award" ausgezeichnet wurde: "Jede zusätzliche Radioaktivität erzeugt mehr Krebs. Mit Atomkraft verkaufen und exportieren wir Krebs! Es ist unsere Aufgabe als Ärzte, im Interesse unserer Patienten, Kinder und künftiger Generationen über die Gefahren aufzuklären und gegen Atomkraft zu kämpfen." Ohne öffentliche Unterstützung wird diese Botschaft allerdings bei Strommanagern und Politikern nicht ankommen. Der Weg in eine atomkraftfreie Zukunft ist noch lang.


Thomas Klatt ist freier Journalist in Berlin.

Kommentare

Verfasst von MINT-Student am 11. April 2011 - 18:33.

Man wittert Morgenluft !

1.) Die Bevölkerungsdosis, d.h. die zusätzliche  ...

1.) Die Bevölkerungsdosis, d.h. die zusätzliche   Strahlenbelastung der unmittelbaren Umgebung aus den Emissionen der Kernkraftwerke in Deutschland beträgt insgesamt  ca. 0,005 mSv. Damit liegt  diese Dosis weit unterhalb der natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland von ca. 2,1 mSv (Mittelwert) und der zusätzlich applizierten medizinischen Strahlenbelastung von ca. 1,8 mSv (Mittelwert).
Man muß also schon viel Phantasie haben, um eine Kausalität zwischen Krebserkrankungen und  der Nähe zu KKW herzustellen.

2.) Die sog. Kinderkrebsstudie von 2007 weist gerade für 29 (!) Fälle über  eine Zeitreihe von 23 (!) Jahren eine grenzwertig signifikante Kontingenz zwischen  Entfernung von  KKW  zum Wohnort  und der Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern auf.
Aus gutem Grund ist sie wieder in der Versenkung verschwunden.
 
Fazit: Die Veröffentlichungen des IPPNW  sind  offenbar gezielte Panikmache. Man wittert wieder Morgenluft !
Leider werden sie damit Erolg haben. Dieses Forum zumindest sollte auch die neutralen Stellungnahmen in der Fachpresse  zu diesem Thema veröffentlichen oder die Thematik  ganz meiden ! 

Verfasst von Patient am 11. April 2011 - 22:42.
Kommentar auf: Man wittert Morgenluft !

Eine Frage des Glaubens?

Wie heißt es so schön: zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder...

Wie heißt es so schön: zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Da vertraue ich lieber den Aussagen des IPPNW als einem Double-MINT-Studenten.

Ich zumindest kann verstehen, dass Ärzte vor dem Dreck warnen, den sie im Zweifelsfall auszubaden haben. Die Patienten machen es 'nur' einmal durch (schlimm genug!!), die Ärzte mehrfach.

Was hätte diese Organisation von 'gezielter Panikmache'?
Gewinne aus Atomstromverkäufen wohl kaum. Und selbst wenn man unterstellt, dass alle diese Ärzte Betreiber von erneuerbaren Energien wären, bliebe der Gewinn eher mager: im Gegensatz zu KKW sind die Margen deutlich kleiner, weil bei allen anderen Energieformen auch Haftpflichtbeiträge anfallen.

'Man wittert Morgenluft' - aha. Wobei Morgenluft finde ich persönlich sehr schön, solange man sie noch genießen kann.

Arbeiter aus KKW die immer wieder wie aus einem Mund beteuern, ihre Familien wohnen schließlich auch quasi direkt im KKW, sind mir suspekt.

Verfasst von MINT-Student am 12. April 2011 - 12:32.
Kommentar auf: Eine Frage des Glaubens?

Keine Glaubensfrage!

Sehr geehrter Patient, tja, wir sind immer Lernende und niemand im Besitz einer...

Sehr geehrter Patient,

tja, wir sind immer Lernende und niemand im Besitz einer  endgültigen Wahrheit. (Nebenbei:Der von mir sehr verehrte Ludwig Marcuse bezeichnete sich zeitlebens als "bejahrter Philosophiestudent". ) Allerdings reicht in den MINT-Wissenschaften bereits ein einziger begründeter Zweifel aus, um ein ganzes Gedankengeäude in Frage zu stellen. Und genau dies habe ich aufzeigen wollen. Von Medizinern sollte man zumindest eine gewisse Affinität zu naturwissenschaftlichen Methoden erwarten.Und von einem Forum, welches aus zwangsweise eingetriebenen Steuern finanziert wird (gottlob zahle ich noch keine ...)  sollte man erwarten, daß umstrittene Themen auch kontrovers dargestellt werden.
Dabei stimme ich Ihnen gerne zu, wenn Sie in Bezug auf die leitenden  Personen des IPPNW ein primär pekuniäres Interesse verneinen. Der politische Einfluß und die Nähe zur Macht steht für diesen Personenkreis  zweifellos an erster Stelle.

Verfasst von Ambrosius am 12. April 2011 - 15:03.
Kommentar auf: Keine Glaubensfrage!

"Die Zahlen werden schöngerechnet"

Wer hat denn die meisten Studien finanziert? Das waren nicht die armen...

Wer hat denn die meisten Studien finanziert? Das waren nicht die armen Atomkritiker, sondern die reiche Atomlobby. Und wer anschafft hat das Sagen. Und "Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing".
Von daher sind auch die meisten Studien in der Tat schöngerechnet. Das weiß doch heute jeder Richter, dass Gutachten gefälscht und geschönt werden. Warum sonst würde gerichtlicherseists noch ein Gegengutachten angefordert.
Zum Schluß: "Niemand ist im Besitz der endgültigen Wahrheit." Das gilt aber bitte für alle! Und eines ist sicher, wer nach der Wahrheit sucht, der wird sie, wenn auch stückweise, finden - und am Ende sehr überrascht sein.

Verfasst von MINT-Student am 12. April 2011 - 18:42.

Schlimmer als die Inquisition !

Wenn es nicht den historischen Fakten widersprechen würde, könnte ich...

Wenn es nicht den historischen Fakten widersprechen würde, könnte ich erwidern, Sie seien  wie die Inquisitoren im Galilei-Prozeß, die sich angeblich geweigert haben sollen, durch das Fernrohr zu sehen.
Aber die katholische Kirche war damals wissenschaftlichen Fakten gegenüber aufgeschlossener als dies heute auf protestantischen Foren der Fall zu sein scheint.
Aus Ihrem letzten Satz entnehme ich, daß Sie glauben, in den Besitz der Wahrheit gelangen zu können. Das haben damals noch nicht einmal die Inquisitoren geglaubt - höchstens die Wiedertäufer und die apokalyptischen Schwarmgeister ( ach ja, die heißen ja jetzt "Die Grünen.".. )

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